# taz.de -- Tarifverhandlungen an der Charité: Darf’s wieder mehr Belastung sein?
       
       > Die erste Verhandlungsrunde zum Entlastungstarifvertrag an der Charité
       > ist gescheitert. Pflegekräfte und Gewerkschaft planen, wie es jetzt
       > weitergeht.
       
 (IMG) Bild: Ohne Entlastungsvertrag wird der Pflegeberuf wieder unattraktiver
       
       Timo Nieveler ist seit 6 Uhr morgens auf den Beinen. Er arbeitet als
       Krankenpfleger am Deutschen Herzzentrum der Charité auf einer
       Cardio-Intensivstation. Nach Feierabend ist er noch auf dem Campus
       unterwegs – im Dienst der Gewerkschaft. Vor einem Gebäude in der Oststraße
       auf dem Gelände der Charité hat sich um 17 Uhr an einem Donnerstagabend
       Ende Juli eine kleine Gruppe aus Aktivist*innen, Pflegekräften und einer
       Verdi-Mitarbeiterin versammelt. Gleich wollen sie ein Ansprachetraining
       durchführen. 
       
       Im Ansprachetraining lernen die Teilnehmenden, wie sie aktiv auf andere
       Kolleg*innen zugehen können und sie davon überzeugen, sich bei kommenden
       Streiks in den laufenden Tarifverhandlungen zu beteiligen. Den
       Entlastungstarifvertrag, den die Charité mithilfe einer Sonderklausel zu
       Ende Juni gekündigt hat, wollen die Angestellten nicht kampflos aufgeben.
       Der Vertrag wird zwar noch bis Ende des Jahres auslaufen, doch bereits
       jetzt bereiten sie sich auf den anstehenden Arbeitskampf vor.
       
       Die Einführung des Entlastungstarifvertrags, der seit Januar 2022 an der
       Charité galt, war in der Geschichte der Krankenhausbewegung ein gewaltiger
       Durchbruch. Er wurde von der Belegschaft hart in einem Streik erkämpft.
       Erstmals wurden darin verbindliche Mindestanforderungen für die Besetzung
       von Pflegepersonal auf den Stationen festgelegt. Die Charité wurde somit
       zum Vorbild für die ganze Bundesrepublik. Der Vertrag galt für Pflegekräfte
       und andere Berufsgruppen wie zum Beispiel Ergo- und Physiotherapeut*innen.
       
       Das darin festgelegte System [1][arbeitet mit Entlastungspunkten,
       sogenannten Cheps]: Wenn Pflegekräfte besonders belastende Schichten
       leisten müssen – zum Beispiel aufgrund von Personalmangel – erhalten sie
       dafür Punkte. Diese Punkte können dann gegen zusätzliche freie Zeit oder
       gegen Geld eingetauscht werden. Die Kündigung des Vertrags setzt die
       Pflegekräfte unter enormen Druck. Viele befürchten eine erneute
       Verschlechterung der Arbeitsbedingungen.
       
       Grund für die Kündigung ist die neue [2][Reform der gesetzlichen
       Krankenkassen] (GKV-Reform), die die Regierung am 10. Juli beschlossen hat.
       Der alte Tarifvertrag sah ein Sonderkündigungsrecht vor, sollten sich die
       Rahmenbedingungen für die Pflegefinanzierung ändern. Schon mit der
       Ankündigung des neuen Gesetzes im April hat die Charité den Vertrag
       gekündigt. Nieveler weiß, was das nun bedeutet.
       
       „Es bedeutet, keine Pause machen zu können oder Überstunden machen zu
       müssen“, sagt Nieveler. Und: „Es bedeutet auch, mit dem Gefühl nach Hause
       zu gehen, dass man eventuell Fehler gemacht hat.“ Durch eine Unterbesetzung
       an Pflegekräften werde nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Würde der
       Patient*innen gefährdet. „Wenn man mitten in einem Notfall ist und ein
       anderer Patient gerade klingelt, weil er auf Toilette muss, dann ist
       niemand da“, sagt Nieveler. Dem muss er dann sagen: „Du bist nicht der
       dringendste Fall.“ „Das sind einfach menschenunwürdige Situationen“, so der
       Pfleger.
       
       Auf manchen Intensivstationen kommen drei Patient*innen auf eine
       Pflegefachkraft. Das ist die [3][gesetzlich festgelegte
       Personaluntergrenze] für Nachtschichten. „Jeder, der mal auf einer
       Intensivstation gearbeitet hat, weiß, dass eine Drei-zu-eins-Versorgung
       patientengefährdend ist. Es macht einen auch selbst kaputt, diese Last zu
       tragen.“ Nicht nur die enorme psychische Belastung brennt die Pflegekräfte
       aus, auch körperlich ist der Beruf anstrengend. „Wenn ich nach einem langen
       Tag von der Arbeit nach Hause komme, dann tun meine Beine nur noch weh.
       Dann habe ich nicht mehr die Energie, noch zum Sport zu gehen oder etwas
       anderes zu machen“, sagt Nieveler. Nur für die Arbeit leben, das will aber
       keiner.
       
       Viele Leute, die mit Nieveler die Ausbildung gemacht haben, sehen sich
       jetzt nach einer anderen Arbeit oder einem Studium um: „Ich habe eine
       Freundin, die hat angefangen, Soziologie zu studieren. Das ist schade, weil
       meistens sind es die talentiertesten und klügsten Leute, die dann auch die
       Perspektiven sehen, was anderes zu machen.“ Dabei brauche es mehr Personal,
       nicht weniger. Das Hauptproblem in der Pflege sei nicht das Geld, so
       Nieveler. „Man verdient gut. Das Hauptproblem ist der Personalmangel und
       die Arbeitsbedingungen“, sagt er. Pflegekräfte [4][verdienen an der Charité
       nach Tarifvertrag] in den meisten Fällen zwischen 3.500 und 4.700 Euro
       brutto.
       
       ## Unterstützung von Aktivist*innen
       
       Durch den Entlastungstarifvertrag hatten sich die Zustände in den letzten
       Jahren deutlich gebessert. [5][Über 1.000 neue Stellen konnten so laut
       Verdi geschaffen werden], die Zahl der überlasteten Schichten verringerte
       sich. Mit Müttern nach der Entbindung ein Gespräch führen; für Angehörige
       da sein, nachdem ein lieber Mensch verstorben ist; der alten kranken Dame
       sagen, was ihre Perspektiven sind. Durch den Entlastungstarifvertrag war es
       möglich, genau diese Gespräche zu führen. „Man konnte sich Zeit nehmen für
       das, was Pflege als Beruf schön macht“, sagt Nieveler.
       
       Mit dem Erkämpfen des Entlastungstarifvertrags haben die
       Charité-Pflegekräfte 2021 einen Präzedenzfall geschaffen, dessen Vorbild
       laut Verdi rund 20 Kliniken in ganz Deutschland folgten. Unterstützt werden
       die Angestellten in ihrem Vorhaben, ihn zu bewahren, deshalb von
       Aktivist*innen und Kolleg*innen aus anderen Kliniken. Celine Bittger
       war früher Klimaaktivistin und engagiert sich jetzt im Bündnis „Berlin
       steht zusammen“. Ihre Motivation: „Diese ganzen Tarifauseinandersetzungen
       in der öffentlichen Daseinsversorgung gehen uns natürlich alle etwas an.“
       
       „Ich bin davon überzeugt, dass es starke Streikbewegungen braucht. Schilder
       hochhalten, ein bisschen demonstrieren gehen – ich glaube nicht, dass sich
       dadurch etwas ändert“, meint die Aktivistin. Die aktuelle
       Auseinandersetzung an der Charité bezeichnet sie als
       „Leuchtturm-Auseinandersetzung“. Denn der Entlastungstarifvertrag an der
       Charité ist der erste, der mit der GKV-Reform angegriffen wird, und somit
       wieder ein Präzedenzfall.
       
       ## Erste Verhandlungsrunde gescheitert
       
       Verdi führt den Arbeitskampf. Es gab bereits eine Verhandlungsrunde, die
       keine Einigung brachte. Ein Warnstreik folgte. Für Ende August ist eine
       zweite Verhandlungsrunde angedacht. Ben Brusniak, Verhandlungsführer von
       Verdi, gibt sich positiv: „Wir gehen davon aus, in Verhandlungen mit der
       Charité eine Lösung zu finden.“ Im Moment seien jedoch die Positionen noch
       weit auseinander. Die Forderungen von Verdi umfassen neun Punkte, unter
       anderem die Wiederinkraftsetzung des Tarifvertrags mit Anpassungen ab dem
       1. Juli 2026.
       
       Das System, um die Belastung und bedarfsorientierte Personalplanung zu
       ermitteln, soll verbessert werden. Zudem sollen weitere Bereiche und
       Berufsgruppen in den Tarifvertrag mit aufgenommen werden. „Es ist
       ungerecht, wenn von der gleichen Berufsgruppe Teile im Tarifvertrag erfasst
       sind, und andere nicht“, sagt Brusniak. Zum Beispiel sei die Radiologie mit
       im letzten Entlastungstarifvertrag aufgeführt gewesen, die Angiologie
       wiederum nicht. Auch eine bessere Einarbeitung und praktische Anleitung
       werden gefordert.
       
       „Die Charité will den Standard des bisherigen Tarifvertrags absenken,
       während wir ihn weiterentwickeln wollen“, fasst Brusniak zusammen. Vier
       Wochen wurde 2021 gestreikt, um den Entlastungstarifvertrag an der Charité
       zu erwirken. Wie lange die Verhandlungen diesmal dauern werden, lässt sich
       noch nicht abschätzen. „Wir sind bereit“, sagt Nieveler. „Wir streiken so
       lange, bis wir gewonnen haben.“
       
       13 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://karriere.charite.de/gesundheitsfachberufe/tarifvertrag
 (DIR) [2] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/bundestag-beschliesst-gkv-beitragssatzstabilisierunggesetz-pm-10-07-2026
 (DIR) [3] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/pflegepersonaluntergrenzen
 (DIR) [4] https://karriere.charite.de/tarifvertraege/gehalt-und-vertraege-gesundheitsfachberufe
 (DIR) [5] https://www.verdi.de/gesundheit-soziales-bildung-bb/nachrichten/auftaktkundgebung-charite-beschaeftigten-fuer-den-tarifvertrag-entlastung
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Simbürger
       
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