# taz.de -- Vergewaltigungsprozess in Hamburg: FLINTA* machen sich breit
       
       > Ein wegen Vergewaltigung angeklagter Mann möchte die Vorwürfe möglichst
       > öffentlich abstreiten. Nun regt sich Protest im Namen der Betroffenen.
       
 (IMG) Bild: Unterstützung über Social Media organisiert: Protestplakate vor dem Gerichtsgebäude
       
       Jeder einzelne der 25 Plätze im Zuschauer:innenraum ist vor
       Verhandlungsbeginn besetzt. Darunter ist kein einziger Mann. Die, die nicht
       mehr hineingepasst haben, stehen unten vor dem Strafjustizgebäude. „Keine
       Täter-Opfer-Umkehr! Solidarität statt Einschüchterung“, steht auf einem
       Schild, das die Protestierenden auf den Treppen vor dem Strafjustizgebäude
       abgelegt haben.
       
       Der 35-jährige Omar Habeid* ist angeklagt, seine Ex-Frau Yara Sayed*
       vergewaltigt und misshandelt zu haben. Am Mittwoch sagte Sayed vor Gericht
       aus. Beim Prozessauftakt im September hatte die Kammer die Öffentlichkeit
       vom Prozess ausschließen wollen. Der Angeklagte beteuerte seine Unschuld
       und sagte, er wolle dies in aller Öffentlichkeit tun.
       
       „Wir haben vermutet, dass ihr Ex-Mann mit viel männlicher Begleitung zum
       Termin ihrer Aussage erscheinen wird“, sagt Michaela Wolf, die die
       21-jährige Sayed als Sozial- und Traumapädagogin begleitet. „Ich wollte
       nicht, dass Yara mit dieser Situation alleine klarkommen muss.“ Deshalb
       wandte Wolf sich über Instagram an das Netzwerk „[1][Femizide stoppen]“. In
       kurzer Zeit meldeten sich Dutzende Unterstützer:innen aus
       unterschiedlichen Richtungen.
       
       Schon am Montagabend waren es mehr, als in den Gerichtssaal gepasst hätten.
       Deshalb meldete ein Mitglied des [2][Anti-Feminizid-Netzwerkes] vorsorglich
       eine Veranstaltung vor dem Gerichtsgebäude an. „Eigentlich war mein Ziel
       nur, möglichst viele Frauen im Gerichtssaal sitzen zu haben. Nach dem
       Aufruf über Social Media ist es dann doch größer geworden“, sagt Wolf.
       „Sowohl ich als auch Yara sind sehr dankbar für die Unterstützung.“
       
       Die Zuschauer:innen werfen immer wieder Blicke zum Eingang. In der Luft
       liegt die Erwartung, auf die Unterstützer des Angeklagten zu treffen. Ob
       Habeid am Ende gar nicht mobilisiert hat, oder seine Begleitung
       abgesprungen ist, weiß man nicht. Jedenfalls ist niemand gekommen.
       
       Zur Aussage von Sayed muss die Schar der Unterstützenden wieder nach
       draußen. Auch wenn der Prozess insgesamt öffentlich ist, kann das Gericht
       für einzelne Punkte der Verhandlung die Öffentlichkeit wieder ausschließen.
       Üblich ist das beispielsweise, wenn in der erwarteten Aussage Dinge zur
       Sprache kommen, deren öffentliche Erörterung schutzwürdige Interessen
       verletzen würde. Aufgehoben wird dies, wenn die betroffene Person
       widerspricht.
       
       Bei Sayeds Aussage sitzt auch ihr Ex-Mann mit seiner Anwältin Gabriele
       Heinicke mit im Saal. Sie ist eine linke Szene-Anwältin, findet aber, dass
       die Verteidigung in Sexualstrafsachen [3][„nichts mit Feminismus, Sexismus
       oder Diskriminierung zu tun“] hat. Dass Zeug:innen im Beisein von
       Angeklagten aussagen, ist die Regel. Nur in Ausnahmefällen ist eine
       räumliche Trennung möglich, wenn „eine dringende Gefahr eines
       schwerwiegenden Nachteils“ für das Wohl der Zeug:innen besteht, so heißt
       es in der Strafprozessordnung.
       
       Sayeds Anwalt ist heute verhindert. Im Gegensatz zum Angeklagten ist die
       Anwesenheit eines Rechtsbeistandes für sie als Zeugin optional. Aber Sayed
       hat eine psychosoziale Prozessbegleitung. Diese kann zum Beispiel Pausen
       einfordern oder Sayed psychologisch betreuen, wenn sie durch den Prozess
       sehr belastet ist. Der Bundestag hat [4][kürzlich eine Gesetzesänderung
       beschlossen], die den Zugang zu dieser Art von Beistand erleichtert und die
       Bezahlung der Begleiter:innen verbessert.
       
       Zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt war Yara Sayed erst 16 Jahre alt und wohl
       nach islamischem Recht mit dem 31-jährigen Omar Habeid verheiratet. Der
       erklärte die teils ärztlich dokumentierten Verletzungen bei Prozessauftakt
       damit, dass seine Frau durch eine Erkrankung schnell blaue Flecken bekomme.
       
       „Auch wenn die Unterstützenden zur Aussage aus dem Saal mussten, hat Yara
       sich durch den ganzen Support sehr bestärkt gefühlt“, sagt Wolf nach dem
       Termin. Sie durfte als Vertrauensperson mit in den Gerichtssaal, weil sie
       Sayed zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt noch nicht kannte. Ein Urteil wird
       voraussichtlich Ende November fallen.
       
       *Namen geändert
       
       22 Oct 2026
       
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