# taz.de -- Plüschtiere für Erwachsene: Nicht ohne meinen Teddy
       
       > Kuscheltiere gehören in die Kinderwelt. Dabei kann es auch Erwachsenen
       > helfen, bei Schmerzen ein Plüsch-Bison zu drücken.
       
 (IMG) Bild: Wie viele Erwachsene ihr Zuhause mit Kuscheltieren teilen, dazu gibt es keine aussagekräftigen Erhebungen
       
       Fünftausend Euro Finderlohn bot ein Galerist aus Bielefeld im vergangenen
       Sommer für seinen Teddy namens Mini, der während eines Berlin-Besuchs
       verloren gegangen war. Mehrsprachig bedruckte Flugblätter zeigten den Bären
       im gelben Anzug. Die Tasche mit wichtigen Dokumenten, die ebenfalls geklaut
       wurde, war darauf nur eine Randnotiz. Die Geschichte [1][ging schnell in
       Medien und sozialen Netzwerken viral]. Dass lag sicher an der Höhe des
       Kopfgelds, aber eben auch daran, dass hier nicht ein Kind seinen Teddy
       vermisste – sondern ein 45-jährigen Mann.
       
       Wie viele Erwachsene ihr Zuhause mit Kuscheltieren teilen, dazu gibt es
       keine aussagekräftigen Erhebungen – allenfalls Umfragen wie die der
       Gesellschaft für Konsumforschung aus dem Jahr 2012, laut der jede:r
       siebte:r Deutsche sein Plüschtier mit in den Urlaub nimmt und wiederum ein
       Siebtel derjenigen sagt, sie könnten ohne das Tier nicht einschlafen.
       Darüber offen sprechen würden wohl weniger. Zwischen Erwachsenen und
       Kuscheltieren scheint die Gesellschaft eine Grenze zu ziehen.
       
       Dabei ist erforscht, dass Kuscheln unabdingbar für Entwicklung und
       Wohlbefinden ist. Als Neugeborene erfahren wir das durch den Hautkontakt
       und das Gehaltenwerden von unseren Eltern. „Diese prägende Erfahrung wird
       oft mit ins Erwachsenenalter getragen“, sagt Julian Packheiser von der
       Ruhr-Universität Bochum. Der Neurowissenschaftler forscht zu den positiven
       Effekten von Berührung. „Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass der
       Kontakt mit Objekten wie Kuscheltieren einen ähnlichen Effekt auf unsere
       physische Gesundheit hat wie menschliche Berührung“, sagt er. Vor allem
       aktiviert Berührung das Immunsystem. Eine kurzzeitige Verbesserung der
       Symptome durch Kuscheln ist für Bluthochdruck, Schmerzen oder Stress
       belegt. Voraussetzung ist dafür immer, dass die Berührung einvernehmlich
       erfolgt.
       
       ## Kuscheltiere gegen Schlafprobleme
       
       Wie eine Art kurzfristig notwendige Medizin beschreibt Vera Hillebrand das
       Kuscheln ihres Plüschtieres. Appa ist ein fliegendes Bison aus dem Kosmos
       der Nickelodeon-TV-Serie „Avatar – Der Herr der Elemente“. Als etwa 20
       Zentimeter lange flauschige „Wurst mit Beinen“ liegt er in Veras
       Schlafzimmer. Mit seinem breiten Kopf, den weit auseinander stehenden Augen
       und den unrealistisch weichen Hörnern lädt Appa Außenstehende nicht
       unbedingt gleich zum Kuscheln ein. Doch dass er so angenehm ungefährlich
       dreinblickt, macht den ersten Eindruck wett.
       
       „Vor etwa vier Jahren fing ich an, immer mal wieder nachts mit
       Panikattacken aufzuwachen. Da habe ich gemerkt, dass es mir hilft, eins
       meiner Kopfkissen an mich zu drücken“, erzählt Vera Hillebrand. „Und
       irgendwann dachte ich mir, warum nehme ich nicht gleich ein Kuscheltier?
       Appa ist ja viel süßer als ein Kissen.“ So liegt das weiß-braune
       Plüschbison in schwierigen Zeiten nicht mehr im Regal, sondern griffbereit
       neben dem Kissen der 34-Jährigen. Dort komme es nicht mehr nur bei
       Panikattacken, sondern auch bei Schmerzen zum Einsatz.
       
       „Der schmerzlindernde Effekt des Kuschelns durch das dabei ausgeschüttete
       Hormon Oxytocin ist kurzfristig. Doch auch die Wirkung von Schmerzmitteln
       ist zeitlich begrenzt“, sagt dazu Neurowissenschaftler Julian Packheiser.
       „Es spricht also nichts dagegen, Berührung in solchen Situationen bewusst
       einzusetzen.“
       
       Studien zufolge sind Kuscheltiere dem psychischen Wohlbefinden gesunder
       Menschen etwas weniger zuträglich als menschliche Kuschelpartner:innen.
       Forschende der Universität Ulm fanden zudem heraus, dass Patient:innen
       mit Borderline-Persönlichkeitsstörung häufig eine intensive emotionale
       Bindung zu einem Kuscheltier haben, das ihnen bei der Emotionsregulation
       hilft.
       
       „Auch Menschen, die unter beginnender Einsamkeit leiden, können von einem
       Kuscheltier profitieren. Sie haben ja oft weniger Zugang zu Berührung durch
       andere Menschen“, sagt Julian Packheiser. Wer etwa in eine neue Stadt
       zieht, der oder dem kann ein Kuscheltier in der Anfangszeit zumindest etwas
       über die Einsamkeit hinweghelfen, auch wenn es kein dauerhafter
       vollwertiger Ersatz für menschlichen Kontakt sein kann.
       
       ## Erinnerungen an früher
       
       Die plüschigen Gefährten können aber noch einen anderen Zweck erfüllen: Sie
       erinnern an früher. Wie DoiDoi. Der Kuschelhund der Marke Steiff bekam
       seinen Namen vermutlich, weil die verdoppelte Silbe für Leonard Kuhnen
       leichter zu artikulieren war, als DoiDoi zu ihm kam. „Auf beinahe jedem
       Foto aus meinen ersten Lebensjahren ist DoiDoi zu sehen. Er war damals mein
       Go-to-Kuscheltier“, sagt Kuhnen. Als er vier war, war DoiDoi plötzlich weg.
       Verloren.
       
       Ein Ersatzkuscheltier, Affe Joko, half über den schmerzhaften Verlust
       hinweg. „Aber so richtig hat mich DoiDoi nicht losgelassen“, erzählt
       Kuhnen. „Ich habe als Erwachsener immer mal wieder im Internet geschaut, ob
       es genau das Modell gebraucht zu kaufen gibt, aber bin nie fündig
       geworden.“
       
       Ende vorigen Jahres dann, 40 Jahre nach ihrer Trennung, blickten sich
       Leonard Kuhnen und DoiDoi durch die Schaufensterscheibe einer Oxfam-Filiale
       in der Kölner Südstadt wieder in die Augen – dabei sind DoiDois schwarze
       Knopfaugen fast zugewachsen von dickem beigem und haselnussbraunem
       Plüschfell. „Mein Herz schlug höher und ich habe mich total gefreut“, sagt
       Kuhnen. „Es war, als wäre ein fehlendes Stück Puzzle meines Leben wieder
       da.“
       
       In der Psychologie nennt man Gegenstände, die in der Kindheit das Loslassen
       der Eltern erleichtern, Übergangsobjekte. Sehr häufig handelt es sich dabei
       um Kuscheltiere. Dass Erwachsene an ihren Übergangsobjekten festhalten, ist
       [2][einer britischen Studie zufolge] keine Seltenheit. Für 80 Prozent der
       Stichprobe blieb ein Übergangsobjekt weit über den Übergang hinaus
       relevant. Als Gründe nannten die Kuscheltierbesitzer:innen entweder
       die bloße Tatsache, dass der Gegenstand aus ihrer Kindheit stammte, dass er
       eine beruhigende Wirkung habe oder die damit verbundenen Erinnerungen.
       
       ## Trotz Stigmas nie Spott
       
       Besonders wichtig waren den Befragten ihre Übergangsobjekte während der
       Schlafenszeit, in Krankheitsphasen oder wenn sie sich traurig oder einsam
       fühlten. „DoiDois Ersatz Joko habe ich noch heute. Er hat mir tatsächlich
       viele Jahre als Tränentrockner gedient“, sagt auch Kuhnen. Heute wohnen
       Affe und Hund auf der Kommode in seinem Schlafzimmer.
       
       Trotz des latenten gesellschaftlichen Stigmas haben weder Leonard Kuhnen
       noch Vera Hillebrand jemals abwertende oder spöttische Kommentare für ihre
       flauschigen Mitbewohner gehört. „Als Frau habe ich es da vielleicht auch
       einfacher, weil man uns eher mal das Niedliche lässt“, sagt Hillebrand.
       Leonard Kuhnen war die Geschichte von DoiDoi so bedeutsam, dass er sie
       [3][in einem Instagram-Post festhielt]. „Das war so ein schöner, ehrlicher
       und echter Moment“, sagt er.
       
       Die positiven Rückmeldungen auf seinen Post geben ihm Hoffnung, dass bald
       noch mehr Menschen ihren Bären, ihren Hund oder ihre Robbe aus der
       Mottenkiste holen und den Zauber des eigenen Kuscheltiers wiederentdecken.
       
       Teddy Mini aus Bielefeld, der in Berlin verloren gegangen ist, übrigens
       scheint nie wieder aufgetaucht zu sein. [4][Trotz des hohen Finderlohns.]
       Aber niemand weiß, ob es vielleicht einen anderen Erwachsenen gibt, der
       jetzt mit ihm kuschelt.
       
       23 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2025/07/berlin-teddy-gestohlen-galerist-finderlohn-5000-euro.html
 (DIR) [2] https://explore.bps.org.uk/content/bpsba/1/1/33
 (DIR) [3] https://www.instagram.com/p/DQww9pggnf7/
 (DIR) [4] https://www1.wdr.de/nachrichten/westfalen-lippe/teddy-verloren-galerist-bielefeld-berlin-100.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Laura Patz
       
       ## TAGS
       
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