# taz.de -- Debatte im Bundestag: Pflegesystem bleibt Pflegefall
> Im Bundestag wurde in erster Lesung über die Pflegereform debattiert.
> Klar wurde wieder, woran es im System mangelt: an Solidarität mit den
> Pflegenden.
(IMG) Bild: Carsten Linnemann (CDU), Bundesminister für Gesundheit, spricht während der Debatte zur Pflege im Plenarsaal im Bundestag
Ist doch schön, wenn im männlich geprägten Bundestag mal eine Debatte
geführt wird, bei der alle Redner:innen, bis auf zwei, weiblich sind. So
wie an diesem Donnerstag. [1][Bezeichnend war allerdings, dass es dabei um
die Pflegereform ging, die der Bundestag in erster Lesung debattierte.] Das
spricht für sich und zeigt, woran es im Pflegesystem mangelt: an
Solidarität, und zwar unter den Geschlechtern, aber auch in der
Gesellschaft.
Der jetzt in den Bundestag eingebrachte Gesetzentwurf gleicht diese Unwucht
leider nicht aus. Pflege ist ein Thema, das fast alle Mitglieder unserer
alternden Gesellschaft in irgendeiner Form betrifft oder betreffen wird –
sei es, weil sie Angehörige haben, die darauf angewiesen sind, oder weil
sie selbst betroffen sind. Doch die Hauptlast der Arbeit tragen Frauen, sie
sind das Rückgrat des Pflegesystems, in den Heimen, bei den Diensten, aber
auch zu Hause. [2][Dort werden 86 Prozent der Pflegebedürftigen umsorgt und
meist sind es die Mütter und Töchter], die für die pflegebedürftigen Kinder
oder Eltern einkaufen, sie waschen oder die Windeln wechseln.
Auch die finanzielle Last ist ungleich verteilt, und zwar zu Ungunsten der
gesetzlich Versicherten. In der gesetzlichen [3][Pflegeversicherung] kommen
für eine Leistungsempfängerin aktuell rund 12 Versicherte auf, in der
privaten sind es hingegen 22.
Trotz kräftigen Zuschusses aus dem Bundeshaushalt reicht das Geld schon
derzeit nicht aus, und die Lücke wird in den kommenden Jahren wachsen. Es
ist deshalb grundsätzlich geboten, die Pflege zu reformieren und finanziell
nachhaltig aufzustellen. Doch allein mit Einsparungen, wie sie die
Regierung plant, ist es nicht getan. Diese könnten die Pflege sogar
verteuern. Denn sie treffen eben vor allem jene, die dafür sorgen, dass das
System überhaupt noch funktioniert. Wenn die [4][Verhinderungspflege]
gestrichen wird, die es den Angehörigen ermöglicht, mal eine Auszeit zu
nehmen, dann steigt der Druck auf sie. Entweder beantragen die Kinder dann
doch einen Heimplatz für den dementen Vater – was insgesamt teurer ist –
oder sie werden selbst zu Pflegefällen.
Auch den Entlastungsbeitrag zu streichen, der Menschen im Pflegegrad I
ermöglicht, selbstständig zu bleiben, wird nach hinten losgehen. Was bringt
es der betagten Seniorin, wenn der Putzhelfer nicht mehr kommt, aber die
Pflegekasse einen Berater schickt, der ihr erläutert, wie sie ihre Fenster
wieder selbst putzt und ihr Tipps zum Erklimmen der Leiter gibt?
Wenn die Koalition die Pflege stärken will, muss sie jene stärken, die
hilfebedürftige Menschen unterstützen oder pflegen. Umsonst ist das nicht.
Ein Ausgleich zwischen privater und gesetzlicher Pflegeversicherung ist
deshalb geboten. Und eine Debatte in der Gesellschaft, wie viel uns
Solidarität und Zusammenhalt wert sind.
5 Nov 2026
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