# taz.de -- Folgen vom Bergbau im Ruhrgebiet: Über Wasser halten
       
       > Ohne die Arbeit von Pumpen würden große Teile des Ruhrgebiets im Wasser
       > versinken. Doch wie lange sollen diese Pumpen noch laufen?
       
 (IMG) Bild: Eine Industrielandschaft, struppiges Grün, ein Stück Ruhrgebiet
       
       Die ist über 50 Jahre alt und läuft immer noch“, sagt Carsten Meybohm und
       zeigt von der Galerie des Pumpwerks hinab auf eine hellgrün gestrichene
       große Pumpe gut zehn Meter unter ihm. Der grüne Riese ist nur eine von zehn
       Maschinen, die das Wasser der Boye und ihrer Nebenbäche in die nur wenige
       hundert Meter südlich fließende Emscher pumpen.
       
       Die Boye ist ein kleiner Fluss. Gerade 13 Kilometer braucht sie von ihrer
       Quelle im Norden Bottrops bis zur Emscher. Nur würde sie diese nie auf
       natürlichem Weg erreichen: Bevor 2018 die Zeche [1][Prosper-Haniel in
       Bottrop als letztes Steinkohlebergwerk Deutschlands] dichtgemacht wurde,
       prägte der Bergbau fast 150 Jahre das nördliche Ruhrgebiet und sorgte
       dafür, dass heute zwischen Duisburg und Dortmund die Oberfläche bis zu 25
       Meter tiefer liegt, als es vor Beginn des Kohleabbaus der Fall war.
       
       Die Kumpel holten Kohle und noch mehr Gestein aus bis zu 1.000 Meter tief
       gelegenen Flözen, Feldern voller Steinkohle. Und war die abgebaut, sackte
       nach und nach der Boden ab. Polder, also tiefliegende Gebiete, aus denen
       das Wasser nicht mehr von selbst abfließen kann, haben sich gebildet. „Wenn
       der Fluss da reinfließt“, sagt Meybohm mit stoischer Gelassenheit, „fließt
       er halt nicht bergauf. Die Boye erreicht einfach nicht mehr auf normalem
       Weg die Emscher.“
       
       Der 59-jährige Betriebsingenieur hat alle Zahlen parat: 18 Meter hoch muss
       das Wasser der Boye gepumpt werden, damit es in die Emscher fließen kann.
       46.000 Liter schafft die Anlage in der Sekunde. Führen die Boye und ihre
       Nebenbäche nach Starkregen viel Wasser, laufen die Pumpen unter Volllast.
       Hat es, wie in diesem Sommer, wochenlang nicht geregnet, stehen die meisten
       von ihnen still. Wenn dann Starkregen einsetzt, herrscht Hochbetrieb in dem
       Pumpwerk im Niemandsland zwischen Essen, Gladbeck und Bottrop.
       
       Die Anlagen der [2][Emschergenossenschaft] sind in der Lage, mit Starkregen
       klarzukommen, wie er theoretisch nur alle 250 Jahre fällt. Lange reichte
       das aus. Doch im Sommer 2021 fiel in Hagen am südöstlichen Rand des
       Ruhrgebiets – außerhalb des Einzugsgebietes der Emscher – eine Regenmenge,
       wie sie nur alle 10.000 Jahre vorkommt. Anlagen werden ausgebaut, Deiche
       erhöht, aber nach Ansicht der Genossenschaft gelangt man technisch an die
       Grenzen dessen, was zur Bewältigung der Folgen des Klimawandels noch
       möglich ist.
       
       Entlang der Emscher, die in Holzwickede östlich von Dortmund entspringt und
       in Dinslaken in den Rhein mündet, gibt es drei Betriebsbereiche. Im
       Pumpwerk Bottrop-Boye sind Meybohm und sein Team für den mittleren
       Flusslauf zuständig.
       
       Die Emscher, das ist der Fluss, der das Ruhrgebiet prägt. Er fließt durch
       die Mitte der Fünf-Millionen-Menschen-Region, während die namensgebende
       Ruhr am Südrand des Potts fließt. Der dritte prägende Fluss, die Lippe, vor
       2.000 Jahren ein wichtiger Verkehrsweg für römische Legionen bei ihren
       Versuchen, germanische Stämme zu zivilisieren, liegt im Norden.
       
       Von den drei Flüssen hatte die Emscher das schwerste Los: Während die Ruhr
       für das Trinkwasser des Ruhrgebiets sorgte, wurde aus dem einst 109
       Kilometer langen Fluss, der durch das Emscherbruch, eine Auenlandschaft,
       mäanderte und immer wieder sein Flussbett wechselte, eine 83 Kilometer
       lange Kloake: Die Abwässer von Millionen Menschen und unzähligen
       Industriebetrieben wie Zechen, Stahlwerken und Chemieanlagen flossen in die
       Emscher und ihr aus über 30 Bächen und kleinen Flüssen bestehendes
       Flusssystem. Eine stinkende Brühe voller Gift und Krankheitserreger, die ab
       dem späten 19. Jahrhundert nicht mehr den Weg in den Rhein fand: An immer
       mehr Stellen bildeten sich Seen, überfluteten ganze Stadtteile und ließen
       Seuchen wie Typhus und Cholera ausbrechen.
       
       „Ab den 1870er Jahren“, erklärt der Hattinger Historiker Dietmar Bleidick,
       „merkte man, dass es eine Abwasserkatastrophe gibt.“ Allein im Bereich der
       Emscher waren da schon Hunderte Quadratkilometer Poldergebiet. Heute sind
       es 780 Quadratkilometer, fast die Hälfte der gesamten Emscherregion, zu der
       Gelsenkirchen, Bottrop, Herne, aber auch Duisburg und der Norden Essens und
       Dortmunds gehören.
       
       Auf die Herausforderung reagierten die Städte und Unternehmen des
       Ruhrgebiets auf die bis heute übliche Weise: Man begann 20 Jahre lang
       miteinander über Kosten zu streiten und achtete peinlich genau darauf, nur
       die Interessen der eigenen Stadt oder des eigenen Unternehmens im Blick zu
       behalten. Die bis heute für das Ruhrgebiet typische Kirchturmpolitik kann
       also auf eine Tradition bis zurück in die Kaiserzeit zurückblicken. „Als am
       Ende des 19. Jahrhunderts die Situation derart dramatisch wurde, dass man
       gemeinsam handeln musste“, sagt Bleidick, „hat man sich zusammengesetzt und
       in einer konzertierten Aktion die Gründung eines Abwasserverbandes
       beschlossen.“
       
       ## Ein eigenes Gesetz
       
       Weil der Verband auch besondere Rechte wie das zur Enteignung von
       Grundstücken für eigene Baumaßnahmen benötigte, schuf der preußische
       Landtag 1904 das Emschergenossenschaftsgesetz. Die 1899 gegründete und bis
       heute bestehende Emschergenossenschaft, die dafür zuständig ist, dass die
       Pumpen laufen, erhielt ihren rechtlichen Rahmen. Alle Städte und Kreise im
       Einzugsbereich der Emscher, die Zechen und alle Unternehmen mit einem hohen
       Wasserverbrauch mussten nun bei ihr Mitglied werden. Kanäle und Pumpen
       entstanden, die Zeit, in der ganze Stadtteile im Dreck versanken und
       Seuchen ausbrachen, ging zu Ende. „Dass heute rund 40 Prozent des mittleren
       Ruhrgebiets unter Wasser stünden, wenn die Pumpen nicht rund um die Uhr
       laufen würden“, glaubt Bleidick, „ist den Menschen nicht bewusst.“
       
       Wie auch? Nur an wenigen Stellen im Ruhrgebiet fällt einem auf, dass es
       Poldergebiet ist: Da sieht man dann weit entfernt vom nächsten Fluss Deiche
       zwischen Wäldern und Wiesen. Und auch, dass viele der Teiche im Revier
       nicht nur Enten und Spaziergänger glücklich machen sollen, sondern zugleich
       Regenrückhaltebecken sind, lässt sich nicht einmal auf den zweiten Blick
       erkennen. 28 Meter ist der Boden in Essen-Katernberg nahe dem
       [3][Weltkulturerbe Zeche Zollverein] und in Dortmund in der Nähe der Zeche
       Hansa in Huckarde abgesackt. Geliehenes Land, das es ohne die Pumpen seit
       weit über hundert Jahren nicht mehr geben würde.
       
       Dem Bergbau und der Stahlindustrie verdankt das Ruhrgebiet seine Existenz.
       Ende des 19. Jahrhunderts explodierte seine Einwohnerzahl innerhalb von
       fünfzig Jahren von 1 auf 3 Millionen, um bis 1970 auf 5,2 Millionen
       anzusteigen. Auch heute noch ist die Region zwischen Hamm und Wesel mit 5
       Millionen Menschen das größte Ballungszentrum der Republik. Der Preis
       dafür, dass das Revier zeitweise das industrielle Zentrum Deutschlands war,
       war hoch: verseuchte Bäche, Flüsse und Seen und Bodensenkungen, die in der
       Bundesrepublik einmalig sind.
       
       Die Pumpen laufen zu lassen, damit ganze Stadtteile nicht absaufen, kostet
       Geld. Viel Geld: 288 Millionen Euro flossen 2025 ins Ruhrgebiet und
       kleinere Summen auch in die ehemaligen Bergbauregionen im Saarland und im
       westfälischen Ibbenbüren. Für das Geld kommt die 2007 [4][gegründete
       RAG-Stiftung] auf. Sie muss es mit den Gewinnen aus Beteiligungen und
       Investitionen erwirtschaften. In der Stiftung wurden der Besitz der
       ehemaligen Zechen, eine 40-Prozent-Beteiligung am Wohnungsbauunternehmen
       Vivawest und ein Anteil von 44 Prozent am Spezialchemiekonzern Evonik
       gebündelt. Im Laufe der vergangenen fast 20 Jahre beteiligte sich die
       RAG-Stiftung über ihre Investmenttochter RSBG an zahlreichen Unternehmen.
       Nicht immer mit Erfolg: 269 Millionen Euro hatte die RAG-Stiftung in die
       Signa-Gruppe [5][des österreichischen Betrügers René Benko] investiert. Als
       sein Imperium wie ein Kartenhaus zusammenbrach, mussten 189 Millionen Euro
       abgeschrieben werden.
       
       Doch die Stiftung betreibt keine Pumpen, sie lässt pumpen. Im Ruhrgebiet
       sind das die Emschergenossenschaft, der Lippeverband und die
       Linksniederrheinische Entwässerungs-Genossenschaft, wobei die
       Emschergenossenschaft und der Lippeverband seit 1926 eine
       Verwaltungsgemeinschaft bilden.
       
       Die Genossenschaften sollen dafür sorgen, dass das nördliche Ruhrgebiet für
       alle Zeiten nicht im Wasser versinkt. Es ist eine Aufgabe für die Ewigkeit.
       Wobei Dietmar Bleidick den Begriff Ewigkeit nicht allzu wörtlich nehmen
       will: „Aus Sicht eines Menschenlebens sind Zeitläufe, die sich über drei
       oder vier Generationen erstrecken, schon ewig.“ Man wolle damit ausdrücken:
       „Solange man das Ruhrgebiet zu Siedlungszwecken nutzt, muss man das System
       am Laufen halten.“ Aber wenn das nicht mehr der Fall sei, könne man
       natürlich auch alles volllaufen lassen.
       
       Das Ruhrgebiet gehört nicht zu den Wachstumsregionen Deutschlands. Vor
       allem durch den Zuzug von Flüchtlingen wurde das Schrumpfen seiner
       Einwohnerzahl in den vergangenen zehn Jahren gebremst, aber vor allem im
       nördlichen Ruhrgebiet, der Emscherzone, wo gegen die Überflutung angepumpt
       wird, sind die Perspektiven schlecht.
       
       Gelsenkirchen gehört nach nahezu allen einschlägigen Sozial- und
       Wirtschaftsindikatoren zu den ärmsten Städten Deutschlands. Mit Essen,
       Dortmund, Duisburg, Oberhausen und Herne gehören weitere Städte, die ganz
       oder teilweise im Emschergebiet liegen, bei Arbeitslosigkeit und
       Transferleistungsbezug bundesweit zu den Spitzenreitern. Bei den Einkommen
       liegen sie dagegen weit hinten. Und zum Teil sind hier die Einwohnerzahlen
       massiv zurückgegangen: In Gelsenkirchen, einst eine Stadt mit 400.000
       Einwohnern, leben heute noch 270.000 Menschen. In vielen dieser Städte
       stehen Häuser leer und vergammeln. Die Städte und das Land geben Millionen
       aus, um sie aufzukaufen. Einige werden renoviert, viele aber auch
       abgerissen.
       
       Die wirtschaftlichen Perspektiven des nördlichen Ruhrgebiets sind schlecht,
       seine demografischen ebenso. Schon 2010 forderte Günter Tebbe von der
       Bertelsmann Stiftung Städte im Ruhrgebiet auf, in den Dialog mit ihren
       Bürgern zu treten und nach gemeinsamen Lösungen beim Rückbau der Städte zu
       suchen. Dazu kommt, dass das Laufen der Pumpen davon abhängig ist, dass die
       politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse auf Dauer stabil bleiben.
       Eine ungewisse Wette auf die Zukunft: Deutschland erlebte in den
       vergangenen Jahrhunderten immer wieder Phasen mit Kriegen, Bürgerkriegen
       und wirtschaftlichen Katastrophen. Stabilität mag man sich dauerhaft
       wünschen, garantieren kann sie niemand.
       
       Das weiß auch Uli Paetzel. Paetzel ist seit zehn Jahren
       Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft und des Lippeverbandes:
       „Wir schätzen, dass es zwischen ein und zwei Jahren dauern wird, bis nach
       Abschalten der Pumpen in den Poldergebieten Seen entstehen würden.“ Es
       gehe, auch mit Blick auf die russische Kriegsführung in der Ukraine, wo
       gezielt die Infrastruktur zerstört wird, darum, die Resilienz zu erhöhen.
       Die Emschergenossenschaft, sagt Paetzel, habe damit begonnen, die
       hydrologischen Grundlagen zusammenzustellen, um entscheiden zu können, wo
       man neue Seen entstehen lassen könne. Die tiefsten Poldergebiete seien in
       der Regel die Stellen, an denen die großen Wohnungsbaugesellschaften ihre
       größten Bestände haben. „Mit den Wohnungsbaugesellschaften könnte man
       reden, ihnen diese verbesserten oder andere Lagen anbieten, wenn sie
       beitragen, dass Pumpen abgestellt werden und ein See entstehen könnte.“
       Wichtig sei, dass so etwas geplant passiere und nicht als Ergebnis einer
       katastrophalen Entwicklung.
       
       ## Beliebtes Ausflugsziel
       
       Einen solchen geplanten See kann man sich seit 2011 in Dortmund anschauen:
       Auf dem Gelände des ehemaligen Stahlwerks Phoenix im Stadtteil Hörde ist
       der Phoenix-See entstanden. Aus einer ehemaligen No-go-Area hinter
       Werksmauern wurde ein beliebtes Ausflugsziel und begehrtes Wohngebiet.
       
       Ob es künftig mehrere Phoenix-Seen im Ruhrgebiet geben wird, ist offen. Die
       Pumpen gezielt abzustellen, ist bislang ein Tabu, die Idee von Paetzel so
       logisch, wie sie neu ist. Aber sie könnte eine Perspektive jenseits einer
       angeblichen Ewigkeit eröffnen, die tatsächlich zeitlich eng begrenzt sein
       könnte.
       
       28 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Ende-des-Steinkohlebergbaus/!5557420
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 (DIR) [3] /Zeche-Zollverein-in-Essen/!6000051
 (DIR) [4] https://www.rag-stiftung.de/
 (DIR) [5] /Prozess-gegen-Rene-Benko/!6121093
       
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