# taz.de -- Ist Neukölln wirklich so schlimm?: Das Reizwort Neukölln
> In der U-Bahn gibt es Ablehnung gegenüber der Umgebung. Aber ist das
> eigentlich wirklich das eigene Gefühl?
„Ich hasse die Gegend hier“, sagt der Mann hinter mir, als wir gerade am
Hermannplatz einfahren. Weitere Ausführungen höre ich nicht, der Mann und
seine Familie steigen hier aus. Ich gebe zu, ich bin auch nicht der größte
Neukölln-Fan, finde es dort, wo ich mit ebenjener Familie eingestiegen bin
– an der Hermannstraße –, sogar noch schlimmer. Aber warum eigentlich?
Etwas in mir steht hier ständig unter Strom, scannt jede Eventualität,
registriert Blicke, Lautstärken, Tempo, Gerüche. Dabei sind da gerade nur
ein paar Jungs, die Spanisch sprechen, zwei Flinta*, die sich auf Englisch
unterhalten, eine türkische Mutter mit ihren Kindern und ein Geruch nach
Gebackenem, der in den Waggon weht. Wovon lasse ich mich also eigentlich so
stressen? Von der Dichte? Vom Lärm? Dem Dreck? All das gibt es in anderen
Ortsteilen auch. Oder von etwas, das ich mir vorher schon eingeredet habe?
Neukölln ist zum Reizwort geworden, zur Chiffre für alles, was in der Stadt
schiefzulaufen scheint. Viel wurde in der Vergangenheit über den Bezirk
geschimpft; über Parallelgesellschaften, Clankriminalität, Verwahrlosung.
Und nach dem jüngsten Wahlsieg der Linken trifft ihn der Unmut wieder,
überregional und reflexhaft. Für die einen ist das Ergebnis Beweis für
Radikalisierung, für die anderen Beweis, dass ein vernachlässigtes Viertel
sich endlich Gehör verschafft. Beide Lesarten brauchen Neukölln vor allem
als Symbol, als Projektionsfläche für Ängste oder Hoffnungen, die woanders
entstanden sind. Die Straße, die U-Bahn, die Mutter mit ihren Kindern
kommen darin nicht mehr vor. Sie werden zu Statist*innen in einer
Erzählung, die längst über ihre Köpfe hinweg geführt wird.
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen dem Mann hinter mir und mir
selbst: Er meint seinen Satz. Ich dagegen habe wohl eher eine geliehene
Meinung mit mir herumgetragen, ungeprüft, zusammengesetzt aus Schlagzeilen
und Gesprächsfetzen, zu selten an der eigenen Wahrnehmung gemessen. Ihn als
hassenswert zu bezeichnen, kommt mir jedenfalls gerade nicht in den Sinn.
12 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Sophia Zessnik
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