# taz.de -- Krankenkassenreform: Neuer Schongang für Pharmaindustrie
> Das Krankenkassen-Sparpaket wollte eigentlich die Pharmaindustrie stärker
> in die Pflicht nehmen. Das soll nun aber wieder aufgeweicht werden.
(IMG) Bild: Alles so schön bunt hier: Medikamente werden immer teurer, die Regierung will deren Preisanstieg bremsen
Die steigenden Kosten für Medikamente sind ein wesentlicher Grund dafür,
dass die hiesige Gesundheitsversorgung teurer wird. Im Rahmen [1][ihrer
Krankenkassenreform] will die Regierung den Preisanstieg deshalb bremsen.
Wie stark die Bremse wirken soll, bleibt aber umstritten. In den
Verhandlungen zeichnet sich nun ab, dass die Pharmaindustrie besser
davonkommen könnte als ursprünglich geplant.
Dies war eines der Themen, die der Gesundheitsausschuss des Bundestages in
seiner Anhörung am Mittwoch verhandelte. Das Parlament hat die Kassenreform
zwar [2][erst im Juli beschlossen], doch die Regierungsfraktionen legten
bereits zahlreiche Änderungsanträge vor. Grundsätzlich geht es darum, die
Finanzlücke der gesetzlichen Krankenversicherung [3][zwischen zu niedrigen
Einnahmen und zu hohen Ausgaben zu schließen.] Dazu sollen die
Patient:innen, Ärzt:innen, Krankenhäuser und Industrie Sparbeiträge
erbringen.
Im Falle der Pharmaunternehmen bestünde der Beitrag darin, dass sie den
gesetzlichen Kassen weniger Kosten für Medikamente in Rechnung stellen.
Während die Firmen momentan einen Rabatt von 7 Prozent auf die Preise
patentgeschützter Arzneimittel gewähren müssen, wollte die ehemalige
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) eigentlich einen flexiblen, höheren
Abschlag einführen, falls die Medikamentenkosten stärker steigen als die
Einnahmen der Kassen. Mittlerweile ist daraus ein fixer Rabatt von 15,5
Prozent geworden, was für die Industrie kalkulierbarer ist. Der erhöhte
Herstellerabschlag sollte eigentlich ab kommenden Jahr gelten.
Doch nun soll dieser noch weiter sinken, teilweise wieder auf das
bestehende Niveau von sieben Prozent. So jedenfalls lautet der Vorschlag
einer Kommission, in der unter anderem Vertreter:innen der Regierung,
Industrieverbände, Krankenkassen und Wissenschaft saßen. Von dem
niedrigeren Rabatt würden aber nur Unternehmen profitieren, die zu einem
gewissen Teil [4][in Deutschland forschen], investieren, produzieren und
ihren Beschäftigten Tariflöhne zahlen. Mit dieser sogenannten
Standortklausel will die Regierung verhindern, dass Pharmafirmen ins
Ausland abwandern und ihre hiesigen Labore und Fertigungen schließen. Auch
will man die große Abhängigkeit von ausländischer Medikamentenherstellung
verringern.
„CDU, SPD und CSU sind komplett vor der Pharmaindustrie eingeknickt und
belasten die Normal- und Geringverdiener in der gesetzlichen Krankenkasse
mit einer Milliarde Mehrkosten, für deren Finanzierung kein Konzept
vorliegt“, kritisierte die Leipziger Grünen-Abgeordnete Paula Piechotta.
Von dem ursprünglichen Einsparbeitrag der Industrie von 4,1 Milliarden Euro
jährlich blieben so nur noch etwa 1,6 Milliarden Euro übrig, rechnete sie
vor. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen
(GKV-Spitzenverband) setzte den Betrag noch geringer an. Der Verband der
forschenden Pharma-Unternehmen sagte dagegen, so teuer sei die Regelung
nicht.
„Den nun vorliegenden Vorschlag zur Ausgestaltung einer Standortklausel
lehnen wir ab und unterstützen das Gegenvotum des GKV-Spitzenverbandes“,
betonte Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes. „In
Folge wäre damit zu rechnen, dass der erhöhte Herstellerabschlag nahezu
wirkungslos wird.“ Reimann schlug ein Alternativmodell vor:
Pharmaunternehmen, die die Standortkriterien nicht erfüllen, sollten höhere
Rabatte gewähren müssen und damit die niedrigeren Abschläge für Firmen mit
hiesiger Produktion finanzieren.
Die Kommission, die den Vorschlag unterbreitete, hat selbst keine Lösung
für die absehbare neue Lücke in den Kassenfinanzen präsentiert. Dafür habe
zu wenig Zeit zur Verfügung gestanden. „Die Entscheidung über die
Gegenfinanzierung einer erweiterten Standortklausel muss auf politischer
Ebene getroffen werden“, heißt es im Kommissionsbericht.
Die Verbände der Pharmaindustrie begrüßten die Standortklausel, forderten
aber weitere Verbesserungen. In den vergangenen Monaten hatten sie mit
Abwanderung und der Absage von Investitionen gedroht, sollte die Politik
ihren Bedürfnissen nicht nachkommen. Manche Unternehmen der Branche stehen
unter Druck etwa durch die höheren Importzölle der USA.
7 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Gesundheitsreform/!6171983
(DIR) [2] /Krankenversicherung-in-Deutschland/!6195015
(DIR) [3] /Sparplaene-fuer-das-Gesundheitssystem/!6170382
(DIR) [4] /Alzey-ohne-Lilly/!6184803
## AUTOREN
(DIR) Hannes Koch
## TAGS
(DIR) Gesundheitspolitik
(DIR) Krankenkassen
(DIR) Pharmaindustrie
(DIR) Sparen
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Specht der Woche
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Krankenkassenreform: Mit der versteckten Kamera in der Psychatrie
Dank der Krankenkassenreform wird es schwieriger, an einen Therapieplatz zu
kommen. Für Menschen mit Behinderung braucht es mehr Plätze und Personal.
(DIR) Debatte um Krankenversicherung: Merz sorgt für Aufregung, Union verteilt Beruhigungspillen
Mit seiner Äußerung zum ungerechten System der Krankenversicherung hat der
Kanzler eine Debatte losgetreten. Nur der zuständige Minister schweigt.
(DIR) Reform gesetzlicher Krankenversicherung: Die medizinische Versorgung wird sich verschlechtern
Die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung wurde als großer Wurf
versprochen. Doch nun wird die Versorgung schlechter und nicht besser.