# taz.de -- Autor über Nazi-Verschwörung: „Naumann wurde niemals zur Verantwortung gezogen“
       
       > Goebbels’ Stellvertreter Werner Naumann baute nach 1945 mit NS-Kumpanen
       > ein Netzwerk auf. Auch Hamburger waren an der Verschwörung beteiligt.
       
 (IMG) Bild: Verfahren gegen die Verschwörer eingestellt: Werner Naumann (Mitte) im August 1953 nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft
       
       taz: Hans-Peter de Lorent, wer war „Goebbels’ Schatten“? 
       
       Hans-Peter de Lorent: Das war Werner Naumann, der Stellvertreter [1][von
       Joseph Goebbels]. Als der zweite Mann im Propagandaministerium hatte
       Naumann die letzten 20 Tage der Naziherrschaft im Führerbunker in Berlin
       gelebt. Er war dadurch über alles informiert, was da abgelaufen ist. Er hat
       mit Geschick und Verstellung in der Nach-Nazizeit illegal gelebt und es
       geschafft, niemals zur Verantwortung gezogen zu werden.
       
       taz: Wie ist ihm das gelungen? 
       
       de Lorent: Während seiner Illegalität ist er von [2][Kurt Georg Kiesinger]
       unterstützt worden, zu dem er schon in der NS-Zeit einen engen Kontakt
       hatte. Während Naumann im Propagandaministerium arbeitete, war Kiesinger
       seit 1933 als NSDAP-Mitglied im Außenministerium tätig. Immer wenn es
       zwischen den beiden Ministern Goebbels und Ribbentrop Schwierigkeiten gab,
       haben Naumann und Kiesinger versucht, die Wogen zu glätten. Kiesinger hat
       nach 1945 Naumann als Jurist beraten, wie er durch die Fänge der
       Entnazifizierung kommen konnte.
       
       taz: Und dann hat er versucht, wieder in die Politik zurückzukehren. 
       
       de Lorent: Naumann hat 1950 gezielt ehemalige NS-Leute zusammengezogen. Das
       konkrete Ziel war, 1953 für den Bundestag zu kandidieren. Dafür hatte er
       sich mit alten Nazikumpanen, die Funktionen in der FDP hatten,
       zusammengetan.
       
       taz: Aber die Verschwörung flog auf. 
       
       de Lorent: Als die englische Besatzungsmacht merkte, was da los war, hat
       der britische Hohe Kommissar in Deutschland die Naumann-Gruppe verhaften
       lassen. Das waren sieben oder acht Leute, die in Hamburg und
       Nordrhein-Westfalen lebten. Sie wurden für einige Zeit interniert, und das
       hat in Deutschland ziemlich viel Wirbel gemacht, weil die Engländer
       verhindert haben, dass die Verhafteten Kontakt zu ihren Anwälten haben
       konnten. Da wurde dann argumentiert, dass die Alliierten nun selber Sachen
       machten, die sie bei den Nazis kritisiert hatten.
       
       taz: Bestraft wurden die Verschwörer dann ja auch nicht. 
       
       de Lorent: Als die Deutschen den Fall übernahmen, wurde die Gruppe wieder
       aus der Haft entlassen. Am Ende konnte immerhin verhindert werden, dass
       Naumann für die Deutsche Reichspartei in den Bundestag gewählt wurde. Denn
       1953 setzte der Innenminister von Nordrhein-Westfalen durch, dass Naumann
       das passive Wahlrecht verlor.
       
       taz: Wie hat er danach gelebt? 
       
       de Lorent: Naumann zog sich aus der Politik zurück und ging in die
       Wirtschaft, denn er hatte von [3][Harald Quandt], dem Sohn der Frau von
       Joseph Goebbels, das Angebot bekommen, als Geschäftsführer in dessen
       Konzern zu arbeiten.
       
       taz: Einer der 1953 Verhafteten war Heinrich Haselmayer, der in
       Hamburg-Bergedorf lebte. Was haben Sie über ihn herausgefunden? 
       
       de Lorent: Haselmayer war ein Schulfreund von Naumann. Die beiden haben
       zusammen in Berlin studiert – der eine Jura und Politikwissenschaften und
       der andere Medizin. Haselmayer hat seine Dissertation über die
       Sterilisation von „Schwachsinnigen“ geschrieben. Im Alter von 26 Jahren
       wurde er als Leiter der Hamburger Volkshochschule eingesetzt.
       
       taz: Wie kamen die beiden nach dem Krieg wieder zusammen? 
       
       de Lorent: Nach 1945 wurde Haselmayer für eine kurze Zeit in Haft genommen.
       Der Kontakt wurde dann wieder hergestellt, als Naumann aus der Illegalität
       herauskam. Die beiden haben dann in Hamburg für die Verschwörung eine
       Gruppe von ehemaligen Nazis zusammengeführt. Zu diesen zählte auch Karl
       Kaufmann, der ehemalige Gauleiter von Hamburg.
       
       taz: Wie ist es Haselmayer nach der Aufdeckung der Verschwörung in
       Hamburg-Bergedorf ergangen? 
       
       de Lorent: Haselmayer war bis in die 1960er Jahre in Bergedorf als Hausarzt
       sehr beliebt und starb 1978.
       
       26 Oct 2026
       
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