# taz.de -- Zweiter Wahlgang in Brasilien: Die Nicht-Wähler vom Sofa holen
       
       > Der sozialistische Präsident Lula muss den Menschen in Brasilien klar
       > machen, was auf dem Spiel steht. Seine letzte Hoffnung: die Nichtwähler.
       
 (IMG) Bild: Kämpft um die Gunst seiner Wähler:innen: der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva
       
       Viel schlimmer hätte es kaum kommen können: Nach dem ersten Wahlgang führt
       Flávio Bolsonaro zwei Prozentpunkte vor Lula. Der Senat gerät unter die
       Kontrolle der Rechten. Die Bolsonaro-Partei PL stellt fünf Gouverneure und
       99 neue Abgeordnete und wird stärkste Kraft im Parlament. Eine brutale
       Niederlage für Mitte-links. Und das, obwohl Lula noch kurz zuvor die
       Sozialhilfe und den Grundfreibetrag erhöht hatte. Und obwohl der angebliche
       Familienmensch und Pfingstler Flávio [1][sich mit Prostituierten vergnügt
       hatte.]
       
       Der ehemalige Gewerkschaftsführer Lula [2][ist nicht mehr der Heilsbringer
       von früher.] Die meisten Wähler haben vergessen, dass sie Lula fast alle
       Sozialleistungen, viele Universitäten und ihren bescheidenen Wohlstand
       verdanken. Sie sind der Skandale müde und lassen sich einreden, die PT sei
       allein an den Korruptionsskandalen schuld, in die bisher deutlich mehr
       Mitglieder der rechten PL als der linken PT verwickelt sind.
       
       Den Wählern müssten nur die Augen geöffnet werden, wer Flávio wirklich ist,
       glauben viele Linke. Doch die Rechte schafft es, vor allem über soziale
       Medien, Narrative und Bilder zu etablieren, die von Fakten nicht zu
       beeinträchtigen sind. Schon Vater Jair erntete Jubel, als er öffentlich
       seinen Rassismus und Frauenhass auslebte.
       
       Bolsonaristas wenden sich nicht von Flávio ab, nur weil er sich in den
       paramilitärischen Organisationen von Rio zu Hause fühlt. Flávio gilt ihnen
       als Gottesmann, egal ob er Mörder verteidigt oder ein rückständiges
       Frauenbild hat. Sein Bild in der Öffentlichkeit ist wie ein Avatar, der
       unabhängig von den Aktionen und Charaktereigenschaften der Person dahinter
       existiert.
       
       Lulas letzte Hoffnung, in der Stichwahl doch noch zu siegen, sind die
       Nichtwähler. Jeder fünfte Berechtigte ist nicht zur Wahl gegangen. Manche
       haben es nicht bis ins Wahllokal geschafft, weil sie auf dem Land wohnen.
       Andere meinen: Ist doch eh egal, die Politiker sind alle gleich. Und wieder
       andere haben gedacht, Lula brauche ihre Stimme gar nicht, weil er sowieso
       im ersten Wahlgang gewinnen würde. Möglichst viele dieser Nichtwähler muss
       Lula vom Sofa hochholen und in die Wahllokale locken. Sie bei der Angst
       packen, dass sie unter Bolosnaro Sozialleistungen und damit Lebensqualität
       verlieren könnten.
       
       Seit die Wahlergebnisse bekannt sind, jubelt die Rechte über ihren
       „sicheren Sieg“; Bolsonaro junior kündigt Verfassungsänderungen und
       Justizreformen an. Die erste Umfrage nach dem Wahlsonntag zeigt ihn für die
       Stichwahl mit vier Punkten vor Lula. Gleichzeitig versuchen im ganzen Land
       Gruppen linker Aktivisten, das Blatt doch noch zu wenden.
       
       Eine eventuelle Brandstiftung an der Hochschule von Pernambuco UFPE wirkt
       wie ein Vorgeschmack auf eine Gewaltwelle, die ein Regierungswechsel
       auslösen könnte. Doch dass bei dieser Wahl auch die Demokratie und die
       Souveränität des Landes auf dem Spiel stehen, ist für den Wahlkampf
       womöglich zu abstrakt.
       
       10 Oct 2026
       
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 (DIR) Christine Wollowski
       
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