# taz.de -- Psychotherapie in Berlin: Der Platz auf der Couch wird schmaler
> Berlin ist mit PsychotherapeutInnen „überversorgt“ – behaupten die
> Kassen. Tatsächlich ist es schwierig, einen Therapieplatz zu finden – und
> es wird noch schwieriger.
(IMG) Bild: Immer mehr Menschen brauchen Psychotherapie – aber das Angebot soll verknappt werden
Vor vier Jahren machte sich Benjamin Becker* zum ersten Mal auf die Suche
nach einem Therapieplatz. Lange blieb er erfolglos, erst beim dritten
Versuch hat es endlich geklappt – fündig geworden ist er in einem
psychotherapeutischen Ausbildungsinstitut. Den ersten Anlauf hatte er 2022
unternommen, einen weiteren 2023. Damals hatte man ihn zwar auf eine
Warteliste gesetzt, doch das hatte einen Haken: „Um auf der Liste zu
bleiben, hätte ich mich sechs Monate lang jeden Monat zurückmelden müssen“,
sagt Becker. Das überforderte ihn: Nach einigen Monaten verlor er die Liste
aus den Augen.
Viele BerlinerInnen, die eine Psychotherapie benötigen, berichten davon,
wie beschwerlich die Suche ist. Etliche geben auf, gerade weil sie in ihrer
aktuellen Situation nicht sehr belastbar sind. Aber warum ist das so
schwierig, wenn es in Berlin angeblich eine Versorgung von 166 Prozent mit
Therapeut*innen gibt?
Im Rahmen ihrer Antwort auf eine Anfrage der Grünenfraktion zur
Versorgungslage in der Hauptstadt zitiert die Senatsgesundheitsverwaltung
den Verband der Ersatzkassen (vdek) mit der Aussage, dass „Berlin mit an
der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Psychotherapeuten
überversorgt“ sei. Die psychotherapeutische Versorgung für gesetzlich
Versicherte sei also „auf einem guten Niveau und somit ausreichend
sichergestellt“.
Marc Stephan ist Psychologischer Psychotherapeut und Institutsleiter des
Ausbildungszentrums der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie
(DGVT) in Berlin. „Das Thema der Überversorgung, die Berlin angeblich hat,
ist Quatsch“, sagt er. Denn die Berechnungsgrundlage für den
Versorgungsgrad stamme vom 31. August 1999. Die Zahl der an diesem Stichtag
existierenden psychotherapeutischen Praxen in Berlin ist bis heute als
Bedarfsgrundlage festgelegt.
In der rechnerischen Bedarfsplanung geht man demnach davon aus, dass ein
ambulanter Psychotherapeut mit vollem Versorgungsauftrag – also einem
ganzen Kassensitz – 3.163 Einwohner*innen versorgen kann. Dabei wurden
jedoch keine Daten zum tatsächlichen Bedarf erhoben, und die Zahl wurde in
den letzten 27 Jahren nicht angepasst, obwohl die Nachfrage an
Psychotherapie seitdem deutlich gestiegen ist.
## Doppelt so viele Krankschreibungen seit 2000
Das liege einerseits daran, dass die psychotherapeutische Behandlung
entstigmatisiert worden sei, sagt Marc Stephan. Zum anderen seien auch die
Auswirkungen der Pandemie immer noch zu spüren, gerade im Kinder- und
Jugendbereich. Auch allgemein haben psychische Störungen zugenommen: Laut
[1][Statista] hat sich die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund
psychischer Erkrankungen seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt.
Auf Benjamin Becker wirkt die Aussage, es gebe in Berlin ein Überangebot an
Psychotherapieplätzen, fast schon zynisch. Auch auf seinen jetzigen Platz
hat er nach der ersten Kontaktaufnahme fast sechs Monate warten müssen.
Überversorgung sieht anders aus.
Als wäre das noch nicht genug, wird die Suche nach einem
Psychotherapieplatz aller Voraussicht nach in den nächsten Jahren noch
schwieriger werden – dank dem Gesetz zur „Beitragssatzstabilisierung“ der
gesetzlichen Krankenkassen, das am 10. Juli vom Bundestag verabschiedet
wurde. Neben vorgesehenen Honorarkürzungen für Psychotherapeut*innen
soll auch eine Beschränkung hinzukommen, wie viele Patient*innen ein
Psychotherapeut behandeln darf – die sogenannte Budgetierung.
Die gab es schon einmal und sah vor, dass mit einem ganzen Kassensitz 36
Sitzungen pro Woche angeboten werden konnten, bei einem halben Kassensitz
18. 2013 wurde die Budgetierung explizit für Psychotherapie aufgehoben, als
spürbar wurde, dass die vorhandenen Plätze nicht ausreichten. In der
Realität bedeutete das, dass viele Psychotherapeut*innen mit einem
halbem Kassensitz mehr Patient*innen behandelten. „In meinem bekannten
Psychotherapeut*innenkreis arbeiten alle, die einen halben
Versorgungsauftrag haben, mindestens so um die 25 Sitzungen pro Woche“,
sagt Stephan.
Nach der Budgetierung wird diese Zahl deutlich sinken: „Wenn ich auf meinem
halben Kassensitz aktuell 25 Patient*innen sehe, werden es ab der
Budgetierung plötzlich nur noch 18 sein, also sieben Patient*innen, die ich
nicht weiter behandeln kann“, so Stephan. In Berlin haben laut
Bundesverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) etwa zwei
Drittel aller Psychotherapeut*innen einen halben Kassensitz. [2][Wie
viele Menschen dann auf Hilfe verzichten müssen, kann man sich ausrechnen.]
## Wirtschaftlich ist nichts gewonnen
„An der Psychotherapie zu sparen, finde ich persönlich kurzsichtig“, meint
Stephan. Auch im Hinblick darauf, dass bei psychischen Störungen die
längsten Arbeitsausfälle zu erwarten sind, sei das keine gute Idee. Die
[3][aktuelle Krankenstandsanalyse des IGES Instituts] hat im Auftrag der
DAK-Gesundheit die Daten von 2,2 Millionen DAK-Versicherten ausgewertet.
Psychische Erkrankungen waren im ersten Halbjahr 2026 der häufigste Grund
für Krankschreibungen. Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die Zahlen um neun
Prozent.
Durch die Budgetierung könnte es künftig zu mehr Krankschreibungen kommen,
meint Eva Schweitzer-Köhn. Die Psychologische Psychotherapeutin mit
tiefenpsychologischem Schwerpunkt ist Präsidentin der
Psychotherapeutenkammer Berlin. Auch mehr Frühverrentungen seien denkbar:
„Leiden können sich chronifizieren, wenn sie nicht behandelt werden.“ Ein
Anstieg an stationären Aufnahmen sei ebenfalls zu erwarten.
Wirtschaftlich gewonnen ist dadurch also nichts: „Für vier Wochen
stationären Klinikaufenthalt kann man schon ein bis zwei Jahre ambulante
Psychotherapie finanzieren“, rechnet Marc Stephan vor.
Bei einer Untersuchung der Techniker Krankenkasse (TK) kam heraus, dass
jeder Euro, der in Psychotherapie investiert wurde, innerhalb eines Jahres
zu einer gesamtgesellschaftlichen Einsparung von zwei bis vier Euro führt.
Das [4][„Qualitätsmonitoring in der ambulanten Psychotherapie“] war ein
Modellprojekt, das von 2005 bis 2009 durchgeführt wurde. Knapp 400
Psychotherapeut*innen und 1.708 Patient*innen nahmen bundesweit
daran teil.
Bisher hat Marc Stephan keine Patient*innen abgelehnt – noch nicht.
„Wenn jetzt Patient*innen aufhören, werde ich die Plätze wahrscheinlich
erst mal nicht nachbesetzen“, sagt er. Auch Eva Schweitzer-Köhn weiß noch
nicht, wie es weitergehen soll. „Ich habe eine Angstellte, die muss
vernünftig bezahlt werden.“ Gemeinsam behandeln sie aktuell 25 bis 28
Patient*innen pro Woche.
*Name geändert
16 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/254193/umfrage/entwicklung-der-au-faelle-aufgrund-psychischer-erkrankungen-nach-geschlecht/
(DIR) [2] /Psychotherapien-und-Kuerzungen/!6200242
(DIR) [3] https://www.iges.com/ergebnisse/projekte/2026/krankenstand/index_ger.html
(DIR) [4] https://www.aerzteblatt.de/archiv/modellprojekt-qualitaetsmonitoring-in-der-psychotherapie-die-diskussion-beginnt-erst-65435342-46bb-4513-a3ce-90380e804854
## AUTOREN
(DIR) Anna Simbürger
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