# taz.de -- Erster Migra-Streik in Halle: „Es ist doch nicht alles verloren in Sachsen-Anhalt“
> Am 5. November streiken Migrant*innen in Halle (Saale). Es gehe unter
> anderem um Sichtbarkeit, sagt Mitorganisatorin Dalal Mirzo.
(IMG) Bild: Was bleibt vom Migra-Streik?
taz: Frau Mirzo, [1][Mitte September haben Sie der taz erzählt], wenn die
AfD an die Macht kommt, überlegen Sie, Halle zu verlassen, obwohl Sie
eigentlich bleiben wollen. Wie geht es Ihnen jetzt?
Dalal Mirzo: Tatsächlich erleben mein Kind und ich schon seit eineinhalb
Jahren mehr Ausgrenzung und Diskriminierung – auf der Straße, in
öffentlichen Verkehrsmitteln und in der Schule. [2][Nach den
Wahlergebnissen vom 6. September wurde es schlimmer]. In manchen
Begegnungen hatte ich zunehmend das Gefühl, dass wir als Menschen mit
Migrationsgeschichte nicht mehr willkommen sind. Gleichzeitig sehe ich in
Halle, wie viel Bewegung es gibt.
taz: Wie sieht die aus?
Mirzo: Wie viele Kollektive sich in den letzten Wochen gegründet haben, wie
viele Aktionen stattfinden, um Menschen mit Migrationsgeschichte zu
supporten oder allgemein für die offene Gesellschaft für alle einzutreten.
Das hat mir viel Hoffnung und Mut gegeben. Besonders in den letzten zwei
Wochen habe ich ein neues Vertrauen gewonnen, dass doch nicht alles
verloren ist und [3][es sich lohnt, in Sachsen-Anhalt und Halle zu
bleiben]. Deswegen überlege ich immer noch, auch wenn die AfD die Regierung
stellt, zu bleiben.
taz: Auch Sie haben nach der Wahl die [4][Initiative „MigraStark“]
mitgegründet. Jetzt planen Sie einen Streik von Migrant*innen in Halle
am 5. November, [5][den zweiten in Sachsen-Anhalt]. Warum?
Mirzo: Weil wir sichtbar machen möchten, was vielen selbstverständlich
scheint. Was würde passieren, wenn alle Menschen mit Migrationsgeschichte
für einige Stunden ihre Arbeit niederlegen oder ihre Geschäfte schließen,
ihre alltäglichen Aufgaben unterbrechen? Es geht uns nicht darum, Menschen
gegeneinander auszuspielen. Auch wollen wir nicht den Wert eines Menschen
an seiner Produktivität oder wirtschaftlichen Leistung messen. Jeder Mensch
hat unabhängig davon, ob er arbeitet, Steuern zahlt oder wirtschaftlich
etwas beiträgt, den gleichen Wert und das gleiche Recht auf
gesellschaftliche Teilhabe und ein Leben in Würde. Mit dem Streik möchten
wir vielmehr sichtbar machen, wie selbstverständlich Menschen mit
Migrationsgeschichte Teil unseres gesellschaftlichen Alltags sind und wie
sehr ihre Beiträge oft übersehen werden.
taz: Wen wollen Sie mit der Aktion erreichen?
Mirzo: Wir möchten ein Zeichen gegen Rassismus, Diskriminierung und
Ausgrenzung setze. Ich wünsche mir, dass diese Aktion wirklich wahrgenommen
wird, nicht nur von stabilen Menschen, die sowieso für Demokratie kämpfen,
sondern auch von Menschen, die vielleicht noch nicht wahrnehmen, was
Migrant*innen hier in diesem Land machen. Das Ziel unserer Aktion sind
auch nicht unbedingt die, die ohnehin schon viel mit Migrant*innen in
Kontakt sind, sondern welche, die kaum Berührungspunkte haben. Wir wollen
die Aufmerksamkeit von allen Menschen in diesem Land.
taz: Wie können solidarische Menschen, die nicht in Sachsen-Anhalt sind,
den Migra-Streik in Halle unterstützen?
Mirzo: Migrantische Menschen können in ihren Städten streiken, alle können
unseren Aufruf teilen, Öffentlichkeit schaffen, Solidarität zeigen mit
einer kurzen Videobotschaft auf Social Media oder spenden, damit wir Flyer
und Plakate und die Organisation der Kundgebung bezahlen können. Diese
richtet sich an alle, also auch an nicht-migrantische Menschen. Wir freuen
uns über Menschen aus anderen Städten. Als am 6. Oktober die
Landtagspräsidenten gewählt wurden, war ich auf der Kundgebung vor dem
Magdeburger Landtag. Da habe ich einen Mensch aus Nordrhein-Westfalen
getroffen, der extra angereist ist, um Solidarität zu zeigen, weil er sich
das nicht vorstellen konnte, woanders zu sein an dem Tag. Das hat mich
wirklich berührt.
26 Oct 2026
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