# taz.de -- Vergewaltigungsprozess in Berlin: Wehrlosigkeit als Ziel
> Im Fall Frank S. hat am Dienstag die polizeiliche Ermittlungsführerin
> ausgesagt. In Chatgruppen und Täternetzwerken gehe es vorrangig um
> Machtausübung.
(IMG) Bild: Über 30 Personen versammelten sich am Dienstag zum Protest vor dem Gericht
Relativ gleichgültig habe der Angeklagte auf seine Verhaftung im März 2026
reagiert. „Ich hatte nicht den Eindruck, dass da ein sonderliches
Unrechtsbewusstsein da ist oder es ihn überrascht hat, dass wir da waren“,
sagte Nina Schmitz, polizeiliche Ermittlungsführerin im Fall Frank S. Am
Dienstag machte die 29-jährige Polizeibeamtin – strenger Dutt, schneller
Schritt – ihre Aussage vor dem Kriminalgericht in Moabit.
Dem Angeklagten wird vorgeworfen, in seiner Wohnung 14 Frauen betäubt und
vergewaltigt zu haben. Die Taten soll er gefilmt und anschließend im Netz
geteilt haben. Die Ermittlungsbehörden gehen jedoch von insgesamt 59 Opfern
aus. 50 Ermittlungsverfahren wurden inklusive der aktuell verhandelten
inzwischen eingeleitet. Die weiteren Fälle werden voraussichtlich in einem
zweiten Prozess verhandelt.
In Chatgruppen tauschte der Angeklagte sich mit anderen mutmaßlichen Tätern
aus und teilte Videos. Manchen Nutzern gab er Tipps oder sendete sogar
Betäubungsmittel per Post im Zug gegen Video- und Bildmaterial als
Gegenleistung. Schmitz beschreibt eine extreme Entmenschlichung in diesen
Chatgruppen: „Frauen werden als Ware gehandelt, Männer bieten ihre eigenen
Partnerinnen zur Vergewaltigung an“, sagte sie.
„Das Ziel ist es, die Frauen wehrlos zu machen. Durch diese
Entmenschlichung geht auch der sexuelle Charakter verloren, und es geht nur
noch um die Machtausübung“, so Schmitz. „Möchtest du einer privaten
Inzestgruppe beitreten?“, wurde der Angeklagte von einem anderen Nutzer auf
Telegram gefragt. „Manche unserer Mitglieder teilen Videos von unter
18-Jährigen. Videos ihrer Töchter, manche teilen Videos ihrer kleinen
Schwester. Fühlst du dich damit wohl?“ – „Sicher“, antwortete der
Angeklagte.
## Puzzlearbeit bei den Ermittlungen
„Auch für mich als erfahrene Ermittlerin waren diese stundenlangen Videos
durchaus noch mal was anderes“, sagte Nina Schmitz. In einigen Videos sehe
man, wie der Angeklagte die Cocktails mit Tropfen präpariert und die Frauen
sie anschließend trinken. „In meinem Beruf hat man mal so kurze
Momentaufnahmen von Vergewaltigungen. Hier hingegen hatten wir
stundenlanges Videomaterial davon, wie die Frauen schlafen, sich übergeben,
kämpfen, zucken. Das sind Sachen, die wir normalerweise nicht sehen.“
Eine Puzzlearbeit sei es gewesen, die 59 Frauen zu identifizieren.
Zusammengesucht wurden Informationen aus Fotos, E-Mails, Chats. Von 59
Frauen konnten inzwischen 49 identifiziert werden. Um die Vernehmungen in
einem geschützten Raum durchführen zu können, habe Schmitz einige der
Frauen zu Hause besucht. „Teilweise hatten sie schon eine Ahnung, dass da
was passiert sein könnte, aber kein Bewusstsein darüber, was passiert sein
könnte“, sagte Schmitz. Eine Frau habe erzählt, dass sie immer wieder
Albträume von Vergewaltigungen habe und nicht wisse, warum.
„Die Frauen haben übereinstimmend wahnsinnig positiv von Herrn S.
berichtet. Er sei so freundlich gewesen und zuvorkommend“, sagte Schmitz.
Auch nach den Taten habe es häufig noch Kontakt gegeben. Dabei habe sich
ungefähr die Hälfte der Frauen mehrfach mit dem Angeklagten getroffen, die
anderen nur einmal. Aus psychologischer Sicht sind Treffen mit einem Täter
auch nach der Tat keinesfalls ungewöhnlich. Mit diesem Verhalten können
Betroffene vermeintlich die Kontrolle behalten.
## Protest von Terre des Femmes
Um dem Prozess gegen Frank S. zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen,
hatten Aktivist*innen der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes
(TDF) zum Protest aufgerufen. Vor der Eröffnung der Verhandlung
versammelten sie sich mit über 30 Mitstreiter*innen vor dem Landgericht
Tiergarten. „Wir fragen uns, wo der große Aufschrei bleibt“, sagte Maria
Schrammen von TDF, „die Tat ist so unglaublich erschütternd“. Damit sich in
Zukunft strukturell etwas für Betroffene ändert, stellt die Organisation
Forderungen an die Politik.
TDF verlangt vertrauliche Spurensicherung beim Verdacht auf sexualisierte
Gewalt, eine verlängerte Verjährungsfrist von Vergewaltigung, ein „Nur Ja
heißt Ja“ im deutschen Sexualstrafrecht und die Schließung einer
rechtlichen Lücke. Denn bisher ist der Besitz von Gewaltpornografie nicht
immer illegal. „Eigentlich ist es absurd, dass wir so eine Forderung im
Jahr 2026 überhaupt stellen müssen“, sagte Sina Tonk von TDF. Terre des
Femmes plant für den 25. November eine Kundgebung zu chemischer
Unterwerfung am Brandenburger Tor.
6 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Anna Simbürger
(DIR) Malte Steinmüller
## TAGS
(DIR) Anklage
(DIR) Vergewaltigung
(DIR) Ermittlungen
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