# taz.de -- Leben mit dem Borderline-Syndrom: Vom Leben geschnitten
> Lea ist 40 und verletzlich wie ein Kind. Sie leidet an der
> Borderline-Persönlichkeitsstörung, schlitzt sich die Haut auf, wenn der
> seelische Schmerz zu groß wird.
(IMG) Bild: "Alle werden immer geliebt. Nur ich werde immer gehasst."
BERLIN taz Am Telefon klingt Leas Stimme langsam und bedächtig. Sich zu
treffen und über ihre Krankheit zu sprechen, das sei kein Problem.
Allerdings werde sie ein Päckchen Rasierklingen dabei haben, so wie immer.
"Die Klingen brauche ich für meine Sicherheit. Irgendwann werde ich einfach
schneiden müssen."
Tage später sitzt sie auf der zugigen Terrasse eines Fastfoodrestaurants,
trotz Nieselwetters trägt sie ein kurzärmeliges T-Shirt. "Sollen doch ruhig
alle wissen, dass ich seelisch kaputt bin", sagt sie. Es klingt trotzig.
Ihre Arme, Beine und ihr Bauch sind übersät mit tief in die Haut gekerbten
Wunden.
Lea kann nicht aufhören, sich die Haut aufzuschlitzen. Meistens treten
Selbstverletzungen durch Rasierklingen oder brennende Zigaretten während
der Pubertät auf, wenn die eigene Identität im Chaos versinkt. Es ist für
die Betroffenen eine Lösungsstrategie, um mit Leistungsdruck und familiären
Problemen zurechtzukommen. Bei einigen Jugendlichen verschwinden die
Symptome von alleine, andere benötigen eine Therapie - wie Lea. Sie leidet
unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS).
Lea ist 40 Jahre alt, wirkt aber um mindestens 15 Jahre jünger. Vielleicht
liegt es an ihrem zarten Gesicht mit den großen dunklen Augen, das sie halb
unter einer Schirmmütze versteckt. Vielleicht liegt es daran, dass sie nie
richtig erwachsen geworden ist. Sie wirkt wie ein verletzliches Kind, wenn
sie erzählt, dass die Welt gar nichts für sie sei und sie sich immer
unendlich leer fühle, "so richtig beschissen eben". Um ihrer Mutter nicht
noch mehr Sorgen zu bereiten, versucht sie sich von den Rasierklingen
fernzuhalten. Ihre eigenen Schmerzen interessieren Lea dagegen wenig.
Selbsthass ist bei ihr kein vorübergehendes Problem, sondern eine tief
verwurzelte, chronische Krankheit.
Stimmungsschwankungen, Impulsivität, instabile Beziehungen und
Suizidgedanken sind die wichtigsten Symptome, die für eine
Borderline-Diagnose aus psychiatrischer Sicht erfüllt sein müssen. Doch wie
fühlen sich diese theoretischen Beschreibungen tatsächlich an? Und wann ist
der schmale Grat zwischen "gesund" und "krank" überschritten?
"Generell sind alle Gefühlslagen eines Borderliners auch Teil der Psyche
eines gesunden Menschen", sagt Dr. Stefan Röpke, Oberarzt der
Spezialstation für Borderline-Patienten an der Klinik für Psychiatrie der
Charité Berlin: "So hat sich jeder schon extrem leer oder verlassen
gefühlt. Auch an einen Selbstmord denken Menschen in Ausnahmefällen." Im
Gegensatz zu gesunden Menschen würden Borderliner jedoch in der Intensität
ihres Fühlens und Handelns eine Grenze überschreiten. "Die Heftigkeit ihrer
Reaktion steht nicht im Verhältnis zur realen Situation. Irgendwo ist da
ein Zuviel."
Viele Borderliner sind schwer depressiv, ihre Krankheit macht ein normales
Leben fast unmöglich. So sprach der US-Kinderpsychologe Jonathan Kellermann
von seinen schwersttraumatisierten Patienten als Menschen "mit Armen
zusammengenäht wie Fußbälle und psychischen Wunden, die nie geheilt werden
können." Ihr Ego sei "fragil wie gesponnener Zucker" und ihre Psyche
"fragmentiert wie ein Mosaik, bei dem die wichtigsten Teile fehlen". Röpkes
Definition der BPS klingt nicht ganz so drastisch wie Kellermanns
Äußerungen, macht aber einen entscheidenden Punkt deutlich: "Borderliner
haben immer Angst, verlassen zu werden."
Lea schnitt sich die Arme kaputt, als eine Partybekanntschaft, mit der sie
am Vorabend Telefonnummern getauscht hatte, nicht auf eine SMS reagierte,
in der sie nach einem Treffen gefragt hatte. Objektiv betrachtet hatte der
fast Unbekannte keinerlei Einfluss auf ihr Leben, ein trotziges "Dann eben
nicht" wäre die angemessene Reaktion gewesen. Lea empfand das Desinteresse
aber als existenziell, ihr ganzes Ich klappte zusammen - wie schon so oft.
Als sie von ihrer Freundin verlassen wurde, trank sie literweise Wein und
schnitt so tief, dass die Sehnen frei lagen. Nur Stunden später folgte der
nächste Exzess. Sie wachte nachts auf, schnitt los, ohne überhaupt
hinzusehen. Nur durch die Wunden konnte sie sich beruhigen.
Den Verlust einer Bezugsperson erlebte Lea als Sturz durch eine Falltür:
"Es ist, als ob der Schmerz meines ganzen Lebens in diesem Moment zentriert
auf mich einwirken würde." Schmerz ist eine der wenigen Konstanten im Leben
eines Borderliners, viele von ihnen wurden vernachlässigt, missbraucht,
vergewaltigt. Auch Leas Gefühl fürs eigene Ich wurde bereits in der
Kindheit nachhaltig zerstört. Hinzu kommt bei BPS-Patienten vermutlich eine
genetische Disposition, also eine von Geburt an erhöhte emotionale
Impulsivität. Leas Denken ist oft polarisiert: "Alle werden immer geliebt.
Nur ich werde immer gehasst."
Im Herbst beginnt sie an der Charité ein dreimonatiges Behandlungsprogramm
nach der dialektisch-behavioralen Therapie, die von der amerikanischen
Psychiaterin Marsha Linehan entwickelt wurde und speziell auf Borderliner
ausgerichtet ist. Die Patienten lernen dabei, ihre Gefühle zunächst einmal
wahrzunehmen und auch zu respektieren. "Die meisten Borderliner haben dies
nie gelernt, in ihren Familien wurden kindliche Gefühlsäußerungen nicht
beachtet", sagt Röpke. Stattdessen seien sie durch Äußerungen wie "Stell
dich nicht so an" oder "Du lügst" abgekanzelt worden.
Das Ziel der Therapie ist es, das destruktive Schneiden durch andere
Verhaltensweisen zu ersetzen, "alternative Skills" zu entwickeln, wie Röpke
sagt: "Erst wenn die Patienten sich nicht mehr verletzen, ist überhaupt die
Möglichkeit gegeben, an den Ursachen der Probleme konstruktiv zu arbeiten."
Eine Möglichkeit für die Betroffenen etwa ist, sich im Moment der größten
inneren Spannung ein Tuch mit Ammoniak unter die Nase zu halten, um durch
den ätzenden Geruch wieder zu sich zu kommen. In Krisensituationen griff
Lea bisher fast immer zur Klinge oder zum Alkohol. Vor allem, wenn sie kaum
noch anwesend ist, weil sie stark dissoziiert, einen Teil ihrer Psyche von
sich abspaltet: "Das Schneiden ist durch nichts zu ersetzen. Nur dadurch
kann ich die schwarzen emotionalen Löcher überleben."
"Eine vollständige Heilungschance für die BPS gibt es nur bedingt", sagt
Röpke, "die Patienten bleiben ihr Leben lang labil und unsicher in
zwischenmenschlichen Kontakten." Jedoch könnten die Symptome durch eine
jahrelange Therapie deutlich verbessert werden. Die biologische Entwicklung
steuere der Krankheit zudem entgegen, mit zunehmendem Alter würden viele
der Patienten ruhiger.
Lea glaubt nicht, dass sie jemals wirklich gesund werden wird. Eine latent
nervöse Spannung umgibt die zierliche Frau, die manchmal weinerlich wird
und Sätze sagt wie "Ich weiß mit mir gar nichts anzufangen" und "Ich habe
Angst, dass ich eines Tages so tief schneide, dass ich verblute".
Seit 2003 ist die gelernte Erzieherin in Frührente. Über 20-mal wurde sie
schon in die Psychiatrie eingeliefert, weil sie sich mit ihren Freunden
gestritten hatte, weil es Ärger im Beruf gegeben hatte, weil sie
ausgerastet war und den vollbeladenen Essenstisch vor Wut umgekippt hatte.
Oder weil sie ihre innere Leere nicht mehr ausgehalten hatte, die sie durch
unzählige schnell eingegangene und ebenso schnell wieder zertrümmerte
Affären zu füllen sucht.
Fünf stationäre und unzählige ambulante Therapien hat sie begonnen - und
nur wenige durchgehalten. Die nie aufhörenden Krisen stürzen Leas Leben
immer wieder ins Chaos. Mit dem dialektisch-behavioralen Therapieprogramm
wird nun ein weiterer Versuch unternommen, ihr zu helfen. Vielleicht wird
Lea am Ende verstanden haben, dass Trennungen sich zwar lebensbedrohlich
anfühlen, es jedoch letztlich nicht sind.
5 Aug 2008
## AUTOREN
(DIR) Saskia Vogel
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