# taz.de -- Sexualisierte Gewalt im US-Sport: Und doch ist es wieder passiert
> Ein erneuter Missbrauchsskandal erschüttert das US-Turnen. Im eigens
> gegründeten Center for Safe Sport herrscht offenbar ein Klima des
> Vertuschens.
(IMG) Bild: Immer wieder kommen im US-Turnsport Missbrauchsskandale ans Licht
Das Urteil gegen Sean Gardener Ende der vergangenen Woche verschaffte
seinen Opfern zumindest ein gewisses Maß an Genugtuung. „Wir sind froh,
dass er nun endlich zur Rechenschaft gezogen wird“, sagte Anwältin
Elizabeth Pudenz, die die Opfer des 39 Jahre alten Sexualstraftäters
vertrat. 90 Jahre Haft verhängte die Richterin Kristi Johnson in Iowa City.
Der Turntrainer wird vermutlich in diesem Leben nie mehr seine Freiheit
genießen können. Und doch sind die Opfer und ihre Vertreter noch lange
nicht bereit, die Angelegenheit ruhen zu lassen. „Es werden weiter Klagen
folgen“, versicherte Pudenz.
Der Fall Gardener warf viele Fragen auf, die unbeantwortet bleiben. In
erster Linie, diejenige, warum der US-Turnverband und das US Center for
Safe Sports, das Missbrauch im Sport verhindern soll, nicht schon viel
früher etwas unternommen haben. Schließlich liegt [1][das Urteil gegen
Larry Nassar], der über Jahrzehnte lang Generationen von Turnerinnen
missbraucht hatte, erst zehn Jahre zurück. Das Center for Safe Sport wurde
nach dem Fall Nassar gegründet, um in der Zukunft eine Wiederholung solcher
Verbrechen zu verhindern. Und doch ist es wieder passiert.
Gardener wurde wegen Kinderpornografie verurteilt, die Tat soll in der Zeit
zwischen 2017 und 2018 stattgefunden haben. Gardener war damals Trainer in
Mississippi. FBI-Agenten fanden auf seinem Computer Videos, die er
[2][heimlich in der Umkleidekabine] und den Toiletten der Turnerinnen
gedreht hatte. Die Opfer waren im Alter zwischen 6 und 14 Jahren. Die
Turnerinnen und ihre Familien hatten bereits damals, im Jahr 2017, beim
Turnverband und dem Center for Safe Sports Beschwerden über das Verhalten
von Gardener eingelegt. Gardener hatte sie unter anderem während und vor
dem Training angefasst und sie dazu gezwungen, ihn zu küssen.
Doch aus unerklärlichen Gründen dauerte es fünf Jahre, bis die
Sportinstanzen reagierten. Und dann auch nur halbherzig. Gardener wurde
„vorübergehend“ von der Ausübung seines Berufes suspendiert. Sein Name
wurde in die Datenbank des Center for Safe Sport aufgenommen, jedoch sonst
nicht weiter publiziert. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er im Turnstudio des
ehemaligen Olympioniken Liang „Chow“ Qiao in Iowa gearbeitet. Nun klagen
zwei Sportlerinnen, die in dieser Zeit unter ihm trainiert hatten und
ebenfalls von ihm belästigt wurden, gegen den Turnverband und das Center.
## Endgültiges Berufsverbot erst 2025
Das endgültige Berufsverbot gegen Gardener wurde vom Center for Safe Sport
erst im Herbst 2025 ausgesprochen, nachdem das FBI Untersuchungen gegen ihn
eingeleitet hatte. Dabei kam jetzt heraus, dass Gardener bereit war,
gegenüber dem Center schon zu Beginn des Jahres 2025 ein volles Geständnis
abzulegen. Das Center schien kein Interesse zu haben.
Das Versagen des Centers legt eine [3][zutiefst marode Betriebskultur] der
vom Kongress finanzierten Behörde offen. Die Nachrichtenagentur AP erhielt
die Dokumentation einer internen Untersuchung, in der von einem [4][Klima
des Vertuschens] und der Einschüchterung die Rede war. Eine Angestellte
hatte berichtet, dass sie immer, wenn sie Missstände berichtete,
Repressalien zu befürchten hatte. Zudem kam in der Untersuchung zutage,
dass Beförderungen auf persönlichen Gefälligkeiten beruhten und deshalb in
der Führung der Behörde ein hohes Maß an Inkompetenz herrsche.
So ist das Vertrauen in die Aufsichtsbehörde, die nach dem Nassar-Fall
gegründet wurde, durch den Gardener-Fall zutiefst beschädigt. Dabei ist die
Aufsicht über den Leistungssport dringender als je zuvor. Im Jahr 2025
erhielt das Center 9.700 Beschwerden. Wie vielen davon wirklich ernsthaft
nachgegangen wurde, ist angesichts der neuen Erkenntnisse überaus fraglich.
Die SportlerInnen und ihre Familien fühlen sich einmal mehr im Stich
gelassen.
20 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sebastian Moll
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