# taz.de -- Turn-WM in Rotterdam: Sie wollen keine Kinder mehr
       
       > Der Turnsport hat in den USA, in Deutschland und besonders auch in der
       > Schweiz unter Missbrauchsskandalen arg gelitten. Das soll nun anders
       > werden.
       
 (IMG) Bild: WM in Rotterdam: Elena Colas aus Frankreich am Stufenbarren
       
       Die eindringlichen Kuhglocken, die Schweizer Fans traditionell zur
       Anfeuerung läuten, waren nicht zu überhören, als mit dem Teamfinale der
       Männer in der vergangenen Woche der spannendste [1][Wettkampf der Turn-WM
       in Rotterdam] auf dem Programm stand. Am Ende belegte die Alpenrepublik den
       fünften Platz, über einen Punkt vor den als Medaillenkandidaten gehandelten
       US-Amerikanern. Die Deutschen waren nicht dabei, Gold sicherte sich Japan
       vor Russland und China.
       
       „Sensationell“, befand [2][David Huser, Abteilungsleiter Olympische Mission
       im Schweizerischen Turnverband (STV)]: „Die USA zu schlagen, ich glaube,
       das ist wunderbar.“ Über das Ergebnis des Frauenteams, Rang 14 in der
       Qualifikation und damit das beste Ergebnis seit 1983, freue er sich
       genauso: „Ja, hervorragend.“ Überschwenglich wird Huser trotz dieser
       Resultate nicht: Realistisch sein und „den Ball auch ein bisschen
       flachhalten“, ist sein Motto.
       
       Wie der große Nachbar Deutschland war auch die Schweiz im Zuge einer
       weltweiten Welle von Enthüllungen massiven Machtmissbrauchs im Turnen
       erschüttert worden. In den „[3][Magglingen Protokollen]“ – so der Titel der
       journalistischen Recherche, die Das Magazin im Oktober 2020 veröffentlichte
       – schilderten Turnerinnen und Gymnastinnen ihre Erfahrungen. Der Verband
       zog Konsequenzen, entließ Trainer und Funktionäre.
       
       Dann bekam David Huser, zuvor Spitzensportchef im Aargauer Turnverband,
       seinen Job und bastelt nun seit rund fünf Jahren mit seinem Team an einem
       Neuanfang. Auf die Frage nach den drei wichtigsten ergriffenen Maßnahmen
       antwortet der 39-Jährige im Gespräch Ende September, es gehe allem voran um
       „Werte“: „Erstens, die Athletin und der Athlet stehen im Zentrum. Wir
       machen das nur für die, wir machen das weder für Funktionäre noch sonst für
       jemanden. Dann als Zweites der Umgang mit dem Menschen. Diese beiden Dinge
       sind entscheidend. Und drittens, der individuelle Umgang.“
       
       Das klingt gut, und richtig allemal. Nun hat es an wohlklingenden
       Erklärungen von Verantwortlichen in den vergangenen zehn Jahren – 2016 war
       der Missbrauch durch den amerikanischen Teamarzt Larry Nassar öffentlich
       geworden – nie gemangelt. Tatsächlich aber kann der STV mit einer ganzen
       Reihe von Maßnahmen aufwarten.
       
       Dazu gehört eine neue Struktur des dezentralen Stützpunktsystems: Ein
       Labelsystem mit fünf Modulen – Ethik und Integrität, Management, der
       Trainingsbetrieb im weiten Sinne, das Umfeld und Erfolg – wurde entwickelt.
       Der Erfolg stehe deshalb am Schluss, „weil wir der Überzeugung sind, dass
       der Erfolg nicht etwas ist, was in erster Linie steht, sondern etwas, das
       die Folge aus dem System ist“, so David Huser.
       
       ## Bronze, Silber oder Gold
       
       Je nachdem, wie gut Stützpunkte vorgegebene Qualitätskriterien pro Modul
       erfüllen, erhalten sie das Label Bronze, Silber oder Gold – und
       entsprechend finanzielle Zuwendungen. Außerdem wurde die Kader- und damit
       die individuelle Förderstruktur überarbeitet: Der Kader für Neun- und
       Zehnjährige wurde komplett gestrichen, aus Sicht des Verbandes sei das
       „viel zu früh und nicht notwendig“, erklärt David Huser. Der Übergangskader
       U18 wurde neu erfunden: Athleten, die hier aufgenommen werden, verbleiben
       für drei Jahre in dieser Förderstufe, ohne Erfolgsnachweise liefern zu
       müssen.
       
       Damit wolle man in der entscheidenden puberalen Entwicklungsphase den Druck
       verringern: „Wir wollen Euch Zeit geben zum Entwickeln“, so die Botschaft.
       Dahinter stehe eine Grundüberzeugung, so Huser: „Wir wollen international
       Frauen sehen, die an Olympischen Spielen starten und nicht Mädchen oder
       Kinder; Frauen, die selbständig für ihr Projekt einstehen.“ Entsprechend
       werden in Magglingen, dem einzigen zentralisierten Trainingsort in der
       Schweiz, nur noch Turner und Turnerinnen aufgenommen, die mindestens 18
       Jahre alt sind.
       
       „Sehr viel Gegenwind“, habe er als Reaktion auf die Neuerungen erfahren,
       und zwar „aus dem System“, sagte der Spitzensportchef im Gespräch, also von
       Trainern, Kampfrichtern, Funktionären, die seit Jahrzehnten ihren
       Überzeugungen folgten. Der Glaube an Neuerungen komme eben erst mit dem
       Erfolg. Nun, nach den Ergebnissen sagt David Huser in Rotterdam: „Man
       beginnt vielleicht langsam an etwas zu glauben und das ist sehr schön.“
       
       25 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://rotterdam2026.com/
 (DIR) [2] https://www.blick.ch/sport/turnen/stv-weist-kritik-an-fuehrungsstruktur-und-ethik-zurueck/kly4l7x
 (DIR) [3] https://www.aargauerzeitung.ch/sport/die-erschreckende-wahrheit-der-magglingen-protokolle-wie-spitzenturnerinnen-gebrochen-werden-ld.1274050
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sandra Schmidt
       
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