# taz.de -- Aktivistin über Missbrauch im Turnsport: „Es ist extrem schwierig, Trainer zu entlassen“
> Claire Heafford vertritt mit ihrer Initiative Turnerinnen, die von
> Missbrauch betroffen sind. Ihr Ziel: Druck ausüben und nachhaltig das
> System ändern.
(IMG) Bild: Die britische Turnerin Jessica Gadirova bei der WM 2023 – auch im britischen Turnverband gibt es noch einiges aufzuarbeiten
[1][„Gymnasts for Change International“ (G4CI)] – so lautet der
programmatische Name der weltweit einzigen Organisation, die sich speziell
dem Missbrauch im Turnsport widmet. Claire Heafford, 45, ist Mitbegründerin
und Geschäftsführerin der in London ansässigen Organisation. Diese zählt
mittlerweile über hundert Mitglieder aus der ganzen Welt, auch aus
Deutschland. Finanziert wird sie von der Oak Foundation, einer humanitären
Stiftung mit Sitz in der Schweiz.
taz: Frau Heafford, wie hat alles begonnen?
Claire Heafford: Ich habe [2][die Doku „Athlete A“], …
taz: … die Filmdoku von 2020 über den Missbrauchsskandal im Turnsport um
den US-Teamarzt Larry Nassar, …
Heafford: … wenige Tage nach Erscheinen gesehen. Damals mitten in der
Nacht, weil ich ein sechs Monate altes Baby hatte. Und ich hatte sofort das
Gefühl: Jetzt ist der Moment! Ich selbst wollte damals schon seit rund
fünfzehn Jahren über den Missbrauch in meiner eigenen Turnkarriere
sprechen, aber ich hätte nicht gewusst, wie ich Begriffe wie Missbrauch
oder Survivor (dt. Überlebende, der Begriff wird seit der Doku für die von
verschiedenen Missbrauchsformen betroffenen Turnerinnen verwendet, A. d.
R.) verwenden sollte. „Athlete A“ hat mir – wie so vielen anderen – ein
Vokabular gegeben, um das Erlebte in Worte zu fassen.
taz: Und dann?
Heafford: Es war schnell offensichtlich, dass das, was mir widerfahren war,
[3][kein isolierter Einzelfall ist, sondern Teil eines viel größeren
systemischen Problems]. Mit Unterstützung eines Anwalts habe ich dann
innerhalb weniger Wochen eine zivilrechtliche Sammelklage von rund vierzig
Menschen gegen unseren Verband, den britischen Turnverband British
Gymnastics (BG), auf den Weg gebracht.
taz: Wie ist G4CI organisatorisch aufgestellt?
Heafford: In den ersten Jahren haben wir alle unentgeltlich gearbeitet. Die
Medienauftritte von so vielen mutigen Survivors habe ich über eine
Whatsapp-Gruppe koordiniert. Der öffentliche Druck, den wir so generieren
konnten, hat mit dazu beigetragen, dass die Whyte Review initiiert wurde, …
taz: … eine von der britischen Anwältin Anne Whyte durchgeführte
Untersuchung zu Missbrauch im britischen Turnverband.
Heafford: Mittlerweile sind wir eine eingetragene gemeinnützige
Organisation und ein Team von 14 Leuten mit Teilzeitverträgen.
taz: Warum ist eine solche Organisation wichtig?
Heafford: Es braucht nachhaltige und koordinierte Arbeit für eine starke
Athletenvertretung, damit unsere Erzählungen nicht länger heruntergespielt
werden können. Die Wahrheit ist, dass Turnerinnen seit rund 40 Jahren über
missbräuchliche Trainingspraktiken berichten, aber dass sie immer mundtot
gemacht wurden. Nun gilt es, den Druck aufrechtzuerhalten, weil die Arbeit
an tatsächlichen Reformen gerade erst begonnen hat.
taz: Sie haben die Whyte Review angesprochen: Auf 400 Seiten wird dort
Missbrauch im Turnen zwischen 2008 und 2020 dokumentiert. Wie wichtig ist
diese Untersuchung?
Heafford: Von großer Bedeutung, weil es eine unabhängige Untersuchung auf
nationaler Ebene war. Durch sie ist klargeworden, dass Dinge sich ändern
müssen. Meiner Meinung nach ging sie aber nicht weit genug: Ihr Zweck
bestand im Wesentlichen darin, die Perspektive der Turnerinnen abzubilden,
aber nicht darin, Urteile über bestimmte Trainerinnen und Trainer zu
fällen.
taz: Im Anschluss an die Whyte Review gab es die Initiative Reform 25 – wie
zufrieden sind Sie damit?
Heafford: Wir als G4CI haben 2020 exakt 78 Forderungen aufgestellt und
diese 2025 mit den Maßnahmen von BG abgeglichen. Ich kann also sagen, dass
ich ziemlich genau zu 36 Prozent zufrieden bin. Von unseren Punkten hat BG
rund ein Drittel umgesetzt, ein Drittel befindet sich in der Umsetzung und
ein Drittel wurde bislang nicht berücksichtigt. Von einer Turnerin im
Training werden immer 100 Prozent erwartet, [4][da würde ich mir den
gleichen Maßstab wünschen, wenn es um den Schutz der Athletinnen geht.]
taz: Wie beurteilen Sie die bisherigen Konsequenzen insgesamt?
Heafford: Unbestreitbar ist, dass BG in den vergangenen drei Jahren enorm
viel getan hat, um den Sport zu verändern, zum Beispiel in der
Trainerausbildung. Das ist begrüßenswert, aber es braucht deutlich klarere
Definitionen von Missbrauch. Das eingerichtete „Unabhängige
Beschwerdeverfahren“ ist ungerecht: Hier geht es um Vorwürfe gegen
bestimmte Trainer und diese dürfen rechtliche Unterstützung in Anspruch
nehmen, die Turnerinnen und Zeugen aber nicht. Außerdem ist der Prozess
unglaublich langsam und intransparent. Und es mangelt völlig an Empathie
und Verständnis für die Betroffenen.
taz: Wurden [5][Sanktionen gegen Trainer] ausgesprochen?
Heafford: Nach unserer Kenntnis wurden Vorwürfe emotionalen und
körperlichen Missbrauchs in über 20 Fällen bestätigt, auch gegenüber
einigen Nationaltrainern. Es wurden Verwarnungen und Auflagen zur
Fortbildung ausgesprochen. Aber die Ergebnisse wurden nicht veröffentlicht
und das bedeutet, dass Eltern in diesem Sport nicht wissen, ob gegen den
Trainer ihrer Kinder Vorwürfe vorliegen.
taz: Neben der Interessenvertretung und der Unterstützung Betroffener
bilden strategische Gerichtsverfahren die dritte Säule im Programm von
G4CI. Verfahren vor deutschen Gerichten erweisen sich bislang als
schwierig. Welche Erfahrung machen Sie?
Heafford: [6][Die Mehrheit der Missbrauchsfälle gegen Mädchen und Frauen im
Sport liegt im Bereich unterhalb des Strafrechts], es handelt sich um
physischen Missbrauch ohne Körperkontakt, wie Training mit Verletzungen,
oder um emotionale Manipulation. Diese Missbrauchsformen hinterlassen
schwere psychische Schäden, werden aber häufig nicht erkannt. Die
zivilrechtlichen Sammelklagen sind hier von immenser Bedeutung, weil es nun
die Versicherungen sind, die Druck auf unseren Verband ausüben und ihn für
das Geschehene zur Rechenschaft ziehen.
taz: Ein anderer schwieriger Punkt in Deutschland ist die Entlassung von
Trainern. Wie ist die Situation in Großbritannien?
Heafford: Hier ist es extrem schwierig, Trainer zu entlassen. In den
Anhörungen wird zwar der Missbrauch oft bestätigt, aber dann werden
rechtliche Beweisstandards angelegt, in denen die vorliegenden
Missbrauchsformen nicht enthalten sind. Letztlich dürfen die Trainer
weiterarbeiten. Das ist eine immense Ungerechtigkeit. Ein großer Teil
unserer Arbeit besteht in der Anfechtung solcher Entscheidungen. Die
Anerkennung von Coercive Control, also Zwangskontrolle, als Missbrauch ist
essenziell für den Kinderschutz im Sport.
taz: Wie wichtig wäre eine Liste gesperrter Trainer, wie es sie zum
Beispiel in den USA gibt?
Heafford: Essenziell wichtig, weil Transparenz essenziell ist. Aktuell
haben wir eine solche Liste nicht. Das einzige, was wir seit der Whyte
Review haben, ist eine Liste mit Trainern, die in der Vergangenheit
gesperrt waren. In den vergangenen zwei Jahren ist trotz der vielen
Untersuchungen kaum ein Name hinzugekommen. Dabei macht es uns der
Leichtathletikverband vor: Auf der Website von UK Athletics kann man alle
gegen Trainer verhängten Sanktionen, die Ergebnisse der Anhörungen und
zugehörige Details einsehen.
taz: Ein Aspekt, der immer wieder gefordert wird, ist die Anhebung des
Mindestalters für Turnerinnen. Was halten Sie davon?
Heafford: Ich bin absolut dafür, das Mindestalter sollte angehoben werden.
Aktuell können Turnerinnen in dem Jahr, in dem sie 16 werden, an
Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen teilnehmen. Dieser frühe
Übergang in den Seniorenbereich schafft Anreize dafür, dass Trainer und
Verbände junge Kinder in Richtung Höchstleistung puschen, bevor sie
körperlich und psychisch dazu bereit sind. Was wir brauchen, ist die
Anerkennung seitens des Internationalen Turnerbundes und des
Internationalen Olympischen Komitees, dass es ein Problem mit den
derzeitigen Altersgrenzen gibt.
taz: Glauben Sie, dass Missbrauch ein grundsätzliches Problem des
Leistungssports ist oder ein spezifisches Problem des Turnens?
Heafford: Ich denke, es gibt in allen Sportarten Probleme mit Rechten von
Sportlern, aber wie sich die Probleme äußern, hängt eng mit der Kultur der
Sportart zusammen. Im Turnsport – Kunstturnen, Rhythmische Sportgymnastik
oder Akrobatik – haben wir ein Problem mit Frauen und Mädchen, weil
misogyne Denkweisen fest in den Strukturen der Sportarten verankert sind.
Und wir haben ein besonderes Problem: In Großbritannien sind 89 Prozent der
Aktiven im Turnen Mädchen unter 12 Jahren. Es handelt sich also um ein
Problem des Kinderschutzes und um ein Problem der Gewalt gegen Frauen und
Mädchen. Das geht weit über das hinaus, was man sich in anderen Sportarten
vorstellen kann, die überwiegend von Männern oder männlichen Jugendlichen
ausgeübt werden.
taz: Was muss sich langfristig ändern?
Heafford: Verbände müssen Standards guten Trainerverhaltens etablieren, so
wie BG es in der Trainerausbildung nun begonnen hat. Und sie tragen die
Verantwortung, jeden im System aufzuklären, also die Trainerinnen und
Trainer, aber auch die Turnerinnen selbst. Sie müssen ihren Athletinnen
sagen: „Gebt uns Rückmeldung, wenn euer Coach dieses oder jenes nicht
umsetzt! Wir helfen euch, wir verschaffen euch Gehör und
Handlungsspielraum.“ An diesem Punkt angekommen, hätten wir [7][ein
gesünderes System, in dem Spitzenleistung und Eigenverantwortung Hand in
Hand gehen.]
taz: Wie optimistisch sind Sie?
Heafford: Ich denke, wir könnten einen Sport haben, der Menschenrechte und
den Schutz der Aktiven umfasst. Es gibt keinen Grund, warum wir nicht eine
Kultur schaffen sollten, in der Sportler erfolgreich sind und ihre Leistung
auf einem gesunden Weg optimieren. Wir müssen sie nicht brutal behandeln
und vermeidbarem Leid aussetzen.
12 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sandra Schmidt
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