# taz.de -- Missbrauch im Leistungssport: Zwei Turnerinnen und ihre Trainer
       
       > Kaylia Nemour und Helen Kevric haben mit Trainern gearbeitet, denen
       > Missbrauch vorgeworfen wird. Ihr Umgang damit könnte unterschiedlicher
       > nicht sein.
       
 (IMG) Bild: Befreite Überfliegerin: Kaylia Nemour bei der Turn-WM in Rotterdam
       
       Kaylia Nemour und Helen Kevric haben einige Gemeinsamkeiten: Beide jungen
       Frauen sind hervorragende Turnerinnen, beide sind es insbesondere am
       Stufenbarren. [1][Bei der Weltmeisterschaft in Rotterdam] treffen sie an
       den Holmen am heutigen Samstag im Finale aufeinander. Die Olympiasiegerin
       von 2024, Nemour, ist klar favorisiert, die amtierende Europameisterin,
       Kevric, sehr ambitioniert.
       
       Was sie jenseits der Barrenholme auch gemeinsam haben: Beide wurden in der
       Vergangenheit von Trainern betreut, gegen die schwere Vorwürfe psychischen
       und physischen Missbrauchs erhoben wurden. Mit so etwas müssen die
       Sportlerinnen umgehen und vor allem die Verbände. Und hier enden die
       Gemeinsamkeiten.
       
       Rückblick: Vor fünf Jahren eskalieren die Auseinandersetzungen zwischen dem
       französischen Turnverband und dem Verein Avoine-Beamont, wo Nemour von Marc
       Chirilcenko und seiner Frau Gina – einst selbst Turnerin in Rumänien –
       betreut wird und Kaylias Mutter Vereinspräsidentin ist. Das Ergebnis:
       Nemour, die einen algerischen Vater hat, beantragt den Wechsel des
       Startrechts.
       
       ## Olympiasieg unter neuer Flagge
       
       Als sie sich zwei Jahre später für Algerien für die Olympischen Spiele in
       Paris qualifiziert, wird der Turnverband FFGym von einem beispiellosen
       Shitstorm überzogen: Wie kann man nur die größte Olympiahoffnung ziehen
       lassen? FFGym erklärt damals, er habe die Aufgabe, den Schutz von Kindern
       zu gewährleisten – olympische Medaille hin oder her. Nemour wird
       Olympiasiegerin für Algerien, betreut von Marc Chirilcenko.
       
       In jenem olympischen Finale im Sommer 2024 wird Helen Kevric Sechste,
       damals gerade 16 Jahre alt, betreut von Giacomo Camiciotti, unter dem sie
       am Bundesstützpunkt Stuttgart trainiert. Die Frage, ob Verantwortlichen im
       Deutschen Turner-Bund (DTB) bereits zum Zeitpunkt seiner Nominierung
       Informationen zu missbräuchlichem Verhalten vorlagen, ist bis heute nicht
       endgültig geklärt.
       
       [2][Öffentlich bekannt wurden die Vorwürfe am Jahresende]: Erniedrigungen,
       Drohungen, Terror, Training und Wettkämpfe mit Verletzungen bis hin zu
       gebrochenen Knochen, Essstörungen und Depressionen. Im Zuge der Aussagen
       vieler mutiger junger Frauen wurde auch bekannt, dass dem DTB und dem
       Schwäbischen Turnerbund (STB) ähnlich lautende Schilderungen aus Stuttgart
       bereits seit Frühjahr 2021 vorlagen.
       
       [3][Dieses Mal allerdings handelten die Verantwortlichen:] Die Trainer
       wurden suspendiert, der Landesverband kündigte die Arbeitsverträge. Der DTB
       verpflichtete Aimee Boorman für den Stützpunkt Stuttgart: Die
       US-Amerikanerin, die Superstar Simone Biles das Turnen gelehrt hat,
       vertritt offensiv, dass es primär um die Entwicklung junger Menschen zu
       Persönlichkeiten geht, nicht um Medaillen.
       
       ## Eine Frage des Vertrauens
       
       Helen Kevric bezieht zu all dem im Frühjahr 2025 erstmals Position: Sie sei
       kein „Missbrauchsopfer“, sagt sie, sie wolle ihre „Trainer zurück“, und das
       Ganze sei „unfair“. Und mit Aimee Boorman wolle sie nicht trainieren. Nach
       einem Jahr trennt sich der DTB im März trotz eines Vertrages bis 2028
       wieder von der US-Amerikanerin: Die Zusammenarbeit habe „nicht so
       funktioniert, wie es gewünscht“ gewesen wäre, heißt es.
       
       Helen Kevric trainiert aktuell nach eigener Aussage zehn Tage pro Monat im
       italienischen Vercelli. Die dortige Cheftrainerin hatte bis 2017 mit
       Giacomo Camiciotti zusammengearbeitet. Dass er diese Aufenthalte finanziell
       unterstützt, bestätigt der DTB. Anhaltende Gerüchte, Vater Adnan Kevric
       drohe dem Verband mit einem Wechsel des Startrechts – er stammt aus Bosnien
       –, dementiert er.
       
       Sie wünsche sich einen Trainer, so Helen Kevric im Sommer, „der auf meinem
       Niveau mithalten“ kann – und es besteht kein Zweifel, an wen sie dabei
       denkt. Als sie im August Europameisterin am Barren wird, gibt sie auf die
       Frage, wer ihre Trainingsprogramme schreibe, keine Antwort.
       
       Ebenfalls im Frühjahr 2025 trennte sich Kaylia Nemour von ihrem Trainer
       Marc Chirilcenko. „Ich habe verstanden, dass ich diese schöne
       Olympiamedaille auch deshalb gewonnen habe, weil ich das Inakzeptable
       akzeptiert habe“, sagte sie der französischen Sportzeitung L’Équipe: „Wenn
       du da drinsteckst, dann weißt du nichts, du siehst nichts. Es war unser
       ganzes Leben, es schien normal.“ Aber sie habe begriffen, dass es auch
       anders geht.
       
       ## Ermittlungen in Frankreich und Deutschland
       
       Die Olympiasiegerin sagte, ebenso wie etliche andere ehemalige Turnerinnen
       und Eltern, vor den französischen Behörden aus. Die Vorwürfe gleichen jenen
       aus Stuttgart – und übrigens auch aus dem Rest der Welt. Der französische
       Verband sperrt die Chirilcenkos, obschon sie erneut ein großes Talent
       trainieren.
       
       „Keine Medaille wird jemals Schweigen, Kompromisse oder Leid rechtfertigen“
       erklärte FFGym-Präsidentin Dominique Merieux, die es offenbar nicht
       Minderjährigen überlässt, darüber zu befinden, ob Machtmissbrauch vorliegt
       oder nicht. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Marc und Gina
       Chirilcenko, die mittlerweile in Katar engagiert wurden, dauern an.
       
       Auch in Deutschland ermittelt weiterhin die Staatsanwaltschaft Stuttgart
       gegen Giacomo Camiciotti und Marie-Luise Mai, und zwar in 25 Fällen wegen
       Nötigung und diverser Körperverletzungsdelikte; außerdem wegen Unterlassen
       gegen DTB-Präsident Alfons Hölzl, Sportvorstand Thomas Gutekunst sowie
       sieben weitere aktuelle und ehemalige Mitarbeiter beziehungsweise
       Funktionäre der Verbände.
       
       Die arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen beider Trainer hingegen endeten
       zuletzt in zweiter Instanz mit einem Vergleich. Der Schwäbische Turnerbund
       zahlt Abfindungen, das Kunstturnforum in Stuttgart darf Camiciotti nicht
       mehr betreten. Über das Ende der juristischen Auseinandersetzung freut sie
       sich sehr, sagte Kevric vor der Abreise zur WM, ihr Ziel sei es, „dass ich
       wieder unter den Personen trainieren darf, denen ich vertraue“.
       
       Aktuell läuft die Suche nach einer Trainingsstätte in Deutschland. Auf die
       Frage, ob er eine solche Wiederaufnahme des Trainings befürworte oder diese
       zu verhindern gedenke, antwortet der DTB kurz vor der WM nicht. Ziel sei
       es, „gemeinsam mit der Athletin die bestmögliche Lösung hinsichtlich ihrer
       Trainingssituation und -betreuung zu finden“, heißt es lediglich, und der
       Verband stehe „uneingeschränkt“ zu seinem Safe Sport Code.
       
       26 Oct 2026
       
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