# taz.de -- Perspektiven aus Sachsen-Anhalt: Alles ist möglich, aber von links
> Mit Demokratie-Predigten lässt sich die AfD nicht bekämpfen. Wie
> stattdessen eine Politik aussehen könnte, die rassistische Spaltung
> überwindet.
(IMG) Bild: Im Kampf schließen sich alle zusammen
Der Faschismus ist längst da, er ist nur ungleich verteilt. Das hat die
Sängerin Achan Malonda vor über zwei Jahren auf einer
Anti-AfD-Demonstration [1][gesagt]. Was sie meinte: Für Menschen wie Oury
Jalloh, der in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte, war der Faschismus
längst da. Und für die neun Menschen, die 2020 in Hanau von einem
Rechtsextremisten erschossen wurden, auch.
Trotzdem ist der [2][AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt] eine Zäsur. Denn mit
ihm könnten nun auch Schulen, Verwaltungen und Polizei ganz offiziell
rechtsextremen Politiker*innen unterstehen. Was bedeutet das für die
Menschen, die von dieser Politik unmittelbar betroffen sein werden?
## Auf offener Straße beleidigt
Da ist zum Beispiel Alan Achehab aus Halle an der Saale. Achehab ist 36, er
arbeitet als Integrationsbeauftragter in einem Krankenhaus, lebt seit 30
Jahren in Deutschland, spricht perfekt Deutsch. Er berichtet mir am
Telefon, wie er und sein fünfjähriger Sohn vor Kurzem in der Straßenbahn
von einer weißen Frau angepöbelt wurden, weil sein Sohn eine Brezel aß.
„Macht man das so bei euch, bringt man euch denn keinen Anstand bei?“ Und
zum Schluss: „Fahr mit der Straßenbahn doch gleich in deine Heimat!“
Da ist ein 40-jähriger Mann aus Magdeburg, der 2015 aus Syrien nach
Deutschland geflohen ist und nur anonym mit mir sprechen will. Er geht
einer Lohnarbeit nach, engagiert sich politisch. Als er am Sonntag das
Wahlergebnis sah, war er geschockt. Schon lange macht er sich Sorgen, weil
die AfD in Sachsen-Anhalt in ihrem Wahlprogramm den Aufbau von
„[3][freiwilligen Bürgerwachten]“ fordert.
In welchem Geiste diese agieren könnten, hört er von einem Bekannten, der
in der Wahlnacht am Hasselbachplatz in Magdeburg vorbeigelaufen war. Dort
hatte sich eine Gruppe von Menschen versammelt, um gemeinsam zu skandieren:
[4][„Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“]
Da ist eine 33-jährige Frau aus Sachsen, wo die AfD in Umfragen auch bei
über 30 Prozent liegt. Sie ist Tochter vietnamesischer
Vertragsarbeiter*innen, auch sie will anonym bleiben. Allein im letzten
Monat wurde sie dreimal auf offener Straße beleidigt. Jedes Mal von
Männern. Erst mit abschätzigen Blicken, dann mit Geraune, dann ganz offen:
„Scheiß Koreaner!“, „Ihr lebt von unseren Steuergeldern!“, „Verpisst euch!“
Wenn sie allein gewesen wäre, hätte sie vielleicht nicht widersprochen.
Aber diesmal war ihre vierjährige Tochter dabei, zog an ihrem Ärmel und
sagte: „Mama, ich habe Angst.“ Also hat sie sich vor sie gestellt und
geschrien: „Hört auf, meiner Tochter Angst zu machen!“
Alle Übergriffe fanden an öffentlichen Orten statt, an der Bahnhaltestelle,
vor dem Supermarkt. Viele Menschen standen dabei. Und trotzdem sagte
niemand etwas. Erst nachdem die Situationen vorbei waren, kamen vereinzelt
Beobachter*innen auf die Betroffenen zu.
## Als hätte man ihnen etwas genommen
„Wir holen uns unser Land zurück“, so hat der Spitzenkandidat Ulrich
Siegmund die Mission der AfD in Sachsen-Anhalt immer wieder beschrieben.
AfD-Wähler*innen sollen sich so fühlen, als hätte man sie bestohlen. Als
hätte man ihnen etwas genommen, das ihnen zusteht.
Um dieses „etwas“ zu beschreiben, hat die Philosophin Eva von Redecker den
Begriff Phantombesitz geprägt. Auch die pöbelnden Menschen in der
Straßenbahn oder auf dem Platz in Magdeburg haben versucht, etwas zu
verteidigen, das ihnen gar nicht gehört – zum Beispiel das Recht, zu
bestimmen, wo nicht-weiße Menschen hingehören.
Historisch gesehen sind die Überwindung menschenverachtender Systeme wie
der Sklaverei oder des formellen Kolonialismus Fortschritte. Aber: „Was für
die einen die Gleichheit nach überwundener Herrschaft bedeutet, erscheint
den anderen wie eine unzumutbare Amputation“, schreibt von Redecker.
## AfD verspricht Phantombesitz
Im Kontext eines Kapitalismus, in dem Lebensmittel und Wohnen immer teurer
werden, Werksschließungen drohen und Verlusterfahrungen und Versagensängste
zum Alltag gehören, ist das Angebot der AfD attraktiv. Während das liberale
Versprechen, dass es jeder mit harter Arbeit schaffen kann, an der Realität
zerschellt, verspricht die AfD, dass sich „echte“ Deutsche bald wieder als
Besitzende fühlen dürfen. Zumindest als Phantombesitzer.
Sich an Abschiebefantasien zu berauschen, „bis die Startbahn glüht“, wie es
Ulrich Siegmund sagt, ändert nichts an den Machtverhältnissen, die den
sozialen und materiellen Frust produzieren, den viele Menschen in
Deutschland spüren. Es ändert nichts daran, dass ein Prozent der Menschen
in Deutschland – alle Millionär*innen – über die Hälfte des
Privatvermögens besitzen.
Für sie ist der Rassismus der AfD sogar ein nützliches Werkzeug des
Machterhalts. Denn eine durch Rassismus gespaltene arbeitende Bevölkerung
wendet sich nicht gegen die Besitzenden. Sie zerfleischt sich
untereinander.
Alan Achehab unterstützt im Krankenhaus in Halle Pflegekräfte aus El
Salvador dabei, dass es ihnen trotz des Rassismus in Sachsen-Anhalt gut
geht. Er schult Kolleg*innen darin, nicht auf die Wünsche von
Patient*innen einzugehen, die nach weißen Ärzt*innen und
Pfleger*innen verlangen.
## Gemeinsam gegen die Profiteure
Es braucht mutige Menschen wie Achehab, die trotz der AfD vor Ort bleiben.
Aber ihr Engagement allein wird nicht ausreichen, wenn demokratische
Politiker*innen nicht mehr anzubieten haben als die Aufrechterhaltung
eines Systems, dessen soziales und ökologisches Scheitern immer
offensichtlicher wird.
„Alles ist möglich“ hat Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt plakatiert und
damit 170.000 Nicht-Wähler*innen mobilisiert, fast doppelt so viele wie
alle anderen Parteien zusammen. „Alles ist möglich“ müsste es auch von
linker Seite heißen, um gegen das Versprechen der AfD anzukommen.
Dass die Zeit reif ist für grundlegenden, ja auch radikalen Wandel, hat die
Kampagne zur Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne in Berlin
gezeigt. Ihr ist gelungen, was der Sozialwissenschaftler Andrej Holm mir
gegenüber vor ein paar Wochen als „kleines soziales Wunder“ beschrieben
hat.
Im Kampf gegen Verdrängung und überhöhte Mieten schlossen sich
Hausgemeinschaften über alle kulturellen und sozialen Unterschiede hinweg
zusammen. Als es um das eigene Zuhause ging, hätten auch die
türkisch-konservative Familie, der CDU-Wähler und die Anarchistin an einem
Strang gezogen, sagt Holm.
Der Rassismus der AfD will uns spalten. Appelle an Toleranz und Respekt
werden ihn nicht aufhalten. Um gegen ihn anzukommen, müssen wir das „Wir
hier unten gegeneinander“ des Kapitalismus hinter uns lassen. Und mehr Orte
schaffen, an denen aus ihm ein „Wir gemeinsam gegen die Profiteure“ wird.
10 Sep 2026
## LINKS
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(DIR) [2] /Zeitzeugin-im-Gespraech/!6211538
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(DIR) [4] /Nazi-Parolen-zu-Lamour-toujours/!6029807
## AUTOREN
(DIR) Mitsuo Iwamoto
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