# taz.de -- 10 Jahre Missbrauchsskandal im Turnen: „Warum ist so wenig geschehen?“
> Richterin Rosemarie Aquilina hat 2018 Turnarzt Larry Nassar wegen
> Missbrauchs verurteilt. Ein Gespräch über Wut, selbstbwusste Opfer und
> Stillstand.
(IMG) Bild: Balanceakt: Turnen in einem perfiden System
Es ist 10 Jahre her, dass der größte Skandal der US-Sportgeschichte bekannt
wurde. [1][Larry Nassar hatte über zwei Jahrzente Turnerinnen sexuell
missbraucht.] Richterin Aquilina hatte vor der Verurteilung Betroffenen das
Wort gegeben. Die taz hat Aquilina bei der Turn-WM getroffen, wo sie auf
Einladung der [2][von Betroffenen gegründeten NGO Gymnasts for Change
International] zu Gast ist.
taz: Frau Aquilina, hatten Sie vor dem Fall Nassar Ahnung von Turnen?
Aquilina: Null. Ich habe Olympische Spiele fast nie angeschaut, ich hatte
anderes zu tun. Ich kannte Nassar nicht. Später habe ich erfahren, dass er
in die gleiche Kirche ging wie ich, aber ich war nicht jeden Sonntag dort.
Es gab also Verbindungen, aber zum Glück hat Gott uns nie vorher zusammen
in einen Raum gesetzt.
taz: Als die Verhandlung begann, standen 26 Frauen auf der Liste der
Opferaussagen. Am Ende waren es 156 an sieben Tagen. Hatten Sie das
erwartet?
Aquilina: Ich lasse die Opfer immer reden. Die Angeklagten übrigens auch –
ich will ja möglichst viel wissen! Und ich weiß aus 23 Jahren Erfahrung als
Richterin, dass Verbrechen sich auf jeden Menschen im Umfeld des Opfers
auswirken. Ich hatte hunderte Fälle sexueller Missbrauchstäter – auch
grausamere Fälle als Nassar – und es gibt nie nur ein oder zwei Opfer. Bei
26 dachte ich, okay, vielleicht 2000, wer weiß. Deshalb habe ich gesagt:
Ich erteile jedem das Wort. Die Liste wurde länger und länger. Es saßen
Mädchen im Saal, die aus Neugierde gekommen waren oder um Andere zu
unterstützen – und dann haben sie begriffen: Ich bin keine Nummer, ich habe
auch einen Namen, ich sage auch aus. Es war wie ein Lauffeuer. Es hat mich
nicht überrascht. Es ist ein notwendiges Element des Heilungsprozesses.
taz: Im Nachgang wurden Sie beschuldigt, [3][in Ihren Ansprachen Nassar
gegenübe]r nicht neutral genug gewesen zu sein.
Aquilina: Ja, man warf mir vor, ich sei zu gemein gewesen. Ich bin gewählt,
als Stimme der Menschen und die Menschen waren wütend; ich hörte die
Aussagen und war auch wütend. Außerdem hat Nassar sich in meinem Saal
daneben benommen. Er wollte Kontrolle zurückgewinnen. Ich habe keine Angst
– wer keine Unruhe stiftet, der wird auch nichts verändern.
taz: Hatte die [4][Me-Too-Bewegung] Einfluss auf das Geschehen?
Aquilina: Ich hatte überhaupt nicht daran gedacht. Später wurde ich
gefragt: Weißt Du, was Du getan hast? Worüber redest Du, fragte ich zurück.
Und dann hieß es: Du hast die Me-Too-Bewegung schneller und weiter
vorangebracht, als wir es je für möglich gehalten hätten. Nun, ich bin
froh, wenn das so war.
taz: Hatten Sie in jenen Tagen irgendwann das Gefühl: Hier geht es nicht
nur um den sexuellen Missbrauch von Nassar, sondern um [5][ein extrem
perfides System?] In den Aussagen wurde ja deutlich, dass Nassar als der
„nice guy“ galt, weil in der Wahrnehmung der Mädchen die Trainer noch
schlimmer waren.
Aquilina: Ich hörte zu und war in einer Art Hochstimmung, als hätte man mir
156 Babies gegeben: Ich sah, wie diese Menschen klein und ängstlich
begannen, dann ihre Stimme fanden und immer größer wurden und über sich
hinauswuchsen. Die Energie hat mich mitgerissen. Die Wahrheit ist: Es ist
ein systemisches Problem – in Schulen, in Kirchen, bei Pfadfindern. Es hat
sich kaum etwas verändert und das ist so enttäuschend. Ich dachte: Okay,
die ganze Welt hat zugeschaut, also wird etwas geschehen. Aber bis heute
vergeht kaum ein Tag, an dem mich nicht eine junge Frau deswegen
kontaktiert.
taz: Was schließen Sie daraus?
Aquilina: Es zeigt, wie groß das Problem ist. Der Sport muss sich
verändern. Sport verbindet uns alle. Als Kind werfen wir alle Bälle in die
Luft, wir können alle Sportler sein. Aber alle Kinder müssen lernen, NEIN
zu sagen. Und Gesetzgebungsverfahren sind gescheitert. Ich habe häufig vor
Abgeordneten gesprochen – sie wirkten nicht besonders interessiert. Erst
wenn es ihren eigenen Kindern widerfährt, dann verabschieden sie die
Gesetze. Für die Turnwelt war das einzigartig, aber ich kenne so viel
davon. Warum also ist da so wenig geschehen?
18 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sandra Schmidt
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