# taz.de -- Fischerei-freie Zonen in der Nordsee: Magerer Fang für die Natur
> Niedersachsen verbietet Fischerei in zehn Prozent des Küstenmeers.
> Naturschützer sind enttäuscht: Die Flächen seien zu klein und brächten
> ökologisch wenig.
(IMG) Bild: Volle Netze auf Kosten der Nordsee: Der ökologische Zustand der Küstengewässer ist schlecht
Sind am Ende eines Gesprächs alle unzufrieden, ist ein guter Kompromiss
erzielt worden, heißt es. Der jüngst nach anderthalb Jahren zu Ende
gegangene [1][„Fischereidialog“ der niedersächsischen Ministerien für
Umwelt und Landwirtschaft] zeigt, dass das nicht immer stimmt.
Hafenkommunen, Naturschutzverbände und Fischerei waren an diesem Dialog
beteiligt. An seinem Ende stand, was Umweltminister Christian Meyer (Grüne)
für eine „gelungene Abwägung aller Interessen“ hält: 10 Prozent der Fläche
des niedersächsischen Küstenmeers sind demnächst frei von Fischerei.
Das klingt gut, auf den ersten Blick, denn das ist weit mehr als vorher.
Aber geschützt wird hier nicht nur das Meer, auch die Fischerei. Das
Flächenkonzept sei „eine gute Grundlage für eine mit den [2][Schutzzielen
des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer] konforme fischereiliche
Nutzung“, betont Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne).
Die ministerielle Vorgabe, 10 Prozent des Küstenmeers als fischfangfrei
auszuweisen, kam nicht von ungefähr. Im Rahmen ihrer
[3][Biodiversitätsstrategie] für 2030 [4][hat sich die EU
Schutzgebietsziele gegeben]: 30 Prozent der Land- und 30 Prozent der
Meeresfläche sollen geschützt werden, jeweils 10 Prozent streng“, was jede
menschliche Aktivität ausschließt, wenn sie nicht Arten und Lebensräume
erhält und verbessert. Deutschland steht also EU-rechtlich unter Druck.
## Naturschutz nur „in homöopathischer Dosierung“
Hier zahlen die fischereifreien Zonen des Fischereidialogs ein – seeseitig
der Ostfriesischen Inseln sowie in einem Teil des Jadebusens.
Für die beiden von Grünen geführten Ministerien für Umwelt und
Landwirtschaft ist klar: Wenn sich etwas zum Schutz des Meeres verbessern
ließe, dann jetzt. Doch das Ergebnis ist mager, kritisieren die
Naturschutzverbände.
So setzte der WWF Deutschland ein „nur“ vor die 10 Prozent: „Das entspricht
16 Prozent der Fläche des Nationalparks, wobei davon mehr als die Hälfte
trockenfallende Wattflächen sind, die gar nicht befischbar sind.“ Aus
Naturschutzsicht sei die Flächenauswahl des Landes „eine Enttäuschung“,
sagt Jannes Fröhlich, der beim WWF Programmleiter für das Wattenmeer ist.
Von der tatsächlich befischten Fläche des Nationalparks seien künftig
weniger als 10 Prozent geschützt. Das erfülle „nicht annähernd das
rechtlich vorgegebene Mindestmaß für den Schutz der Unterwasserwelt im
Nationalpark“. Der ökologische Zustand der Gewässer sei schon jetzt
besorgniserregend. Mit Naturschutz „in homöopathischer Dosierung“ lasse
sich das nicht ändern.
## Zahnloser Tiger Naturschutzrecht
Olaf von Drachenfels, Vize-Vorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu) in
Niedersachsen, sieht das ähnlich: „Auch wir sind sehr enttäuscht“, sagt er
der taz. „Am Ende ging es nicht um die beste ökologische Nutzung, sondern
um die geringste Betroffenheit der Fischer.“
Eigentlich müsse der Dialog jetzt weitergehen. „Wir müssten uns im
Nationalpark in Richtung von mindestens 51 Prozent streng geschützter
Fläche entwickeln, nur so wäre es gesetzeskonform. Aber ich sehe nicht,
dass das Umweltministerium dazu bereit ist.“
Das [5][Bundesnaturschutzgesetz] legt fest, dass Nationalparks „sich in
einem überwiegenden Teil ihres Gebiets in einem vom Menschen nicht oder
wenig beeinflussten Zustand befinden“. Das werde hier missachtet, findet
von Drachenfels. „Vor EU-Recht hat man Angst. Deutsches Naturschutzrecht
ist ein zahnloser Tiger. Das interpretiert man eher als freundliche
Empfehlung.“
## Umweltministerium will Wattenmeer-Gesetz ändern
Auch Susanne Gerstner, Vorsitzende des BUND Niedersachsen, sieht weiteren
Handlungsbedarf: „Wir sind enttäuscht über die mangelnde Quantität und
Qualität der Flächen“, sagt sie der taz. „Manche Gebiete helfen zwar
rechnerisch, die 10 Prozent zu erreichen, bringen aber von der ökologischen
Wirksamkeit her nichts.“
Den Dialog sieht sie lediglich als „ersten Schritt“: „Wir müssen im
Nationalpark auf über 50 Prozent streng geschützter Fläche kommen – nach
internationalen Richtlinien sind es ja sogar 75 Prozent. Und sie müssen
nicht nur vor der Fischerei geschützt sein, auch vor jeglicher anderen
Nutzung.“
Damit die 10-Prozent-Regelung greifen kann, stößt Meyers Umweltministerium
jetzt eine Änderung des [6][Gesetzes über den Nationalpark
Niedersächsisches Wattenmeer] an. Die finale Entscheidung trifft der
Niedersächsische Landtag.
13 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Fischereifreie-Gebiete-in-der-Nordsee/!6197508
(DIR) [2] /Nationalpark-Wattenmeer/!t5368246
(DIR) [3] https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/qanda_20_886
(DIR) [4] /Klage-von-Nordsee-Fischern-abgelehnt/!6089447
(DIR) [5] https://www.gesetze-im-internet.de/bnatschg_2009/
(DIR) [6] https://voris.wolterskluwer-online.de/browse/document/3c7aa9a6-0b0b-3587-83a6-4fe53635d4c1
## AUTOREN
(DIR) Harff-Peter Schönherr
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