# taz.de -- Linke oder CDU in Berlin?: Kein Spätsozialismus, nirgends!
> Geht Berlin unter, wenn die Linke Elif Eralp Regierende Bürgermeisterin
> wird? Udo Knapp erinnert die Springer-Kampagne gegen die Linkspartei an
> vergangene Zeiten. Dabei helfen einfache Bilder nicht.
(IMG) Bild: Zwei, die sich in Zukunft verstehen müssen: Elif Eralp (links) und Werner Graf (rechts)
[1][taz FUTURZWEI] | Geht Berlin jetzt unter, weil [2][Elif Eralp], die
Spitzenfrau der [3][Linkspartei], alle Chancen hat Regierende
Bürgermeisterin der Hauptstadt zu werden? Das Geschrei ist groß, das
Medienspektakel auch. Alles schon mal dagewesen: Erinnert sei an die
Kampagne des [4][Springer-Verlags] [5][1968], die bis zum Anschlag auf
[6][Rudi Dutschke] brutalst fortgeführt worden ist. Erinnert sei auch an
die Kampagne gegen die [7][Hausbesetzer] 1971, die nicht verhindert hat,
dass mit dem Segen des Senats Hausbesetzer stolze Hausbesitzer geworden
sind.
Da war doch noch mehr. Von 1998 bis 2006, über zwei Legislaturperioden
hinweg, hat die [8][PDS] als Juniorpartner der [9][SPD] unter Harald
Ringstorff in [10][Mecklenburg-Vorpommern] mitregiert. Helmut Holter
(Arbeit und Bau) und Wolfgang Methling (Umwelt) waren bundesweit anerkannte
Landesminister. Von 2002 bis 2011 hat die PDS, später die Linke, unter
[11][Klaus Wowereit] schon einmal die Hauptstadt mitregiert. [12][Gregor
Gysi] ist hier nicht durch überbordenden systemstürzenden Aktivismus
aufgefallen.
Wowereit und Gysi galten der Öffentlichkeit eher als ein Variante des
unterhaltsamen Duos Plisch und Plum (Karl Schiller und [13][Franz Josef
Strauß]). Von 1994 bis 2002 hat die PDS im Landtag [14][Sachsen-Anhalt]
eine Rot-Grüne Minderheitsregierung im „Magdeburger Modell“ getragen. Von
März 2020 bis zum Dezember 2024 hat [15][Bodo Ramelow] mit der Linkspartei
als Ministerpräsident mit Erfolg eine Rot-Rot-Grüne Minderheitsregierung in
[16][Thüringen] geführt.
Wir sehen: Auch mit den Linken in den Regierungen auf allen Ebenen hat sich
die Republik nicht auf einen Weg in einen Spätsozialismus begeben. Nur weil
es heute die offen demokratiefeindliche, ins rechtsradikale abdriftende
[17][AfD] und ihre Erfolge beim Wahlvolk gibt, muss es im ewig gleichen
Schwarz-Weiß-Gewurschtel der selbstzufriedenen Mitte nicht auch ein
linksradikales, systemfeindliches Aliud geben. Dennoch: AfD rechts-außen,
Linke links-außen, dazwischen die schrumpfenden [18][CDU] und SPD, sowie
die [19][Grünen], das ist das neue Parteientableau in der Republik.
## Staatstragend in den Status quo
Über Berlin hinausgeblickt spielen CDU, SPD und Grüne die staatstragende
Nummer. Sie lassen sich von der AfD und der Linken in die selbst geglaubte,
heroische oder patriotische Rolle von Verteidigern des Status quo treiben.
Was sie selber wollen, woher sie die geistige Legitimation ihres
politischen Auftrages heute holen, interessiert sie nicht. Ein Bild von
einer Bundesrepublik im Jahr 2050, haben auf der Agenda der früheren
Volksparteien und der Grünen keinen Platz, der einen Machtanspruch
begründen könnte.
Wie im Interesse einer Zukunft des [20][Kapitalismus] im digitalen
[21][KI]-Zeitalter der Gebrauch aller Daten verfassungsfest eingehaust
werden könnte, wie den zukünftigen Arbeitslosen aus den
Transformationsprozessen neue Lebensperspektiven eröffnet werden könnten
und wie der Sozialstaat dennoch transformationsfest restrukturiert werden
könnte: Diese Fragen werden in den liberaldemokratischen Parteien nicht
politikwirksam konstruktiv bearbeitet.
Stattdessen schmiegt sich die CDU in ihrer alltäglichen Politik ohne Not an
die Positionen der AfD an. Anstatt die Bundesrepublik zum Einwanderungsland
umzubauen, weil etwa der Gesundheitssektor und die Pflege schon heute ohne
Zugewanderte nicht mehr funktionieren würden, brüstet sich
[22][Innenminister Dobrindt] ([23][CSU]) Woche für Woche mit den
gestiegenen Abschiebezahlen und den [24][sinkenden Asylanträgen].
## Keine Lösung der Strukturprobleme
Statt Gesundheitsversorgung, die [25][Pflege] und den gesamten ambulanten
Sektor aus einem Guss auf der Grundlage der demographischen Tatsachen neu
aufzustellen und seine Finanzierung auch über erhöhte Steuern zu sichern,
streiten sich CDU und SPD um das Steigen oder Senken der Abgaben fürs
Gesundheitssystem; wohl wissend, dass sie damit keines der Strukturprobleme
in diesem Sektor lösen werden.
Die Linken haben mit ihrer Forderung zur [26][Vergesellschaftung großer
Immobilienbestände] nach Artikel 15 des Grundgesetzes das Thema Wohnen
priorisiert. Sie scheinen bereit, aus der Verzwergung der Politik
auszubrechen und den grundsätzlichen Umbau der Gesellschaft in der
Transformation anzugehen. Damit ergäbe sich die Chance, eine neue
Wohnungsbaupolitik in Berlin auf den Weg zu bringen, die natürlich mehr
braucht als die Vergesellschaftung großer Bestände.
Nun wird der [27][Antisemitismus], den es in der Linken gibt, für eine
Kampagne gegen Rot-Rot-Grün instrumentalisiert. Dazu ist festzustellen: Die
Vorstellung, dass Antisemitismus mit dem Zivilisationsprozess
freiheitlicher Gesellschaften endgültig überwunden werden könne, ist durch
über 2000 Jahre Judenverfolgung hinreichend widerlegt. Antisemitismus kann
auch durch eine linke Fortschrittspolitik nicht marginalisiert werden, er
gehört grundsätzlich tabuisiert, muss gesellschaftlich unterdrückt und
klein gehalten werden.
## Rot-Grün-Rot ist alternativlos
Linke, Grüne und SPD haben sich in einem [28][Konfliktpapier] dazu
verpflichtet, dem Antisemitismus, den Fantasien von einer Auslöschung
[29][Israels] in ihrer Regierungspolitik keinen Raum einzuräumen.
Es gibt berechtigte Zweifel daran, dass es mit dieser Selbstverpflichtung
möglich sein wird, die Regierungspolitik vom Antisemitismus vieler
Parteimitglieder der Linken abzuschotten. Die Alternative aber, statt
Rot-Rot-Grün eine Stadtregierung aus CDU, SPD und Grünen zu bilden, würde
mit hoher Wahrscheinlichkeit den Stillstand in allen gesellschaftlichen
Fragen im Stadtleben nur weiter fortschreiben und Linken wie AfD weiter
Zulauf verschaffen. Die CDU gehört ohne Zweifel in der Stadt in die
Opposition, die SPD auch, aber abgesehen von der mathematischen
Notwendigkeit ist bei ihr eine Öffnung zu vielen Positionen von Grünen und
Linken vorstellbar. Das wäre ein Schimmer von Hoffnung auf Wandel.
Es wird sich schnell zeigen, ob eine Bürgermeisterin Erif Eralp auf ihre
Linken wird zählen können, wenn sie – in ihrem Amt allein der Staatsräson
verpflichtet – auch gegen „Judenhasser“ in ihrer eigenen Partei vorgehen
muss. Dann werden ihr Formelkompromisse nicht mehr helfen, dann steht jedes
Mal Rot-Rot-Grün zur Disposition.
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13 Oct 2026
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