# taz.de -- Generalstreik in Senegal: Gewerkschaften fordern Brot statt Olympia
> Kurz bevor in Senegal das erste olympische Sportereignis Afrikas startet,
> blasen die Gewerkschaften zum Aufstand. Die Regierung hat kein Geld mehr.
(IMG) Bild: Herausgeputzt zum Generalstreik: Gewerkschaftsfunktionäre sammeln sich in Dakar zum Demonstrieren, 20. Oktober
Laut schallt Musik über den Bürgersteig, auf dem sich zahlreiche Menschen
mit roten Hüten und Flaggen sowie selbst gebastelten Schildern drängen.
Lautsprecher auf einem Pick-up knacken laut, dann unterbricht ein
ohrenbetäubendes Quietschen die Musik: „Kameradinnen und Kameraden,
versammelt euch! Es geht los!“ ruft der Ansager ins Mikrofon. Angeführt vom
Pick-up mit den Lautsprechern setzt sich der Tross in Bewegung und
blockiert pünktlich zum Feierabendverkehr eine Hauptverkehrsstraße in
Senegals Hauptstadt Dakar.
Ein Bündnis aus 13 Gewerkschaftsverbänden hat in Senegal zu einem
dreitägigen Generalstreik ab Mittwoch aufgerufen. Der Zeitpunkt ist bewusst
gewählt, nur elf Tage vor Beginn der [1][olympischen Jugendspiele (JOJ) in
Dakar] am 31. Oktober.
Rund 2.700 junge Athletinnen und Athleten aus aller Welt werden in den
nächsten Wochen in Senegals Hauptstadt erwartet, es wird die erste
olympische Veranstaltung auf dem afrikanischen Kontinent. Die
Vorbereitungen laufen seit Monaten auf Hochtouren. Straßenmarkierungen
wurden säuberlich nachgepinselt, Bürgersteige aufgehübscht, sogar die
Zugverbindung zwischen dem internationalen Flughafen und dem zentralen
Bahnhof ist gerade noch rechtzeitig feierlich fertiggestellt worden. Die
Regierung will sich als guter Gastgeber präsentieren, der seine
Infrastruktur im Griff hat.
Ein Generalstreik kommt da höchst ungelegen. In einem verzweifelten Versuch
hatte Senegals Minister für den öffentlichen Dienst und Arbeit, Mamadou
Lamine Dianté, die Gewerkschaften noch dazu aufgefordert, ihren Ausstand
auszusetzen. Die Spiele seien von großer Bedeutung für das internationale
Ansehen des Landes, argumentierte er und appellierte an das
„Verantwortungsbewusstsein“ und den „patriotischen Geist“ der
Beschäftigten, um die Funktionsfähigkeit des öffentlichen Dienstes während
des Großereignisses sicherzustellen.
## „Wir haben monatelang gewartet, jetzt ist es genug“
Doch für die Streikenden kommt ein Rückzug nicht infrage: „Wir haben
monatelang auf die versprochenen Zusagen der Regierung gewartet, jetzt ist
es genug“, sagt die Lehrerin Marieme Sakho Dansokho, eine der
demonstrierenden Streikenden. Seit Monaten paralysiert der [2][Streit
zwischen Präsident Diomaye Faye und seinem ehemaligem Premierminister
Ousmane Sonko] das Land. Sonko hält auch nach seiner Entlassung weiter die
Mehrheit im Parlament und ließ sich dort zum Parlamentspräsidenten wählen.
Seine letzte Drohgebärde ist die Ankündigung, im Parlament die anstehende
Abstimmung über den Haushalt zu blockieren.
Mit ihrer Frustration über die politische Zwietracht und die fehlende
Umsetzung von Wahlversprechen ist Marieme Sakho Dansokho nicht alleine.
„Wir leiden unter einer enormen Teuerung. Vor einem Jahr habe ich noch
8.000 CFA-Franc (12,20 Euro) für einen Sack Reis bezahlt, heute sind es
12.000 oder auch mal mehr“, gibt die Lehrerin ein Beispiel. Bei Sonkos und
Fayes Amtsantritt 2024, damals noch verbündet, waren die Hoffnungen in das
Duo und ihre Reformversprechen hoch. Doch seither ist die Kaufkraft
gesunken, in großen Unternehmen hat es massive Entlassungen gegeben und
trotz einer [3][boomenden Öl- und Gasförderung] sind Senegals öffentliche
Finanzen durch hohe Staatsschulden massiv belastet.
Kurz nach Fayes Amtsübernahme 2024 war ein bisher nicht bekanntes
Haushaltsloch von umgerechnet 13 Milliarden Dollar festgestellt worden.
Über Jahre waren unter der Vorgängerregierung von Präsident Macky Sall
offenbar Bilanzen gefälscht worden, die das wahre Ausmaß von Senegals
Verschuldung vertuschten. Seither ist der finanzielle Spielraum der
Regierung stark eingeschränkt und es wird gespart, wo es nur geht. Dass in
diesem Kontext Millionen für Aufhübschung und Sportinfrastruktur ausgegeben
wurden, stößt daher nicht nur auf Begeisterung.
## Der Konflikt scheint festgefahren
Die Forderungen der Gewerkschaften – sie vertreten unter anderem
Lehrkräfte, Pflegekräfte und Beschäftigte im Transportwesen – reichen von
besseren Arbeitsbedingungen über höhere Renten und Prämien bis hin zu einer
Wohnbeihilfe von 100.000 CFA-Francs (rund 153 Euro). Auch das neue
Arbeitsgesetzbuch, das am 3. September in Kraft trat, steht in der Kritik.
Es erlaubt Arbeitgebern unter anderem, Beschäftigte bis zu vier Jahre lang
mit befristeten Verträgen anzustellen. Gefordert wird eine zeitnahe
Überarbeitung der Regelungen mit mehr Sicherheit für die Arbeitnehmer.
Dass der Appelle zum Trotz gestreikt wird, verärgert wiederum die
Regierung. In einer Erklärung am Dienstag drohte das Ministerium dem
öffentlichen Dienst mit Lohnabzügen, Disziplinarmaßnahmen und
arbeitsrechtlichen Konsequenzen. Dabei ist der Konflikt nicht neu. Seit
Monaten ringen beide Seiten um eine Einigung, bislang erfolglos.
Am 15. Oktober hatte Premierminister Ahmadou Al Aminou Mohamed Lô die
Gewerkschaften noch dazu aufgefordert, ihre Streiks für drei Monate
auszusetzen. Der Staat werde seinen Verpflichtungen schrittweise
nachkommen, sobald sich die öffentlichen Finanzen stabilisierten,
appellierte er für mehr Geduld. Die aber ist längst aufgebraucht.
21 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.olympics.com/de/olympic-games/youth-olympic-games
(DIR) [2] /Politische-Krise-in-Senegal/!6192050
(DIR) [3] /Rohstoffe-aus-Westafrika/!5950449
## AUTOREN
(DIR) Helena Kreiensiek
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