# taz.de -- Zivilgesellschaft in Sachsen-Anhalt: Weitermachen, irgendwie
> Am Wahlsonntag bangen antifaschistische Menschen in Sachsen-Anhalt um
> ihre Zukunft. Aufgeben kommt für viele trotzdem nicht infrage.
(IMG) Bild: Saaeid Saaeid, Sprecher des Flüchtlingsrats Sachsen-Anhalt, will trotz zunehmender rechter Anfeindungen bleiben
Eine bedrohliche Sirene. Das ist es, was man als Erstes hört, als die
ersten Wahlprognosen über die Handys der etwa 200 Leute laufen, die sich in
Magdeburg auf dem Domplatz zur Kundgebung des zivilgesellschaftliches
Bündnisses Sachsen-Anhalt Weltoffen versammelt haben. Die Sirene ertönt aus
dem umgerüsteten Aktionsfahrzeug des Zentrums für politische Schönheit.
Auch Rauch steigt aus diesem empor.
Auf dem Platz passiert erst einmal fast gar nichts. Geschockt halten einige
sich die Hand vor dem Mund, können die erste Prognose kaum glauben. 44
Prozent für die AfD, der nur ein Sitz bis zur absoluten Mehrheit fehlen
soll – das ist noch schlimmer, als es viele hier erwartet haben. Es dauert
fünf Minuten, bis einige versuchen, sich mit einem „Alle zusammen gegen den
Faschismus“ Mut zuzurufen.
In Arneburg – einer sehr kleinen Stadt mit nur knapp 1.400 Einwohnern
nordöstlich von Stendal – hat Max Heckel eine ganze eigene Taktik, mit den
Wahlprognosen umzugehen: Er will sie bestmöglich ignorieren. An diesem
Wahlsonntag feiert er deshalb eine Art Anti-Wahlparty. Er wolle lieber
grillen und Karaoke singen, statt auf blaue Balken zu schauen, sagt er zur
taz. Entweder werde die AfD heute ihren Triumph feiern, oder sie werde die
Wahl in Zweifel ziehen: „Beides mag ich mir nicht antun“, sagt Heckel.
Heckel ist für seine klare Haltung gegen rechts bekannt, mittlerweile auch
bundesweit: Er ist Lehrer an einer Sekundarschule in Stendal. Die Frau von
Ulrich Siegmund, dem Spitzenkandidat der gesichert rechtsextremen AfD
Sachsen-Anhalt, arbeitet an derselben Schule als pädagogische
Mitarbeiterin. Vergangenes Jahr im März fragten zwei Schüler Heckel, ob er
die AfD wähle. Er verneinte und begründete seine Haltung mit deutlichen
Worten. Daraufhin bekam er vom Schulamt eine Abmahnung, weil er gegen die
„Neutralitätspflicht“ verstoßen habe. Heckel wehrt sich juristisch dagegen.
## Es gelte „die Pflicht zur Zuversicht“
An diesem Tag sitzt er um 18 Uhr mit einer selbstgedrehten Kippe vor dem
„Anker“ – seinem Kultursaal in Arneburg. Etwa 25 Leute sind schon da. Es
gelte „die Pflicht zur Zuversicht“, sagt er. Dann steht er auf, um den
Grill sauberzumachen. Doch gegenüber tuschelt schon ein Pärchen über ein
Handy gebeugt. „Ach du scheiße“, ruft eine Frau, als sie den blauen Balken
sieht. Max Heckel versucht eisern nichts davon mitzukommen – ob es ihm wohl
den ganzen Abend gelingen wird?
In Magdeburg war es den Tag über ruhig geblieben – sehr ruhig. In der
Innenstadt unterwegs waren mehr Journalist:innen als Passant:innen,
getoppt wurde ihre Zahl nur noch durch die Zahl der rechten
Streamer:innen und Influencer:innen, die ungefragt Menschen ihre Mikros
ins Gesicht drücken und vor Deutschlandflaggen posierten. Ansonsten aber
saßen viele Magdeburger:innen in Cafés in der Sonne. Befürchtete
Aufläufe von Rechten blieben aus.
„Das ist aber keine Entwarnung“, sagt Meike Schubert, die hier in der
Antirassistischen Aktion aktiv ist, auf dem Domplatz am Nachmittag zur taz.
„Unsere Einschätzung ist, dass sie abwarten, weil sie denken, sie haben das
Ding in der Tasche.“ In antirassistischen und antifaschistischen Kreisen
halte man sich deshalb bereit. Darüber hinaus gelte es nun, den Protest der
letzten Wochen weiterzutragen. Denn von diesem könnte man auch anderswo in
Deutschland was lernen, findet sie: „Der Faschismus hört schließlich nicht
an den Landesgrenzen auf.“
Nach 18 Uhr sagt sie der taz, die Wahlergebnisse machten sie „traurig, aber
auch entschlossen.“ Sie habe Sorge vor der Gewalt, die jetzt kommen könnte.
Gleichzeitig sei sie sich aber sicher: „Wir werden uns weiter rassistischer
Hetze entgegenstellen.“
In den Wochen vor der Wahl hatte die Zivilgesellschaft in Sachsen-Anhalt
noch einmal aufgefahren. Am Vorabend der Wahl feierten auf dem Domplatz in
Magdeburg [1][über 20.000 Menschen die Demokratie], in Halle marschierten
[2][2.000 Antifaschist:innen auf]. In fast jeder Ecke des Bundeslands
gab es Aktionen.
## „Nur noch abwarten“
Viel unterwegs war auch Saaeid Saaeid. Der Sprecher des Flüchtlingsrats
sieht müde aus, als die taz ihn mittags am Hasselbachplatz in Magdeburg
trifft. Gestern sprach er vor Tausenden auf dem großen Demokratiefest,
gleich im Anschluss an das Interview sitzt er auf einem Podium eines
Kulturfestivals. „Ich bin total erschöpft“, gibt der 26-Jährige zu, der
selbst aus Syrien nach Deutschland geflüchtet ist. Aber er habe alles
gemacht, was möglich war, das gebe ihm ein gutes Gefühl. „Jetzt können wir
nur noch abwarten.“
Hoffnung macht ihm, dass die [3][Mobilisierung der migrantischen Community]
zur Wahl gut gelaufen sei. „Alle, die dürfen, waren schon wählen“, sagt er.
Obwohl das, wie er betont, migrantischen Menschen schwer gemacht worden
sei. Und zwar nicht nur, weil die Mehrzahl der 200.000 Menschen mit
Migrationsgeschichte in Sachsen-Anhalt wegen ihres Aufenthaltstitels kein
Stimmrecht hätten, sagt Saaeid. Sondern auch wegen Einschüchterungen durch
Rechte.
Der Flüchtlingsrat habe Menschen mit Migrationsgeschichte deshalb zur
Briefwahl geraten. Für den Abend habe man an die Community
Verhaltensempfehlungen verschickt: nicht alleine unterwegs sein,
öffentliche Orte vermeiden, am besten ganz zu Hause bleiben. Mit
rassistischen Ausschreitungen sei zu rechnen.
Die Lage der Dinge erzählt Saaeid gefasst und professionell: Die Arbeit des
Flüchtlingsrats sei nur noch bis Ende des Jahres finanziert, wie es dann
weitergehe, sei unklar. In den letzten Wochen hätten die Anfeindungen
zugenommen, erst gestern sei er selbst am Rande des Demokratiefestes von
Rechten bepöbelt worden. Viele in der migrantischen Community würden
darüber nachdenken, [4][Sachsen-Anhalt] zu verlassen.
Er aber habe vor, zu bleiben und weiterzumachen, sagt Saaeid. „Menschen mit
Migrationsgeschichte gehören zu Sachsen-Anhalt dazu. Wir haben hier
Familie, soziale Kontakte, Geschäfte.“ Deshalb gebe es keine andere
Möglichkeit, als weiterzukämpfen. „Doch dafür brauchen wir Unterstützung“,
sagt Saaeid. Er setze nun auf die Zivilgesellschaft, die in den vergangenen
Wochen große Solidarität gezeigt habe. Und er habe „Vertrauen, dass es in
Deutschland Institutionen gibt, die die Verfassung schützen“. Die kommenden
Wochen werden wohl zeigen, wie belastbar diese sind.
6 Sep 2026
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