# taz.de -- Entlastungstarifvertrag vor dem Aus: Charité will Streikrecht vor Gericht einschränken
> Der mehrtägige Warnstreik droht vor Gericht ausgebremst zu werden. Die
> geforderte Notdienstbesetzung mache einen Streik unmöglich, kritisiert
> Verdi.
(IMG) Bild: Streikkundgebung vor dem Arbeitsgericht am Mittwoch
Der Arbeitskampf um den Entlastungstarifvertrag an der Charité wird mit
harten Bandagen geführt, das zeigte schon die Ortswahl der Streikkundgebung
am Mittwochmorgen. Statt wie ursprünglich angekündigt am Virchow-Klinikum
in Mitte verlegte Verdi die Kundgebung spontan vor das Arbeitsgericht. Der
Grund: Ein Tag zuvor reichte die Charité Klage gegen den dreitägigen
Warnstreik der Pflegekräfte ein.
Konkret sieht die Geschäftsführung der landeseigenen Universitätsklinik in
der aktuellen, von Verdi vorgeschlagenen Notdienstbesetzung eine Gefährdung
des Patientenwohls. Mit der Klage will die Charité eine deutlich
umfassendere Personalbesetzung während des Streiks erreichten. Im
Durchschnitt 85 Prozent der Beschäftigten sollen trotz Streiks arbeiten,
fordert die Geschäftsführung.
Sollte das Gericht der Argumentation der Charité folgen, wäre das für die
Beschäftigten ein starker Dämpfer im [1][gerade erst in die heiße Phase
eintretenden Arbeitskampf]. „Die Geschäftsführung missbraucht das
Arbeitsgericht, um das Streikrecht einzuschränken“, kritisiert
Gewerkschaftssekretärin Gisela Neunhöffer während der Kundgebung vor dem
Arbeitsgericht. Etwa 100 Streikende applaudieren verhalten. Um das Gericht
nicht zu stören, sind Lärm und Trillerpfeifen verboten. „Streik kann nicht
die Aufrechterhaltung des Normalbetriebs sein“, sagt Neunhöffer.
Der Streik am Mittwoch ist der erste mehrtägige Ausstand in den laufenden
Tarifverhandlungen. Bereits im April kündigte die Geschäftsführung den erst
2021 erkämpften Entlastungstarifvertrag auf. Seit Anfang Juli laufen die
Verhandlungen, wie von allen Seiten erwartet, sind die Fronten verhärtet.
„Die Charité blockiert am Verhandlungstisch. Das werden wir nicht
akzeptieren“, sagt Neunhöffer auf der Kundgebung.
## GKV-Reform sorgt für Finanzierungskrise
Die Charité wiederum kritisiert die Forderungen Verdis als „überzogen“ und
warnt vor Stellenabbau, sollte sich die Gewerkschaft mit ihren Forderungen
durchsetzen. Das Entlastungssystem sieht vor, dass Pfleger:innen bei
Belastungsschichten Ausgleichspunkte bekommen, etwa wenn der
Personalschlüssel eine Mindestgrenze unterschreitet oder die Beschäftigten
durch Patienten Gewalt erfahren. Die Punkte können sie dann gegen
Freischichten oder Geld eintauschen.
Als Grund für die vorzeitige Kündigung führte die Geschäftsführung die
gesetzliche Krankenkassenreform des Bundes an. [2][Die „Reform“ reißt eine
Lücke in die Krankenhausfinanzierung.] Die Charité spricht von einer
Mehrbelastung von 30 Millionen Euro pro Jahr. Die Geschäftsführung hofft,
mit der Kündigung des Entlastungstarifvertrags die Lücke zu schließen,
Verdi will hingegen die Bedingungen noch weiter verbessern und [3][sieht
die Politik in der Verantwortung, für eine ausreichende
Krankenhausfinanzierung zu sorgen.]
## Verschlechterungen befürchtet
Die Beschäftigten befürchten, mit einem Ende des Entlastungstarifvertrages
würden sich Arbeitsbedingung wieder deutlich verschlechtern. „Es geht
darum, gute Arbeitsbedingungen zu haben, damit wir selber nicht krank
werden und unsere Patienten gut versorgen können“, sagt Intensivpflegerin
Mareen Höfler.
Doch es ist ausgerechnet das Patientenwohl, mit dem die Charité gegen den
Streik argumentiert. „Wir sind im Moment an einem Zustand, an dem das Leben
der Patienten gefährdet wird“, sagt der ärztliche Leiter Martin Möckel bei
der Verhandlung. Würden Patient:innen nicht rechtzeitig behandelt, weil
die Notaufnahme streikbedingt überfüllt sei oder Operationen verschoben
werden müssten, könnte das zudem kostspielige Klagen nach sich ziehen,
erklärt der Arzt.
Für Spott bei den Pfleger:innen sorgt daher die von der Geschäftsführung
geforderte Minimalbesetzung von 85 Prozent des Personals, die nötig sei, um
eine Gefährdung der Patient:innen nötig sei „Das ist höher als das, was
wir an vielen Tagen im Normalbetrieb haben“, sagt eine Pflegerin während
der Verhandlung. Viele Kolleg:innen seien es gewohnt, regelmäßig in
Unterbesetzung zu arbeiten. „Jede Krankheit reißt ein Loch in den
Dienstplan“, berichtet die Pflegerin.
2 Sep 2026
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