# taz.de -- Literaturnobelpreis für Anne Carson: Sie kommt von Homer
       
       > Anne Carson erhält den Literaturnobelpreis. Die Auszeichnung der
       > Altphilologin kann als Zeichen gegen unsere zunehmend anti-intellektuelle
       > Zeit gesehen werden.
       
 (IMG) Bild: Nobelpreiskomitee: Carson hat „im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen“
       
       Als Altertumswissenschaftlerin ist man sich über die Nichtigkeit der
       eigenen Existenz wohl besonders im Klaren. Die Gegenwart ist schließlich
       auch nur ein Jetzt, das noch nicht Geschichte geworden ist. Ein Augenblick,
       der die Vorzüge der Jugend besitzt, die ohnehin nicht lange währen. Als
       Altertumswissenschaftlerin ist man dabei auf eine Art vielleicht auch
       ziemlich allein. Immerhin sind alle Menschen, deren Schicksale einem
       begegnen, seit Jahrtausenden tot. Mit wem hält die
       Altertumswissenschaftlerin Zwiesprache? Mit dem Weltgeist? Dem Universum?
       
       Nun ist nicht bekannt, wer der Altphilologin und Schriftstellerin Anne
       Carson einflüstert. Vielleicht bloß die Natur. Zumindest war Carson gerade
       auf Island, als sie der Anruf erreichte, dass sie den Literaturnobelpreis
       erhalten solle, um dort erklärtermaßen den Wind zu hören.
       
       Was auch immer es ist, was der Wind Carson mitteilt, es kommt jedenfalls
       von weit her. Die 1950 in Toronto geborene Kanadierin greift in ihren
       Büchern bevorzugt auf antike Figuren und Mythen zurück. Zuletzt erschien so
       etwa „Norma Jeane Baker von Troja“, in dem sie Helena von Troja mit Marilyn
       Monroe in Beziehung setzt.
       
       Carson ist auch Übersetzerin, überträgt griechische Tragödien ins
       Englische, und weiß um die Wichtigkeit einzelner Worte und Begriffe. Der
       Schritt zur Lyrik, den die Altphilologin mit „Canicula di Anna“ 1984, drei
       Jahre nach ihrer Dissertation, tat, scheint also folgerichtig: Die Wahrheit
       kann im einzelnen Wort liegen, Sprengkraft in seinen Silben. „Wenn Prosa
       ein Haus ist, dann ist Lyrik ein brennender Mann, der ziemlich schnell
       hindurchrennt“, sagte Carson einmal in einem Interview mit dem Guardian,
       gefragt nach der Definition von Poesie.
       
       Carsons intensive Beschäftigung mit Worten überträgt sich in ihren Büchern
       dabei auch auf ihre Figuren. In „Die Autobiografie von Rot“ etwa, einem
       lyrischen Roman über eine Liebesgeschichte zwischen einer beflügelten Figur
       namens Geryon und dem Halbgott Herkules, kleidet sich eben dieser Geryon
       erklärtermaßen in starke Wörter: „Am Morgen trieben harte Winde Lebensstöße
       in den Himmel jeder für sich blau / genug, um eine eigene Welt zu gründen.
       Die Wörter für und sich trieben auf ihn zu und der Wind zerfetzte sie.
       Sowas war für Geryon immer schwierig gewesen: Wörter wie für sich /
       zergliederten sich in einzelne Buchstaben, wenn er sie anstarrte und
       verschwanden. Hinterließen Raum für Bedeutung aber der blieb leer. Die
       Buchstaben hingen dann überall in der Gegend an Ästen und Möbeln.“
       
       ## Sprachbilder und Schriftzeichen
       
       Ein Wort ist dabei für Carson nicht nur ein Wort, nicht nur seine
       Bedeutung, sondern immer auch Bild; insbesondere vielleicht, weil ihr nicht
       nur unterschiedliche Sprachen, sondern auch unterschiedliche Schriftzeichen
       zur Verfügung stehen. Wer Sprache auf diese Art ernst nimmt, erschließt
       sich ganz neue metaphorische Räume: „Sie waren zwei Aale der Extraklasse /
       ganz unten im Tank und sie erkannten sich wie Schrägschrift“.
       
       Anne Carsons Werk ist nicht unbedingt das Zugänglichste, sie ist keine
       [1][Annie Ernaux,] keine [2][Han Kang,] kein [3][Abdulrazak Gurnah,] deren
       Erzählwelt sich trotz mancher Surrealismen der Leserin nicht verschließt.
       Carson, mit ihrem Altertum, ihrer Lyrik, ist ein klassischer writer’s
       writer, ist – und das ist kein Widerspruch – auf eine erfrischende Art
       beinahe altmodisch akademisch. Und das, obwohl Carson zunächst selbst ihre
       Probleme mit der akademischen Welt hatte, aus Frust über den Lehrplan
       zweimal ihr Studium unterbrach.
       
       Die Entscheidung der Schwedischen Akademie kann so, und ja, man möchte sie
       auch als ein Signal verstanden wissen, dem Anti-Intellektualismus unserer
       Zeit etwas entgegenhalten. Jenem Anti-Intellektualismus, der zunehmend etwa
       [4][in Form von KI auf die Welt der Literatur übergreift.] Carson habe „im
       spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die
       zeitgenössische Literatur geschaffen“, so begründete man in Stockholm die
       Entscheidung, und die Assoziation mit KI, die einem bei Carson ex negativo
       in den Sinn kommt, sie kommt vielleicht nicht von ungefähr. Kommt nicht
       „Prompt“ von Prometheus? Ist nicht die KI eine Art Delphisches Orakel, eine
       Wahrsagerin, die mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet und als Wahrheit
       verkauft? Auch zu all dem lässt sich die Auszeichnung Anne Carsons, die mit
       Unwahrscheinlichkeiten arbeitet, als Kommentar lesen.
       
       Gäbe es eine Literaturnobelpreisträgerin, die mit Recht behaupten könne,
       sie [5][komme von Homer,] es wäre wohl Anne Carson. Die Kanadierin äußert
       sich selten in tagespolitischen Belangen, muss das auch nicht, denn ihr
       Werk, in dem Kriege, Gewalt und Geschlecht eine zentrale Rolle spielen,
       spricht für sich.
       
       Mitunter bricht jedoch auch die Jetztzeit in ihre lyrische Welt der Mythen
       ein, etwa in ihrem Vortrag, der „Lecture on the History of Skywriting“, den
       sie [6][noch in diesem Jahr im Rahmen des Poesiefestivals Berlin auf die
       Bühne brachte,] und in den sie die Geschichte von Faisal, eines Jemeniten,
       dessen Familie durch eine amerikanische Drohne zu Tode kam, hineinwebte.
       
       „Einen Menschen ohne Welt gibt es nicht“, schreibt sie in der
       „Autobiografie von Rot“. Und dass es Anne Carson in dieser Welt gibt,
       zumindest das ist ein Glücksfall.
       
       8 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julia Hubernagel
       
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