# taz.de -- Zum Tod von Cheikh Hamidou Kane: Afrikas koloniales Trauma
       
       > Mit 98 Jahren ist der Schriftsteller Cheikh Hamidou Kane in Senegal
       > gestorben. Ein einziges Buch, „L’Aventure ambiguë“, genügte für seinen
       > Weltruhm.
       
 (IMG) Bild: Er schrieb den Schlüsselroman über den Einzug der Kolonialherrschaft: Cheikh Hamadou Kane, hier im Jahr 2004
       
       Wie bewahrt man das Eigene in der Welt der anderen? Diese Frage stellte
       sich überall in Afrika, als die europäischen Kolonialmächte den Kontinent
       überfielen. Für die Weißen waren die Schwarzen Menschen ohne Geschichte und
       ohne Kultur. Alles, was sie jemals geschaffen und erlebt und gedacht
       hatten, war einfach nicht von Belang.
       
       Der Schriftsteller [1][Cheikh Hamidou Kane], der am 3. Oktober in Senegal
       im Alter von 98 Jahren starb, war einer der letzten Zeugen einer Zeit, in
       der das alte Afrika starb. [2][„L’Aventure ambiguë“] (Das zwiespältige
       Abenteuer), sein Schlüsselroman aus dem Jahr 1962, machte ihn weltweit
       berühmt. Soll man sein Kind auf die Schule der Weißen schicken, wo sie
       etwas Neues lernen, aber eben das Alte nicht mehr? „Ist das, was man lernt,
       so viel wert wie das, was man vergisst?“ lässt er einen Protagonisten
       fragen.
       
       Die Antwort ist klar: Man muss. Sonst wird die nächste Generation keine
       Zukunft haben. So wie der Bauer seine geliebten Felder abbrennt, damit sie
       fruchtbar bleiben, so muss man seine Kinder hergeben, damit sie
       weiterleben. „Wenn sie von der Schule kommen, werden sie uns nicht mehr
       erkennen“ – aber: „Wir müssen hinnehmen, dass wir in unseren Kindern
       sterben und die Fremden, die uns geschlagen haben, unseren Platz in ihnen
       einnehmen.“
       
       Der Bildungsroman, eine halb autobiografische Erzählung, verfolgt das Leben
       von Samba Diallo, der sich als kleiner Koranschüler trotz seiner noblen
       Herkunft als Bettelmönch beweisen muss, dann zur Schule der Weißen
       geschickt wird und schließlich als Philosophiestudent Paris erreicht. Doch
       er findet sich weder in der Fremde zurecht noch später zurück in der Heimat
       – denn die beiden Welten, die in seinem Kopf eine einzige bilden, finden in
       der Wirklichkeit nicht zusammen. „L’Aventure ambiguë“ wurde schlagartig
       berühmt, es war ein Gründungsakt der modernen afrikanischen Literatur.
       „Samba Diallo ist von uns gegangen“, [3][titelte eine senegalesische
       Zeitung] nach dem Tod des Schriftstellers.
       
       Wie die Alten das Ende all ihrer Gewissheiten durch die Opfergabe ihrer
       Kinder an die Weißen abzumildern versuchen, steht für das Dilemma eines
       ganzen Kontinents. Die französische Eroberung Westafrikas war besonders
       traumatisch. Bestehende Staaten wurden gewaltsam zerschlagen, an ihre
       Stelle trat eine Militärverwaltung als Terrorregime mit Zwangsarbeit und
       Steuerpflicht und Beschulung als Gehirnwäsche, wo kleine Afrikaner
       sinnfreie Sätze wie „Unsere Vorfahren, die Gallier“ nachsprechen mussten.
       Das war die Welt, in der Cheikh Hamidou Kane aufwuchs und der er mit
       „L’Aventure ambiguë“ ein düsteres Denkmal setzte.
       
       „Weiß und frenetisch“ nennt Kane die europäischen Eroberer, „so was hatten
       wir noch nie erlebt“. In wenigen Seiten fasst er das koloniale Trauma
       wortgewaltig zusammen. Erst kamen die Kanonen, dann kamen die Schulen. Erst
       wurden die Menschen von außen besiegt, dann von innen. Erst gab es
       Zerstörung, dann eine neue Ordnung, in der nur noch Nützlichkeit zählte,
       nicht mehr der Mensch an sich. „Der zivilisierte Mensch ist der verfügbare
       Mensch“, schreibt Cheikh Hamidou Kane. Die neue Ordnung entstand „wie das
       Innenleben eines magnetischen Feldes: man sieht, wie die eroberten Menschen
       sich entlang unsichtbarer und zwingender Linien neu sortieren“.
       
       Und im Land der Weißen, wie ist es da? „Die haben keine Körper mehr“,
       wundert sich ein Protagonist. „Sie sind von Gegenständen gefressen worden.“
       Um sich zu bewegen, steigen sie in Gegenstände, die sich an ihrer Stelle
       bewegen. Um sich zu ernähren, stecken sie sich Gegenstände aus Metall in
       den Mund. „Wirklich!“
       
       Warum diese Weißen überhaupt nach Afrika gekommen sind, bleibt eines der
       großen Rätsel der Weltgeschichte. Keinen Kontinent wollten Europas
       Großmächte so total beherrschen, zugleich war und ist ihnen kein Kontinent
       so unwichtig. Aber da sie nun einmal da sind, muss man von ihnen „lernen,
       zu siegen, ohne recht zu haben“, wie Cheikh Hamidou Kane es ausdrückt.
       Sonst geht man unter. Und so entsteht ein neues Afrika, in dem nicht mehr
       Recht und Wahrheit zählen, sondern allein die Macht.
       
       „L’Aventure ambiguë“ erschien zu früh, um die nachkolonialen Enttäuschungen
       in Afrika nachzuzeichnen, aber das Buch macht deutlich, wie es zwangsläufig
       zu diesen Enttäuschungen kommen musste. Cheikh Hamidou Kane selbst trat
       nach seinem Studium in Paris in den Dienst der Kolonialverwaltung und
       prägte Senegals Unabhängigkeit 1960 mit. Wie alle anderen hatte er Träume,
       die an der Wirklichkeit zerschellten.
       
       „Ich las ‚L’Aventure ambiguë‘ in der Oberschule, in einem Alter, als wir
       noch dachten, es gäbe auf komplizierte Fragen einfache Antworten“,
       [4][erinnert sich der Schriftsteller Fousseni Togola] aus Mali in einer der
       unzähligen Würdigungen Kanes. Das Buch reiße einen aus dieser Illusion
       heraus: Es bietet keine Antworten. Wohl aber eine Grundhaltung. Die Welt
       des alten Afrika und die neue weiße Welt sind nicht vereinbar, man kann
       aber auch nicht nur eine einzige davon wählen. [5][Man trage zwangsläufig
       beide in sich], aber das müsse man tun, „ohne sie zu verwechseln oder zu
       verraten“.
       
       Seit ein paar Jahren regieren in Senegal und anderen Ländern Westafrikas
       Regierungen, die sich „souveränistisch“ nennen und die Abkehr von weißen
       Vorbildern zelebrieren. Aber sie finden keinen anderen Halt. Lauter
       Ideologien sind im Laufe der Jahrzehnte über Afrika hinweggezogen:
       Kolonialismus, Neokolonialismus, Panafrikanismus, Sozialismus,
       Neoliberalismus, Nationalismus – sie alle glaubten, sie könnten „siegen,
       ohne recht zu haben“. Immer wieder steigt eine neue glorreiche Morgenröte
       auf, die sich im Laufe der Zeit blutrot färbt und von der am Ende nur
       Schatten bleiben.
       
       Warum, klagt Samba Diallos Vater still, verstehen die Menschen nicht, dass
       die Sonne, der sie nachlaufen, sie blind macht? Die Zivilisation mag am
       Zenit stehen, aber dort braucht es keine Beschleunigung. Die Seele muss zur
       Ruhe kommen. Aber Ruhe gibt es nicht mehr.
       
       18 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Cheikh_Hamidou_Kane
 (DIR) [2] https://fr.wikipedia.org/wiki/L'Aventure_ambigu%C3%AB
 (DIR) [3] https://www.seneplus.com/article/revue-de-la-presse-seneplus-du-lundi-5-octobre-2026
 (DIR) [4] https://saheltribune.com/cheikh-hamidou-kane-samba-diallo-aventure-ambigue/
 (DIR) [5] /Wir-sind-das-Salz-eurer-Kultur/!1153787
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
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