# taz.de -- Nobelpreisverkündungen: Stockholm calling
       
       > Wenn das Nobelpreiskomitee bei Preisträger:innen anruft, ereignet sich so
       > mancher kurioser Moment. Auch dem Presserummel liegt oft ein Zauber inne.
       
 (IMG) Bild: Wenn das Telefon klingelt und das Nobelpreiskomitee anruft wird es interessant
       
       Wir blicken nun wieder, wie alljährlich im beginnenden Herbst, auf eine
       Woche zurück, die uns Normalos, die wir Physik und Chemie möglichst früh
       abgewählt haben, staunenswerte Erkenntnisse und übermäßig kluge Forscher
       und Tüftler naturwissenschaftlicher Disziplinen – patriarchatsystemisch
       bedingt tatsächlich immer noch vor allem Ers – präsentiert hat.
       
       Das war sie, die Woche der [1][Nobelpreisbekanntgabe] in verschiedenen
       Kategorien, gipfelnd im Literatur- und Friedensnobelpreis, die aber im
       Prinzip ja jede und jeder von uns zugesprochen bekommen könnte, ganz ohne
       eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung, Erkenntnislust und
       Forschergeist. Man müsste halt nur sehr gut schreiben können oder in Zeiten
       und Regionen leben, die entschlossene Friedens- und Freiheitskämpfende auf
       den Plan rufen. Ganz so weit ist es bei uns ja – noch – nicht.
       
       Kurzer gedanklicher Exkurs, zurück zu den Nobelpreisen für Medizin, Chemie,
       Physik. Herrlich, immer zu sehen, wenn sich diese zwei Welten berühren –
       die der vor so viel Wissen ergriffen staunenden Normalos und die der in
       Laboren eifrig vor sich hin denkenden und tüftelnden Forscher. Immer wieder
       erzeugt das anrührende Geschichten. So soll sich der wohl sehr scheue
       [2][Spitzenphysiker Peter Higgs] 2013 ohne Mobiltelefon – er hatte eh keins
       – in einem Baumarkt regelrecht versteckt haben, um für das Nobelkomitee
       unauffindbar zu sein. Er erfuhr dann auf der Straße von der Ehrung, als ihn
       eine Nachbarin darauf ansprach. Alle wussten es, nur Higgs noch nicht.
       
       Oder [3][Mary Brunkow], Immunologin aus den USA, die im Oktober 2025 einen
       nächtlichen Anruf irgendwo aus dem Ausland wegdrückte, weil sie schlafen
       wollte und dachte, das sei Spam. So erfuhr sie erst am nächsten Morgen vom
       Medizin-Nobelpreis, der ihr zugesprochen worden war.
       
       ## Vom Labor ins Licht der Öffentlichkeit
       
       Es sind die Momente, in denen bahnbrechende Forschung aus dem Schatten der
       Labore ins Licht der Öffentlichkeit gelangt und das Unprätentiöse dieser
       Forschenden zutage tritt. Forschende, die nie den Eindruck erwecken, mit
       ihrer Forschung Stars werden zu wollen, die aber dann doch, einer
       medienwirtschaftlich bedingten Verwertungslogik folgend, zu Stars gemacht
       werden. Auf den Moment der Bekanntgabe, die inzwischen per Livestream aus
       Stockholm weltweit übertragen wird, folgen Interviews, in denen die
       Forschenden erstmals einer breiten Masse außerhalb ihrer Forschercommunity
       bekannt gemacht werden.
       
       Auch das sind anrührende, manchmal skurrile Momente. Oft sympathisch
       linkisch stehen sie dann da, manchmal in ihrem Garten oder in irgendeinem
       Laborgebäudeflur, nehmen die Glückwünsche des Moderators oder der
       Moderatorin entgegen und müssen dann ihre irre komplexe Forschungsarbeit
       erklären, weil es im journalistischen Betrieb ja niemanden gibt, der das
       übernehmen könnte, die meisten sind Geisteswissenschaftler, Physik und
       Chemie frühzeitig abgewählt. Den frisch Gekürten wird in diesen Momenten
       auch immer die Hoffnung einer ganzen Nation aufgebürdet, als
       Forschungsstandort doch noch nicht ganz abgemeldet zu sein.
       
       Beispielhaft für diese Art von Moment war in dieser Woche das [4][Interview
       des „Tagesthemen“-Moderators Ingo Zamperoni, studierter Amerikanist, mit
       Medizin-Nobelpreisträger Peter Hegemann von der Humboldt-Universität,
       studierter Biologe mit Schwerpunkt Algen]. Auch Hegemann war für das
       Nobelkomitee telefonisch nicht erreichbar, weil er im Labor forschte; er
       bekam dann eine Mail aus Stockholm mit der Bitte, mal zurückzurufen.
       
       ## Dunkelheit im Menschenhirn
       
       Zamperoni fragt, ob er sich noch zwicken müsse, um sich klarzumachen, dass
       er jetzt Nobelpreisträger ist – und es ist der Moderator, der dabei guckt,
       als müsse er sich selbst zwicken, weil er mit einem echten
       Nobelpreisgewinner spricht, während Hegemann aussieht, als wolle er lieber
       wieder ins Labor. Seine Antwort: sekundenlanges Schweigen, dann, extrem
       nüchtern: „Ja, ich bin natürlich überwältigt, und man weiß am Anfang gar
       nicht, wie man damit umgehen muss.“ Inzwischen habe es sich aber gesetzt,
       und er denke schon, „dass es irgendwie real ist“.
       
       Ganz wunderbar dann diese Passage, in der Hegemann erklärt, was es mit den
       Entdeckungen im Bereich lichtgesteuerter Ionenkanäle und Optogenetik auf
       sich hat, für die er – [5][gemeinsam mit dem Würzburger Biologen Georg
       Nagel und Karl Deisseroth] aus Stanford – ausgezeichnet wurde.
       
       Zamperoni: „Sie und die beiden anderen Nobelpreisträger haben ja
       buchstäblich Licht ins Dunkel des Gehirns gebracht.“
       
       Hegemann: „Ja, Licht ins Dunkel kann man in gewisser Weise sagen. Aber das
       gilt sicher für das Fliegengehirn, das man belichten kann, oder das
       Zebrafischgehirn. Beim Mausgehirn wird es schon schwieriger – und das
       menschliche Gehirn ist weitgehend dunkel. Wenn Sie da optogenetisch
       arbeiten wollen, müssen Sie einen Lichtleiter ins Gehirn reinstecken, und
       dann können Sie ein kleines Volumen von ein bis 5 Kubikmillimetern
       belichten. Mehr nicht.“
       
       Dieses „Mehr nicht“ ist das große Unbegreifliche, das Hegemann versteht,
       und zum Glück gibt es andere, die es als auszeichnungswürdig betrachtet
       haben. Wir Normalos wären darüber hinweggegangen. Licht ins Gehirn, krass,
       puh, aber: häh?
       
       Mögen Hegemann und all die anderen ihren Erfolg feiern, mögen sie weiter
       forschen können, möge ihre Forschung dem Guten dienlich sein.
       
       Uns bleibt das Staunen und der Dank ans Nobelpreiskomitee, dass es uns
       wenigstens einmal im Jahr mit dem Unbegreiflichen konfrontiert.
       
       9 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Nobelpreis/!t5014287
 (DIR) [2] /Nobelpreistraeger-Peter-Higgs-gestorben/!6003835
 (DIR) [3] /Medizin-Nobelpreis-2025/!6117707
 (DIR) [4] https://www.tagesschau.de/wissen/forschung/tagesthemen-interview-hegemann-100.html
 (DIR) [5] /Nobelpreis-fuer-Medizin/!6219229
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Felix Zimmermann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Nobelpreis
 (DIR) Wissenschaft
 (DIR) Öffentlichkeit
 (DIR) Naturwissenschaft
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Wirtschaftsnobelpreis 2026: Zwei US-Ökonomen ausgezeichnet
       
       Robert E. Hall und Michael Woodford bekommen den Wirtschafts-Nobelpreis.
       Sie forschen zu makroökonomischen Modellen, die Konjunkturschwankungen
       dämpfen können.
       
 (DIR) Friedensnobelpreis 2026: Navanethem Pillay erhält den Friedensnobelpreis
       
       Die südafrikanische Juristin Navanethem Pillay wird mit dem
       Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Der gilt als die wichtigste Auszeichnung
       der Welt.
       
 (DIR) Anerkennung in der Wissenschaft: Wem Ehre gebührt
       
       Die Nobelpreise rücken Forschende ins Rampenlicht. Aber wer erlangt
       eigentlich Anerkennung für seine Entdeckungen – und wer nicht?
       
 (DIR) Literaturnobelpreis für Anne Carson: Sie kommt von Homer
       
       Anne Carson erhält den Literaturnobelpreis. Die Auszeichnung der
       Altphilologin kann als Zeichen gegen unsere zunehmend anti-intellektuelle
       Zeit gesehen werden.