# taz.de -- Warnstreik an der Charité: Pflegekräfte hoffen auf Linksbündnis
> Die Verhandlungen um den Entlastungstarifvertrag an der Charité sind
> festgefahren. Verdi kündigt ein Ultimatum an und wirbt um politische
> Unterstützung
(IMG) Bild: In 20 Tagen ist Schluss mit lustig: Charité-Pfleger:innen stellen ein Ultimatum
Statt wie üblich in der Notaufnahme steht Lisa Schlagheck am
Donnerstagmorgen vor dem Haus der Statistik am Alexanderplatz und
diskutiert mit Steffen Krach. „Bei uns sagt jede fünfte Pflegekraft, sie
würde ohne den Entlastungstarifvertrag kündigen. Das ist brandgefährlich“,
erklärt die Charité-Pflegerin, Krach hört aufmerksam zu.
Der SPD-Vorsitzende ist auf dem Weg zu den wieder aufgenommenen
Sondierungsgesprächen mit Linken und Grünen. Die
Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat kurzerhand die Kundgebung für den
zweitägigen Warnstreik an der landeseigenen Universitätsmedizin vor den Ort
der Verhandlungen verlegt. Die Botschaft ist klar: Ein mögliches
Linksbündnis muss beweisen, was es wert ist, indem es schafft, die
Errungenschaften der Krankenhausbewegung zu verteidigen.
Konkret geht es [1][um den Tarifvertrag Entlastung (TVE)], der seit einigen
Wochen zwischen Charité-Geschäftsführung und Gewerkschaft neu verhandelt
wird. Kern des Tarifvertrags ist ein Mechanismus, der Beschäftigten
Ausgleich in Form von Freizeit oder Geld bietet, wenn sie auf
unterbesetzten Stationen arbeiten oder besonders belastenden Situationen
ausgesetzt sind.
Der TVE ist [2][eine beispiellose Erfolgsgeschichte] im Kampf gegen den
Pflegenotstand. In den vergangenen 5 Jahren sorgte das System dafür, dass
die Charité 1.100 neue Pfleger:innen einstellen konnte. Gleichzeitig
verringerte sich die Zahl der überlasteten Schichten um das Fünffache.
Bundesweit führten Universitätskliniken ähnliche Systeme ein, um Personal
zu gewinnen.
## Erfolgsmodell in Gefahr
„Ich bin aufgrund des TVEs zur Charité gekommen. Wenn der wegfällt, habe
ich kein Grund mehr, hier zu arbeiten“, sagt Schlagheck zur taz. Die
Pflegerin berichtet, wie sie in der Vergangenheit in der Notaufnahme eines
anderen Universitätsklinikums gearbeitet hätte. „Da waren wir nachts auch
mal alleine.“
Auf Dauer unterbesetzt arbeiten, das hinterlasse Spuren, sagt Schlagheck.
Gewalterfahrungen durch Angehörige sowie Patienten in psychischen
Ausnahmesituationen seien in der Notaufnahme an der Tagesordnung. „Das ist
alles besser zu bewältigen, wenn man nicht alleine ist“, sagt die
Pflegerin.
Doch aufgrund der im Bund beschlossenen Kürzungen im Gesundheitssystem hat
die Charité-Geschäftsführung den Tarifvertrag im April gekündigt, seit
Anfang September laufen die Verhandlungen.
Die Fronten sind verhärtet. Laut Verdi will die Geschäftsführung das
Kernelement des TVE – den Belastungsausgleich – entfernen, um kosten zu
sparen. Doch Personalvorgaben auf dem Papier seien wertlos, wenn ihre
Nichteinhaltung nicht mehr sanktioniert wird, sagt Schlagheck. „Effektiv
würde das keine Entlastung mehr bedeuten.“
## Unbefristeter Streik wahrscheinlich
Um Druck aufzubauen, kündigten die Beschäftigten ein Ultimatum an. Wird in
20 Tagen kein Ergebnis erzielt, soll über einen unbefristeten Streik
abgestimmt werden.
Die Charité gibt sich hingegen optimistisch. „Wir setzen auf eine
konstruktive Lösung, die die Interessen der Beschäftigten und die
langfristige Sicherung der Leistungsfähigkeit der Charité berücksichtigt“,
teilt eine Sprecherin der taz mit. Es seien bereits weitere
Verhandlungstermine bis Mitte November vereinbart.
Grund für die entspannte Haltung der Geschäftsführung dürfte sein, dass sie
am Mittwoch [3][zum zweiten Mal vor dem Arbeitsgericht gegen Verdi gewonnen
hat]. Die Uniklinik hatte im September gegen die von Verdi vorgeschlagene
Notdienstvereinbarung geklagt. Die Geschäftsführung hat mit dem Urteil eine
deutliche Verbesserung der Notdienstbesetzung bei kommenden Streiks
durchgesetzt. Ab sofort sollen rund 85 Prozent des Personals trotz Streiks
arbeiten.
„Bei uns in den Notaufnahmen führt das dazu, dass nur 1 bis 2 Leute
streiken dürfen, wenn niemand krank ist“, berichtet Schlagheck. Am Freitag
würde deshalb niemand streiken können.
## Eingeschränktes Streikrecht
Das Urteil bedeutet eine deutliche Einschränkung der Schlagkraft Verdis.
Dabei ist die Gewerkschaft äußerst gut organisiert, Streikleiter David
Wetzel spricht auf der Kundgebung von 3.000 Gewerkschaftsmitgliedern bei
über 7.000 Beschäftigten an der Charité. Alleine in den letzten Wochen
seinen 800 neue Kolleg:innen hinzugekommen.
Die Hoffnung ruht nun auf der Politik. Ähnlich wie Krach haben auch die
Spitzen von Linken und Grünen ein offenes Ohr für die Beschäftigten. Doch
wie sie der Sparorgie des Bundes und der strukturellen Unterfinanzierung
der Berliner Krankenhäuser entgegentreten wollen, können sie heute nicht
beantworten.
„Wir werden die Charité gut aufstellen und gut ausfinanzieren, dazu gehören
auch gute Arbeitsbedingungen“, sagt Linken-Fraktionsvorsitzender Tobias
Schulze. Man habe in den Sondierungen darüber gesprochen, aber könne zu
diesem Zeitpunkt „noch keine Finanzierungszusagen geben“.
Als Träger gleicht das Land die Defizite der Charité aus. Allerdings darf
Berlin nicht einfach Personalkosten übernehmen. Schon die Einführung des
TVEs 2021 führte zu Klagen seitens freier Träger und privater Kliniken, die
eine Wettbewerbsverzerrung befürchteten. Die Klagen scheiterten zwar, eine
einfache Refinanzierung der Personalkosten bleibt jedoch ein Risiko.
## Krach ist aufgeschlossen
Eine Idee, die schon damals kursierte, ist, die zusätzlichen Kosten von
Entlastungstarifverträgen durch einen für alle Krankenhäuser zugänglichen
Fonds zu finanzieren. Die Schaffung eines solchen Instrumentes dürfte
jedoch angesichts der knappen Haushaltslage eine Herausforderung sein.
„Der Charité-Vorstand würde sehr gerne den Entlastungsvertrag fortführen.
Es ist Aufgabe der Politik, die finanziellen Rahmenbedingungen zu
schaffen“, sagt Krach vor den Beschäftigten. Grünen-Fraktionsvorsitzende
Silke Gebel kündigte hingegen an, die Kürzungen vom Bund nicht einfach so
hinnehmen zu wollen. „Friedrich Merz ist das Hauptproblem und dagegen
wehren wir uns.“
15 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
## TAGS
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