# taz.de -- Leben mit Borderline: „Wir brauchen positive Geschichten über diese Krankheit“
       
       > Sie gieren nach Aufmerksamkeit, sind manipulativ und beziehungsunfähig:
       > Joelle Westerfeld räumt mit Stigmata über Borderline-Erkrankte auf.
       
 (IMG) Bild: Leben mit Borderline kann auch bedeuten: in den kleinen Dingen des Lebens etwas Schönes sehen
       
       taz: Frau Westerfeld, Sie schreiben als Betroffene über das Phänomen
       Borderline. Was ist das überhaupt genau? 
       
       Joelle Westerfeld: Per Definition ist Borderline eine
       Persönlichkeitsstörung. Man kann aber auch von einem Persönlichkeitsmuster
       sprechen. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass die Betroffenen extrem große
       Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen zu regulieren. Und sie haben ein sehr
       unsicheres Selbstbild. Aus diesen beiden Thematiken entwickeln sich dann
       oft auch Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich, da es zum
       Beispiel schwierig ist zu akzeptieren, dass man von anderen Menschen
       geliebt wird, wenn man ja selber gar nicht richtig versteht, wer man
       überhaupt ist.
       
       taz: Mögen Sie kurz Ihre eigene Krankheitsgeschichte zusammenfassen? 
       
       Westerfeld: Als junges Mädchen von elf Jahren habe ich eine besondere
       Schwere und Trauer gespürt sowie eine Intensität der Gefühle, die für mich
       nicht einzuordnen war. Denn es ist ja schwer zu verstehen, dass man stärker
       fühlt als andere, weil man in die Menschen nicht hineinschauen kann. Über
       die Jahre ist das zu einer großen Last geworden. Ich hatte extrem starke
       Minderwertigkeitsgefühle sowie das ständige Gefühl, dass ich es gar nicht
       wert war, überhaupt zu leben.
       
       taz: Und wie sind Sie damals damit umgegangen? 
       
       Westerfeld: Ich habe lange versucht, das mit mir selber auszumachen, bis
       mir dann irgendwann alles zu viel wurde und ich mit 18 Jahren in ein ganz
       großes Loch gefallen bin. Damals habe ich das Abitur abgebrochen und bin in
       ein psychiatrisches Krankenhaus gegangen. Da kam dann zum ersten Mal die
       Verdachtsdiagnose Borderline, doch die ist nicht leicht zu diagnostizieren,
       [1][weil sie sehr unterschiedlich auftritt und jeder Mensch andere Symptome
       hat.] Darum hat es bis zur tatsächlichen Diagnose noch ein paar Jahre
       gedauert.
       
       taz: War die Diagnose dann eine Erleichterung für Sie? 
       
       Westerfeld: Sie war natürlich eine Entlastung, weil man damit Zugriff auf
       die richtigen Therapien bekommt, die sehr erfolgreich sind. Auf der anderen
       Seite ist es aber auch eine Diagnose, die extrem stigmatisiert.
       
       taz: Und wie wurden Sie dann geheilt? 
       
       Westerfeld: Die erfolgreichste Therapie für Borderline ist die
       Dialektisch-Behaviorale Therapie von Marsha M. Linehan. [2][Das ist eine
       Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie.] Aber es wäre zu einfach zu
       sagen, dass nur diese Therapie für meine Heilung verantwortlich ist. Ich
       habe ein sehr gutes soziales Umfeld, ich habe viele
       Selbstwirksamkeitserfahrungen gemacht, ich bin erfolgreich in meinem Beruf
       und ich habe mich sehr viel mit meinem Körper auseinandergesetzt. Das sind
       alles Sachen, die in meine Heilung mit hineingespielt haben.
       
       taz: Sie schreiben in Ihrem Buch von Ihrem „schrecklich schönen Leben mit
       Borderline“. Was war denn das Schöne daran? 
       
       Westerfeld: Ich halte nichts davon, Krankheiten schönzureden. Aber trotzdem
       gibt es positive Aspekte. Borderline zeichnet sich dadurch aus, dass
       Betroffene oft extrem empathisch sind. Ich kann zum Beispiel an kleinsten
       Veränderungen der Mimik von meinem Gegenüber Stimmungswechsel feststellen.
       Und ich habe immer noch die Begeisterungsfähigkeit eines Kindes. Einmal
       habe ich zum Beispiel einfach nur Schnecken auf einer Mauer beobachtet, die
       ich total schön und interessant fand. Für mich ist es etwas Besonderes, in
       den kleinen Dingen des Lebens etwas Schönes sehen zu können.
       
       taz: Warum haben Sie das Buch geschrieben? 
       
       Westerfeld: Nicht, weil ich unbedingt meine Geschichte erzählen wollte. Das
       habe ich tausendmal in Therapiesitzungen getan. Aber ich denke, dass wir
       solche positiven Geschichten über diese Krankheit brauchen, [3][damit diese
       Stigmata verschwinden] und Betroffene etwas in der Hand haben, das ihnen
       sagt: Es gibt Belege dafür, dass es euch in einigen Jahren deutlich besser
       gehen kann.
       
       18 Oct 2026
       
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