# taz.de -- Koalitionsbildung in Berlin: Ein unmoralisches, aber nicht unmögliches Angebot
> Könnten die Grünen Nein sagen, wenn ihnen CDU-Chef Evers für eine
> Kenia-Koalition den Posten des Regierenden Bürgermeisters überließe? Wohl
> kaum.
(IMG) Bild: Und wenn das Rote Rathaus grün werden könnte? Was wäre, wenn CDU-Chef Evers eine grün geführte Kenia-Koalition anbieten würde?
Es wäre wie in einem US-Film früherer Tage mit den Schauspielgrößen Robert
Reford und Demi Moore. In „Ein unmoralisches Angebot“ bietet ein reicher
Typ einem Ehepaar in Geldnöten eine Million Dollar für eine Nacht mit der
Ehefrau. Was tun? Alle Finanznöte wären vorbei, aber geht das?
So müssten sich die Grünen fühlen, wenn ihnen CDU-Landeschef Stefan Evers
aus der Not heraus ein Angebot ganz besonderer Art machen würde: Ihnen für
eine Partnerschaft mit seiner CDU und der SPD in einer Kenia-Koalition den
Posten des Regierenden Bürgermeisters zu überlassen. Denn das war ja das
Wahlziel der Grünen, und ihr Spitzenkandidat Werner Graf hat es oft genug
formuliert: Das Rote Rathaus, die Berliner Regierungszentrale, erstmals
grün zu machen, [1][mit ihm als Regierungschef].
Es wäre zwar eine Premiere und in Berlin nie gehabt, dass ein kleinerer
Koalitionspartner den Regierungschef stellt. Aber was hieße es für das
Selbstverständnis der Grünen als modern-progressive Partei, wenn sie ein
solches Angebot mit einem „Haben wir noch nie so gemacht“ ablehnen würden?
Umso mehr in einer Situation, in der ein von der Linkspartei geführtes
rot-grün-rotes Bündnis [2][nicht gerade als sichere Variante erscheint].
Im taz-Interview wenige Wochen vor der Abgeordnetenhauswahl hatte Graf
ausweichend auf die Frage geantwortet, ob ihm ein grünes Rathaus oder ein
Linksbündnis wichtiger sei. [3][„Es geht nicht um meine Eitelkeit“, sagte
er], „es geht darum, für die Berlinerinnen und Berliner das Beste
herauszuholen. Inhaltlich sind da die Schnittmengen mit der Linkspartei und
der SPD sehr viel größer.“
## Noch nie regierten die Grünen im Roten Rathaus
Ganz konkret würde das unmoralische Angebot bedeuten: die SPD als einen
dieser beiden Wunschpartner behalten, die Linkspartei gegen die CDU
eintauschen und dafür erstmals die Berliner Regierungszentrale mit
Richtlinienkompetenz übernehmen. Und zwar einen Linkspartei-Landesverband
einzutauschen, mit dem es schon in Vorgesprächen zu Sondierungen nicht
rundlief und dem [4][die Grünen-Bundesspitze skeptisch gegenübersteht].
Natürlich würde Graf von denen, die grundsätzlich nichts mit der CDU zu tun
haben wollen, zu hören bekommen: Du hast dich kaufen lassen. Das ist ja
gerade die Sache mit dem unmoralischen Angebot – [5][die im Film von Demi
Mooore dargestellte Frau] ist auch nicht originär daran interessiert,
fremdzugehen. Das würde Graf aber vermutlich wegstecken können.
Fraglich bleibt also nur: Wird die CDU, wird Evers diesen Schritt gehen?
Sich von den Grünen in einer Koalition anführen zu lassen, ist nicht gerade
ein christdemokratisches Herzensanliegen. Faktisch aber müsste Evers es
tun. Jedenfalls, wenn ihm daran liegt, stabile Verhältnisse zu schaffen
statt eines Chaos-Szenarios, das CDUler genau wie frühere
SPD-Führungskräfte und Bundes-Grüne bei einem Linksbündnis befürchten.
## Grüne würden kaum gegen den eigenen Chef stimmen
Denn zwar könnte eine von Evers geführte Kenia-Koalition – mit 79 zu 74
Stimmen gegenüber Linkspartei und AfD – ohne die Unterstützung von 4
Abgeordneten aus der Grünen Jugend auskommen. Die haben bereits
angekündigt, ein Bündnis [6][mit der CDU nicht zu unterstützen]. Weitere
Abweichler aber würde eine Kenia-Koalition nicht verkraften, und in der
Grünen-Fraktion gibt es noch andere, die wenig bis nichts mit der CDU zu
tun haben wollen. Käme der Regierungschef aber erstmals aus ihren eigenen
Reihen und hieße Werner Graf, würde ihnen eine Verweigerungshaltung
schwerfallen.
Evers, großer Kino-Fan, dürfte bloß nicht daran interessiert sein, dass die
Sache am Ende ausgeht wie im Film. Da wendet sich die Ehefrau, die
zwischenzeitlich dem Mann mit dem unmoralischen Angebot verfällt, am Ende
doch wieder ihrem Ehemann zu.
15 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Abgeordnetenhauswahl-in-Berlin/!6207098
(DIR) [2] /Nach-Sitzung-der-Berliner-Linksfraktion/!6221370
(DIR) [3] /Abgeordnetenhauswahl-in-Berlin/!6207098
(DIR) [4] /Sondierungsgespraeche-in-Berlin/!6221551
(DIR) [5] /Die-Kroenung-des-ganzen-Krampfes/!1356925&s=moore+unmoralisches+angebot/
(DIR) [6] /Gruene-Jugend-Berlin-zu-Rot-Gruen-Rot/!6214990
## AUTOREN
(DIR) Stefan Alberti
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Rot-Grün-Rot in Berlin
(DIR) Stefan Evers
(DIR) Werner Graf
(DIR) Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Koalitionsbildung in Berlin: Sicherheitshalber mehrgleisig
Die Berliner Grünen mögen – wie die SPD – erst mal nicht auf ein Video der
Linken-Abgeordneten Vanessa Emde reagieren. Die Planung zum
Koalitionsabschluss läuft weiter.
(DIR) Koalitionsbildung in Berlin: Ein paar Abweichler könnte Kenia verkraften
Linkspartei, Grüne und SPD entscheiden in einem dritten Vorgespräch über
Sondierungen. Ein Kenia-Bündnis als Alternative hätte nur eine knappe
Mehrheit.
(DIR) Diskussion über mögliche Koalitionen: Der Druck auf die Grünen steigt
Ex-Senator Wesener hält ein Linksbündnis für alternativlos. Der langjährige
Parteivordenker Ralf Fücks hingegen warnt vor „politischem Dammbruch“.
(DIR) Erdrutschsieg der Linkspartei: Doch zwei Koalitionsoptionen
Das BSW scheitert an der Fünfprozenthürde, Kenia-Koalition bleibt so eine
Option. Grüne verlieren Kreuzberg an die Linken, Giffey hat kein Mandat
mehr.