# taz.de -- Fischsterben in der Ostsee: Nur die Spitze des Eisbergs
> Tausende tote Fische erschreckten Passant:innen am Wochenende in Kiel.
> Dabei geht das Sterben weiter, auch wenn es nicht sichtbar ist.
(IMG) Bild: Leider nichts Neues: Schon 2017 sorgten Massen erstickter Fische am Strand des Ostseebadeortes Eckernförde für Aufsehen
Das von Sauerstoffmangel in der [1][Ostsee ausgelöste Fischsterben], das am
Wochenende Passant:innen unter anderem in der Kieler Innenstadt am
südlichen Ende der Förde erschreckte: Es war nur die Spitze des Eisbergs.
Das sagt Christopher Zimmermann, Leiter des Thünen-Instituts für
Ostseefischerei mit Sitz in Rostock.
Zum einen würden nicht alle sterbenden oder bereits verendeten Organismen
an Land gespült wie Garnelen, Muscheln, Seeigel und Seesterne. Zum anderen
bestehe das Grundproblem – sauerstoffarme oder sogar [2][sauerstofffreie
„Todeszonen“] in den tieferen Bereichen der Ostsee – über die gesamten
Sommermonate. In dieser Zeit verschärft sich der Sauerstoffmangel aufgrund
der jahreszeitlich bedingten Abbauprozesse von Organismen.
Aber erst im Herbst, meistens im September, würde das Problem durch
bestimmte Windverhältnisse quasi an die Oberfläche gespült, so Zimmermann:
Wenn ablandiger Wind so wie am Wochenende in der Kieler Förde und Lübecker
Bucht sauerstoffreicheres Oberflächenwasser aufs offene Meer drückt und
sauerstoffarmes Wasser aus der Tiefe herauf strömt.
So gab es vor einem Jahr ein ähnliches [3][Ereignis vor Warnemünde] in
Mecklenburg-Vorpommern, auch 2020 soll dort das sogenannte „Upwelling“ für
ein Fischsterben verantwortlich gewesen sein.
## Beim ersten Fischsterben regen sich noch alle auf
Daten über die Häufigkeit und das Ausmaß dieser Ereignisse in der
westlichen Ostsee und speziell in deutschen Gewässern liegen bisher noch
nicht vor. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Thünen-Instituts habe sich in
seiner Dissertation mit dem Thema beschäftigt. Die Ergebnisse seien noch
nicht veröffentlicht, sagt Institutsleiter Zimmermann.
Der Wissenschaftler habe dafür Zeitungsberichte der vergangenen 40 Jahre
ausgewertet. „Wir wissen aber nicht, wie vollständig diese sind: Beim
ersten Fischsterben regen sich noch alle auf – wenn es häufiger passiert,
reagieren Medien unter Umständen nicht mehr.“ Zudem sei der Fischbestand
stark zurückgegangen, was eine Aussage über das Ausmaß des Massensterbens
erschwere. „Was ohnehin nicht mehr da ist, kann nicht mehr sterben.“
Den gravierenden Sauerstoffmangel in den tieferen Bereichen der westlichen
Ostsee gebe es seit etwa sechs bis sieben Jahren. Im östlichen Teil sei das
schon länger so, in einigen Teilen vermutlich schon immer.
Das liegt daran, dass in den westlichen Teil der Ostsee sauerstoffreiches
Wasser aus der Nordsee eindringt – allerdings auch nur bei entsprechender
Windlage. Doch der erste Herbststurm aus nordwestlicher Richtung lässt noch
auf sich warten.
Und für einige Bereiche ist es auch schon zu spät: So gilt der dänische
Vejle Fjord nordwestlich von Fünen als biologisch tot, weitere Förden und
Buchten können folgen.
## Bestände erholen sich nicht
„Das Problem ist das zyklische Auftreten der Ereignisse“, sagt der
Fischereibiologe Zimmermann. Auf diese Weise könnten sich Bestände nicht
mehr erholen. Jungtiere sterben, bevor sie sich reproduzieren können.
Aus wissenschaftlicher Sicht sei die Dokumentation des Fischsterbens in
Medien sehr interessant gewesen, weil auf Videoaufnahmen große Lachse,
Dorsche und Meerforellen zu sehen gewesen seien – von denen einige
vermutlich auch überlebt haben.
„Gut wäre, wenn wir solche Ereignisse voraussagen könnten“, sagt
Zimmermann, „dann wären wir darauf vorbereitet und könnten rechtzeitig vor
Ort sein, den Sauerstoffgehalt messen und Fische bestimmen und zählen“.
Denn nach einem oder zwei Tagen, je nachdem, wie schnell der Wind dreht,
ist der Spuk in der Regel vorüber, so auch in diesem Fall.
„Es ist frustrierend, dass wir als Wissenschaftler nichts anderes tun
können als zuzuschauen“, so Zimmermann. Das Problem sei seit Jahrzehnten
bekannt und [4][verschärfe sich mit dem Klimawandel] und der Erwärmung der
Meere, weil warmes Wasser weniger Sauerstoff aufnimmt als kaltes. Das mache
die Erfolge, die es bei der Verringerung der Nährstoffeinträge in Gewässer
gegeben habe, größtenteils wieder zunichte. Allerdings gebe es auch hier
noch Handlungsbedarf.
Als Reaktion auf das Fischsterben forderte die Umweltschutzorganisation
[5][BUND Schleswig-Holstein] eine Ausweitung des Meeresmonitorings, das die
EU-Mitgliedsstaaten vor knapp 20 Jahren beschlossen hatten.
Die Kumulation und Wechselwirkungen verschiedener Belastungen müssten
beachtet werden: Unter anderem Schifffahrt, Offshore-Nutzungen, Fischerei,
Militär, Unterwasserschall, Veränderungen des Meeresbodens und
klimabedingte Veränderungen könnten sich gegenseitig beeinflussen. Auch die
Wirksamkeit der umgesetzten Schutzmaßnahmen müsse überprüft werden.
22 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Dein-Billigbroetchen-killt-Fische-in-der-Ostsee/!6129746
(DIR) [2] /Weniger-Fische-in-der-Ostsee/!6058418
(DIR) [3] https://www.iow.de/fischsterben-bei-rostock-im-september-2025.html
(DIR) [4] https://www.geomar.de/news/article/erwaermung-verschaerft-sauerstoffmangel-in-der-westlichen-ostsee
(DIR) [5] https://www.bund-sh.de/publikationen/detail/publication/stellungnahme-massnahmenprogramm-zur-eu-meeresstrategie-rahmenrichtlinie/
## AUTOREN
(DIR) Eiken Bruhn
## TAGS
(DIR) Fischsterben
(DIR) Fische
(DIR) Ostsee
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Artensterben
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Bundesagrarminister Alois Rainer: Gut für den Bauernverband, aber nicht für die Bauern
Der CSU-Politiker erfüllt der Agrarlobby fast jeden Wunsch. Das schadet der
Umwelt – und langfristig auch den Landwirten. Dabei gibt es Alternativen.
(DIR) Umweltschäden durch Überdüngung: Dein Billigbrötchen killt Fische in der Ostsee
In der Ostsee sterben immer wieder massenhaft Fische, weil verwesende Algen
den Sauerstoff rauben. Ein Grund: Düngemittel aus der Landwirtschaft.
(DIR) Weniger Fische in der Ostsee: „Todeszonen“ ohne Sauerstoff
Dem Dorsch wird's durch den Klimawandel zu stickig. Ein Studie des Kieler
Geomar ergründet, wie der Sauerstoffmangel gelindert werden kann.