# taz.de -- Abschiebebeobachterin hört auf: Kein Job fürs Leben
> Merle Abel, Abschiebebeobachterin der Diakonie in Hamburg, hat gekündigt.
> Aus privaten Gründen, sagt sie. Dass der Job belastend ist, ist kein
> Geheimnis.
(IMG) Bild: Macht nach besonders schweren Fällen Sport, um das Erlebte zu verarbeiten: Merle Abel
Wenn Merle Abel zum Jahresende ihren Arbeitsplatz bei der Diakonie
verlässt, hat sie es nur wenige Wochen länger ausgehalten als ihr
Vorgänger. Knapp drei Jahre, länger kann man den Job offenbar nicht machen.
Abel hat in dieser Zeit Abschiebungen am Hamburger Flughafen beobachtet und
dokumentiert.
Die Abschiebebeobachtung ist bei der Diakonie angesiedelt und wird von der
Hamburger Innenbehörde bezahlt. Das zeigt schon, zwischen welchen Stühlen
Abel sitzt. Als Vertreterin der Diakonie ist sie für die Betroffenen
ansprechbar, hört ihnen zu im Moment größter Not. Sie überwacht die
Einhaltung der Menschenrechte und dokumentiert [1][Grenzüberschreitungen].
Aber sie darf nicht einschreiten und den reibungslosen Ablauf der
Abschiebungen nicht gefährden, das steht in ihrem Vertrag.
„Sind Sie belastbar?“ So lautet der erste Satz in der Stellenausschreibung
für die Nachfolge als Abschiebebeobachterin. Abel – blonder Dutt, weißer
Blouson, Jeans und Sneaker – wirkt wie eine Person, die sehr belastbar ist.
Sie spricht klar und konzentriert, sie lächelt manchmal, aber sie hat auch
eine Sorgenfalte zwischen den Augenbrauen.
„Viele sagen: Ich könnte diesen Job nie machen“, sagt die 37-Jährige an
einem hellen Holztisch im Diakoniebüro. „Und ich kann das verstehen.“ Es
seien trotzdem zahlreiche Bewerbungen eingegangen. Die Diakonie gilt als
beliebter Arbeitgeber im Bereich Flucht und Migration. Das Büro in
Hamburg-Ottensen liegt in einem großzügigen, gläsernen Neubau.
Ein großer Teil der Arbeit der Abschiebeobachtung besteht im Anfertigen von
Berichten, in jedem Frühjahr erscheint der [2][Jahresbericht]. Schon das
Inhaltsverzeichnis des [3][diesjährigen Reports] liest sich wie eine
grauenvolle Ansammlung menschlichen Leids: „Nächtliche Abholung vulnerabler
Personen“, „Kind nachts im Warteraum“, „Fesselung der Mutter“, „Fesselung
von Minderjährigen“, „Familientrennung“, „Abholung aus dem Krankenhaus“.
## Er schlug mit dem Kopf gegen die Wand
Bei all diesen Fällen und zig weiteren war Abel als Beobachterin und
Ansprechpartnerin für Betroffene dabei. Wie, um alles in der Welt, hält man
das aus? „Ich finde es schwierig“, sagt Abel. Nicht helfen zu können, wenn
die Menschen einen fragen – das sei hart. „Man muss sich innerlich
abgrenzen.“
Am Anfang sei es besonders schlimm gewesen. Gleich an ihrem ersten Tag am
Flughafen habe sie einen Mann begleitet, der in den Irak abgeschoben werden
sollte. Er sagte ihr, dass sein Bruder im Irak ermordet worden sei und er
selbst befürchte, verhaftet und gefoltert oder hingerichtet zu werden. Nach
außen hin habe der Mann nicht nervös gewirkt, aber dann habe er mit dem
Kopf gegen die Wand geschlagen. „Da habe ich mich gefragt, ob ich den Job
wirklich machen will“, sagt Abel.
Natürlich habe sie gewusst, was sie auf der Position erwarte. Aber das eine
sei das Rationale, das andere, wie es sich anfühlt, wenn man dabei ist.
„Oft kommen die Bilder abends wieder hoch“, sagt Abel. Mit der Zeit habe
sie Strategien entwickelt, das Erlebte nach dem Feierabend zu verarbeiten.
So achte sie etwa darauf, nach besonders schweren Fällen Sport zu machen
oder spazieren zu gehen.
Einer der schlimmsten Fälle sei der eines Mannes gewesen, der nach Armenien
abgeschoben werden sollte und schon bei der Abholung versucht hatte, sich
die Pulsadern aufzuschneiden. Bei der Abholung ist niemand außer der
Polizei und der Ausländerbehörde dabei, die unabhängige Beobachtung beginnt
erst am Flughafen. Der Mann sei zu Hause mit Pfefferspray überwältigt,
gefesselt und vom Notarzt notdürftig verarztet worden. Mit hinter dem
Rücken gefesselten Händen sei er am Flughafen angekommen, unfähig, mit Abel
zu sprechen, so sehr stand er unter Schock. „Der wurde für reisefähig
erklärt und so, wie er war, abgeschoben“, berichtet Abel.
## Sind Sie neutral?
Ein anderer schlimmer Fall sei der einer alleinerziehenden Mutter mit fünf
Kindern gewesen, die nach Spanien abgeschoben werden sollten. Die Kinder
hatten Asthma, die Mutter sagte, die medizinische Versorgung sei in Spanien
nicht gewährleistet. Beim Boarding sei die Frau stehen geblieben.
Polizist*innen hätten sie vor den Augen ihrer Kinder überwältigt. Ihr
elfjähriger Sohn sei ebenfalls stehen geblieben und habe laut geschrien.
Die Polizist*innen hätten ihn weggeschoben. Kinderrechtlich sei das
höchst bedenklich, sagt Abel.
Wenn Abel über das menschliche Leid spricht, das sie beobachtet hat, sagt
sie nicht: „Das war so schrecklich“. Sondern: „Das hat mich noch lange
beschäftigt.“ Oder: „Suizidalität ist ein großes Thema.“ Der zweite Satz in
der Ausschreibung ihrer Stelle lautet: Sind Sie neutral?
Andere Frage: Frau Abel, sind Sie wütend? „Ja, generell schon“, sagt Abel.
„Auf die gesamte politische Lage bezogen ja, auf jeden Fall.“ In der
Politik gehe es immer nur darum, die Zahlen der Abschiebungen zu erhöhen.
Über die Menschen werde dabei nie geredet. Vielen sei gar nicht klar, was
das bedeute, viele dächten, es würden nur Straftäter abgeschoben. Und nicht
Familien, Alte, Kranke und Kinder.
Die Verschärfungen in der Asyl- und Migrationspolitik machen sich am
Flughafen bemerkbar, sagt Abel. In den drei Jahren ihrer Amtszeit sind in
Deutschland und der EU so viele Verschärfungen in Kraft getreten, dass man
sie kaum alle aufzählen kann. Pushbacks an der Grenze, [4][die Geas-Reform]
und verschärfte Abschiebehaft sind nur ein paar davon. Eine Auswirkung, die
man am Flughafen spüre, sei etwa, dass sich die Zahl der beobachteten
Familientrennungen im vergangenen Jahr verdoppelt habe, sagt Abel.
## Vieles bleibt schlecht
Wie es bei Abel beruflich weitergeht, ist noch offen. Es ist ihr aber
wichtig zu betonen, dass vor allem private Gründe den Ausschlag für die
Kündigung gaben. Auch wenn die Belastung des Jobs in die Entscheidung
hineingespielt habe. Vielleicht werde sie weiter im Bereich Flucht- und
Migration arbeiten, vielleicht etwas ganz anderes machen. Auf jeden Fall
erst mal weg aus Hamburg.
[5][Anders als bei ihrem Vorgänger] habe es bei Abel nicht den einen
Tropfen gegeben, der das Fass zum Überlaufen brachte, sagt sie. Vielmehr
seien es die immer wiederkehrenden Situationen.
Vieles, was Abel in ihrem Jahresbericht kritisiert, bleibt nun erst mal so,
wie es ist: Es gibt keine Behindertentoilette in einem Bereich des
Flughafens, wo oft Abschiebungen stattfinden. Es gibt nur eine mangelnde
fachärztliche Begleitung. Es gibt keine unabhängigen Ärztin*innen, die
nicht von der Ausländerbehörde kommen; kein Monitoring für Kinderschutz.
Und keine zweite Abschiebebeobachter*in, weil eine nicht jeden Tag am
Flughafen sein kann. Da, wo es Spielräume zur Verbesserung gebe, würden sie
nicht genutzt, sagt Abel. Sie hoffe weiter auf Veränderung.
25 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Abschiebung-aus-Deutschland/!6197925
(DIR) [2] /Abschiebebeobachtung-in-Hamburg/!6171128
(DIR) [3] https://www.diakonie-hamburg.de/export/sites/diakonie/.galleries/downloads/Fachbereiche/ME/Diakonie-Hamburg_Abschiebungsbeobachtung-Jahresbericht_2025-26.pdf
(DIR) [4] /GEAS-Reform/!6186417
(DIR) [5] /Hamburger-Abschiebebeobachter-hoert-auf/!5962774
## AUTOREN
(DIR) Katharina Schipkowski
## TAGS
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