# taz.de -- Schul-Exkursion zur AfD-Prüf-Demo: Demokratie lernen abgesagt
       
       > Eine Hamburger Schule wollte den Besuch einer Demo gegen die AfD zum
       > Unterrichtsstoff machen. Die AfD protestierte, die Schulbehörde sagte den
       > Ausflug ab.
       
 (IMG) Bild: Solche Möglichkeiten demokratischer Mitwirkung konnten die Schüler:innen nicht beobachten: Käppi auf der „Prüf“-Demo am Samstag
       
       Mehrere tausend Menschen forderten am Samstagnachmittag am Hamburger
       Jungfernstieg erneut, was den Initiator:innen der
       [1][„Prüf“-Initiative] als bürokratische Selbstverständlichkeit im
       Rechtsstaat erscheint: Wenn der Verfassungsschutz eine Partei als
       rechtsextremen Verdachtsfall führt oder als gesichert rechtsextrem
       einstuft, möge das Bundesverfassungsgericht bitteschön klären, ob diese
       Partei mit den Spielregeln des Grundgesetzes noch vereinbar ist.
       
       „Prüf“ steht für „[2][Prüfung rettet übrigens Freiheit]“. Gestartet wurde
       die Kampagne im vergangenen November vom Aktivisten [3][Nico Semsrott]. Das
       Bundesamt für Verfassungsschutz hatte die AfD Anfang Mai vergangenen Jahres
       als [4][„gesichert rechtsextremistische Bestrebung“] eingestuft. Bundesweit
       finden seit Monaten große „Prüf“-Demonstrationen statt. In 29 Städten
       fanden Mitte September nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die
       AfD 43,8 Prozent der Stimmen erhielt, [5][Demonstrationen mit insgesamt gut
       127.000 Teilnehmenden statt]. Die größte Kundgebung des Tages war in
       Hamburg, wo [6][rund 25.000 Menschen auf der Straße waren].
       
       An diesem Samstag sollten auch Zehntklässler:innen des
       Goethe-Gymnasiums im Stadtteil Lurup mit ihren Lehrer:innen am
       Jungfernstieg stehen. Im Rahmen des neu eingeführten Moduls „Demokratie
       lernen“ sollten sie die Demonstration vor Ort als eine Handlungsform
       zivilgesellschaftlicher Teilhabe erkunden, so der Plan der Schule.
       
       Ein klassischer Arbeitsauftrag im PGW-Unterricht
       (Politik-Gesellschaft-Wirtschaft): beobachten, dokumentieren, im
       Klassenzimmer kritisch analysieren. Das [7][Hamburgische Schulgesetz]
       schreibt den Schulen ausdrücklich vor, Schüler:innen zu befähigen, „an
       der Gestaltung einer der Humanität verpflichteten demokratischen
       Gesellschaft mitzuwirken“. Als „Unterricht am Ort“ wäre die Teilnahme
       verpflichtend gewesen; wer gefehlt hätte, hätte eine Entschuldigung der
       Eltern gebraucht.
       
       ## AfD veröffentlicht Elternbrief
       
       Doch zu der Exkursion kam es gar nicht. Auf Veranlassung der Schulbehörde
       sei die Veranstaltung kurzfristig mit der Begründung abgesagt worden, „dass
       zu wenig Zeit eingeplant war, um auf evtl. Rückfragen der Elternschaft
       reagieren zu können“, schreiben die Schulleitung und die PGW-Fachschaft des
       Goethe-Gymnasiums in einer am Samstag [8][auf Instagram veröffentlichten
       „Stellungnahme zu den in der Presse dargestellten Vorkommnissen zur
       Demonstration]“.
       
       Ein am Montag vergangener Woche versandter Elternbrief zur Exkursion war
       laut Elternrat bei einigen Eltern erst am Mittwoch angekommen, berichtete
       der NDR. Grundsätzlich aber befürworte er solche Exkursionen im Sinne der
       Demokratiebildung, betonte der Elternrat gegenüber dem Sender.
       
       Auf taz-Anfrage bestätigt die Schulbehörde die Absage. Weil für Exkursionen
       eine Teilnahmepflicht bestehe, seien sie von der Schule sorgfältig
       vorzubereiten. „Eine Exkursion an einem Samstag und mit der in diesem Fall
       besonderen Ausrichtung der Beobachtung einer Demonstration erfordert eine
       Information der Erziehungsberechtigten, die so rechtzeitig und umfassend
       erfolgt, dass die Familien sich auf die Exkursion einstellen können und
       Fragen, die aus dem Gegenstand der Exkursion entstehen, ggf. mit den
       verantwortlichen Lehrkräften klären könne“, schreibt ein Sprecher. Dafür
       sei in diesem Fall zu wenig Zeit gewesen.
       
       Zuvor war der Elternbrief an die Schulbehörde und die AfD-Fraktion in der
       Bürgerschaft gelangt. „Das staatliche Goethe-Gymnasium verlässt mit diesem
       Pflichtbesuch den Boden der parteipolitischen Neutralität“, behauptete der
       Fraktionsvorsitzende Dirk Nockemann und forderte von Schulbehörde, dass die
       verpflichtende Teilnahme an der Exkursion abgesagt wird.
       
       Am Mittwoch fragte Nockemann den Senat [9][in einer schriftlichen kleinen
       Anfrage] unter anderem, ob „die konkrete Teilnahmeverpflichtung auf ihre
       Vereinbarkeit mit der parteipolitischen Neutralität, dem
       Überwältigungsverbot und dem [10][Kontroversitätsgebot] geprüft“ worden
       sei.
       
       ## Drohungen gegen die Schule
       
       Kurz darauf griff auch die [11][neurechte Zeitung Junge Freiheit] den
       Vorgang auf und strickte daraus das Narrativ, dass die Schule
       Schüler:innen zwinge, an einer Anti-AfD-Demonstration teilzunehmen. „Die
       Veranstalter sind gut im linksradikalen Milieu vernetzt“, behauptet die
       Zeitung, weil die „Prüf“-Initiative unter anderem auch von der
       Kampagnenorganisation Campact, dem Zentrum für politische Schönheit, den
       Omas gegen rechts und der Gesellschaft für Freiheitsrechte unterstützt
       wird.
       
       Bei der Schule gingen dem Gymnasium zufolge daraufhin anonyme E-Mails und
       Anrufe mit Schmähungen und handfesten Drohungen ein. „Solche Drohungen sind
       inakzeptabel und sorgen für große Betroffenheit bei den Kolleg:innen“,
       schreiben die Schulleitung und die PGW-Fachschaft. Sie richteten sich gegen
       die Schule als Institution öffentlichen Rechts und „vor allem ihre
       Lehrkräfte, die dem gesetzlichen Bildungsauftrag nachkommen“. Die Schule
       habe Anzeige erstattet.
       
       Die Behörde schreibt der taz, sie stehe deshalb im engen Austausch mit der
       Schulleitung, „die erforderlichen Maßnahmen zum Schutz der Lehrkräfte und
       der Schule“ werden mit dieser besprochen.
       
       ## Verständnis für demokratische Prozesse stärken
       
       Hintergrund der Exkursion zur Demo sei dem Gymnasium zufolge gewesen, dass
       die Lehrerkonferenz in den vergangenen Jahren festgestellt habe, „dass die
       Förderung demokratischer Teilhabe und der Selbstwirksamkeit unserer Schüler
       eine wachsende pädagogische Herausforderung“ darstelle. Das Modul, das
       testweise in den Jahrgangsstufen 9 und 10 eingeführt werde, solle
       Schüler:innen helfen, „ein vertieftes Verständnis demokratischer
       Prozesse“ zu entwickeln und konkrete Möglichkeiten demokratischer
       Mitwirkung kennenzulernen.
       
       Die Schule betont, dass im Elternbrief ausdrücklich darauf hingewiesen
       worden sei, „dass von keinem Schüler und keiner Schülerin erwartet wird,
       sich die politischen Ziele der Veranstalter zu eigen zu machen oder als
       aktive Teilnehmer an der Demonstration mitzuwirken“. Die Berichterstattung
       in der Jungen Freiheit sei eine falsche Darstellung.
       
       Zudem sei die abgesagte Exkursion der Luruper Schüler:innen ganz im
       Sinne des [12][Beutelsbacher Konsenses]: Dieser legt fest, dass Lernende in
       der politischen Bildung nicht überwältigt oder manipuliert werden dürfen,
       kontroverse Themen auch im Unterricht kontrovers dargestellt werden müssen
       und Schüler:innen befähigt werden sollen, eigene politische Positionen
       zu entwickeln.
       
       ## Vor- und nachbereitet sind Demo-Beobachtungen okay
       
       Bei der Exkursion am Samstag hätte es sich „ausschließlich um eine
       pädagogisch angeleitete Beobachtung und anschließende Auseinandersetzung
       mit dieser Form demokratischer Teilhabe“ gehandelt, betont die Schule.
       Zudem sei die „Prüf“-Demo keine parteipolitische, sondern eine
       zivilgesellschaftliche Demonstration gewesen. Deshalb sei sie besonders
       geeignet gewesen.
       
       Auch aus Sicht der Schulbehörde sind Beobachtungen von Demonstrationen „mit
       den einschlägigen Vorgaben und den Grundsätzen des Beutelsbacher Konsenses
       vereinbar“. Diese könnten durch „entsprechende Vor- und Nachbereitung der
       Veranstaltung, Einordnung der gehörten und erlebten Positionierungen und
       Meinungen unter Berücksichtigung und Darstellung auch abweichender
       Auffassungen und durch die Klärung der eigenen Rolle als die Veranstaltung
       lediglich beobachtende Person“ eingehalten werden.
       
       Einige Schüler:innen des Gymnasiums seien am Samstag übrigens bei der
       Demo gewesen, berichtete das „Hamburg Journal“ des NDR und zeigte dazu
       einige Jugendliche von den Schultern abwärts. Mit dem Sender gesprochen
       hatte keine:r von ihnen.
       
       12 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Demos-in-Landeshauptstaedten/!6203086
 (DIR) [2] https://pruef-demos.de/
 (DIR) [3] /Nico-Semsrott-ueber-AfD-Verbotsverfahren/!6123129
 (DIR) [4] /AfD-ist-gesichert-rechtsextrem/!6083623
 (DIR) [5] /Bundesweiter-Protest-gegen-Rechts/!6212724
 (DIR) [6] /Demonstration-25000-in-Hamburg-gegen-Rechtsextremismus/!6212860
 (DIR) [7] https://www.hamburg.de/resource/blob/119676/97f8c3dba0e78795497517a661b7edf8/schulgesetzdownload-data.pdf
 (DIR) [8] https://www.instagram.com/p/DeSNXiMjTrR/?hl=de&img_index=1
 (DIR) [9] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/lib/pdfjs/web/viewer.html?locale=de-DE&file=https%3A%2F%2Fwww.buergerschaft-hh.de%2Fparldok%2Fdokument%2F105532%2F23_05606_verpflichtender_besuch_einer_politischen_demonstration_im_fach_demokratielernen_und_parteipolitische_neutralitaet_an_hamburger_schulen#pagemode=none
 (DIR) [10] https://www.bpb.de/lernen/politische-bildung/193225/kontroversitaet-wie-weit-geht-das-kontroversitaetsgebot-fuer-die-politische-bildung/
 (DIR) [11] /40-Jahre-Junge-Freiheit/!6179763
 (DIR) [12] /AfD-an-Berliner-Schulen/!6155694
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Robert Matthies
       
       ## TAGS
       
 (DIR) AfD-Verbot
 (DIR) AfD Hamburg
 (DIR) Demonstrationen
 (DIR) Schule
 (DIR) Politische Bildung
 (DIR) Demokratie
 (DIR) Social-Auswahl
       
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