# taz.de -- Verdacht auf Vorteilsgewährung: Ermittlungen gegen den nächsten Genossen
> Niedersachsens Landtag hat die Immunität des SPD-Fraktionschefs Politze
> aufgehoben. Gegen ihn gibt es ähnliche Vorwürfe wie gegen Krach in
> Berlin.
(IMG) Bild: Immunität aufgehoben: Stefan Politze (im Hintergrund der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Wiard Siebels)
Als der Fraktionsvorsitzende der SPD Stefan Politze am Mittwochmorgen den
Plenarsaal des niedersächsischen Landtages betritt, liegen die Fotografen
und Kameraleute schon auf der Lauer. Auch vor seiner Wohnanschrift und vor
der SPD-Parteizentrale in der Odeonstraße haben einige Position bezogen,
aber die angekündigten Durchsuchungen lassen erst einmal lange auf sich
warten.
Es kommt nicht so häufig vor, dass die Immunität eines
Fraktionsvorsitzenden aufgehoben werden muss, damit bei ihm durchsucht
werden kann. Politzes Genossen bemühen sich erst einmal, mit vollem
Körpereinsatz Unterstützung zu signalisieren. So viel Händeschütteln,
Schulternklopfen und Umarmen gibt es sonst nicht oft. Mancher stellt sich
auch betont breitbeinig den Kameraobjektiven in den Weg.
Politze bemüht sich um Gelassenheit. Nachdem seine Immunität aufgehoben
wurde, tritt er kurz vor die Presse und sagt noch einmal, was er in den
vergangenen Tagen schon gesagt hat: Ihm sei nicht einmal bekannt, was ihm
eigentlich vorgeworfen wird. Er sei sich keiner Schuld bewusst. Er werde
vollumfänglich kooperieren.
In den lokalen Medien, vor allem der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung
(HAZ), war zu diesem Zeitpunkt allerdings längst durchgesickert, worum es
gehen sollte: Ähnliche Vorwürfe wie die, die auch [1][Steffen Krach im
Berliner Wahlkampf kalt erwischt hatten.] Es geht um das Bieterverfahren
rund um das alte Klinikgelände in Lehrte.
## Neue und alte Vorwürfe zum Klinikverkauf
Das Klinikum Lehrte war Teil des Krankenhausverbundes der Region Hannover
(KRH), es wurde nach langen und heftigen Diskussionen geschlossen. An
seiner Stelle soll ein Regionales Gesundheitszentrum entstehen, das hatte
Krach – damals noch Regionspräsident und nicht Spitzenkandidat der Berliner
SPD – den aufgebrachten Lehrter Bürgern mehrfach versprochen.
Das riesige Areal rundherum soll von einem Privatunternehmen zu einem
Gesundheits- und Pflegecampus entwickelt werden. Zwei Bieter waren am Ende
noch im Rennen: die Hahne-Gruppe aus Garbsen und der Burgdorfer Unternehmer
Gaurav Garg.
Krach macht keinen Hehl daraus, dass ihm das Konzept von Garg besser gefiel
und dass er sich im Aufsichtsrat des KRH deshalb für ihn eingesetzt hat.
Die große Frage ist – und darum drehen sich die staatsanwaltschaftlichen
Ermittlungen –, ob Krach bei diesem Einsatz weiter gegangen ist, als er
durfte.
Weil Garg sein Angebot in letzter Minute noch einmal deutlich nachbesserte,
entstand der Verdacht, jemand könnte interne Informationen an ihn
durchgestochen haben. Außerdem hat der Unternehmer über eines seiner
Tochterunternehmen eine Geldspende an die Berliner SPD veranlasst. Krach
beharrt aber darauf, dass diese Spende umgehend zurückgewiesen worden sei
und er während des Bieterverfahrens in keinerlei persönlichem Kontakt zu
Garg gestanden habe.
Nun geht das Gerücht um, Politze sei möglicherweise das fehlende
Bindeglied. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung berichtet, die Ermittler
hätten bei einer Durchsuchung bei dem Unternehmer im Mai Hinweise auf
entsprechende Kommunikation gefunden. Angeblich soll sich Politze auch für
die Rücküberweisung der Spende eingesetzt haben, weil ihm die Zuwendung
unzureichend verschleiert vorgekommen sein soll.
Die HAZ bringt aber plötzlich auch noch eine andere Begründungsvariante für
diese Spende ins Spiel: Demnach könnte diese vielleicht im Zusammenhang
damit stehen, dass sich Politze für eine beschleunigte Baugenehmigung für
eine Pflegeschule desselben Unternehmers in Isernhagen eingesetzt habe.
Zweifelsfrei belegt und bewiesen ist bisher aber nichts davon. Für alle
Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.
[2][Die Staatsanwaltschaft hat zwar die Ermittlungen bestätigt], will sich
zu Details aber auf keinen Fall äußern. Kein Wunder, das ist
ermittlungstaktisch ja auch eher ungünstig. Auffällig ist jedenfalls: Der
erste Antrag der Staatsanwaltschaft an den Landtag, Politzes Immunität
aufzuheben, stammt vom 7. September – also aus der Zeit, in der auch die
Durchsuchungen in Krachs Privat- und Büroräumen vorbereitet wurden.
Trotzdem wurde der Beschluss erst in der Oktobersitzung und nicht schon im
September gefasst.
Wenn man nun annimmt, dass kein Geld oder sonstige Vorteile im Spiel waren,
bleibt von außen betrachtet allerdings ein wenig rätselhaft, warum sich die
Genossen ausgerechnet für Garg so begeistern. Der führt zwar seit fast
zwanzig Jahren mehrere Pflegeheime und artverwandte
Dienstleistungsunternehmen in Burgdorf, verfügt aber auch über Dutzende
weitere Unternehmen.
Die tragen so hochseriöse Bezeichnungen wie „1. BIG Projekt GmbH“, „2. BIG
Projekt GmbH“ und „Projektaris GmbH“. Einige groß angekündigte
Immobilienprojekte liegen seit Jahren brach. Und dann ist da ja auch noch
die Geschichte, die für Sozialdemokraten ein vielleicht noch viel größeres
Alarmzeichen sein sollte: Seit April 2024 gibt es Vorwürfe, Garg würde
indische Pflegekräfte ausbeuten. Das NDR-Magazin „Panorama“ hat darüber
mehrfach berichtet.
Demnach lässt der Unternehmer ahnungslose Pflegekräfte, die er aus Indien
geholt hat, notarielle Schuldanerkenntnisse unterschreiben. Die verschaffen
ihm auf 30 Jahre hinaus das Recht, fünfstellige Beträge (mal sind es 10,
mal 20, mal 30.000 Euro) einzutreiben, wenn die Arbeitnehmer ihren Job bei
ihm nicht mindestens drei Jahre ausüben.
## Weitere Affäre Politze auf kommunaler Ebene
Der Name Politze taucht allerdings noch im Zusammenhang mit einem anderen
Konflikt auf. Stefan Politzes Gattin, Kerstin Klebe-Politze, liegt gerade
mit der Stadtverwaltung im Clinch. Nach der [3][Affäre um Hülya Iri] hatte
das städtische Rechnungsprüfungsamt noch einmal alle Anträge auf
Verdienstausfall geprüft und auch die von Klebe-Politze, damals Vorsitzende
der SPD-Ratsfraktion, für nicht hinreichend belegt befunden.
Es geht dabei vor allem um Klebe-Politzes Tätigkeit für eine
Personengesellschaft, die sie gemeinsam mit ihrem Mann betreibt. Die
„Politze & Klebe-Politze GbR“ hütet ihre Geschäftsgeheimnisse so
erfolgreich, dass sie öffentlich praktisch nicht in Erscheinung tritt –
niemand weiß genau, was sie macht oder wer ihre Kunden sind.
Nach Angaben, die Klebe-Politzes Anwalt [4][dem Politikmagazin Rundblick
gegenüber] gemacht hat, ist Frau Politze damit aber „regelmäßig über 60
Stunden die Woche“ beschäftigt, zusätzlich zu dem Mini-Job als pädagogische
Mitarbeiterin an einer Grundschule, dem anspruchsvollen Ratsmandat und
ihrer umfassenden Präsenz bei Parteiveranstaltungen.
Welche Einkünfte ihr Mann aus diesem Unternehmen bezieht, ist dagegen
unklar. Theoretisch müssten diese Einkünfte zwar veröffentlicht werden, der
niedersächsische Landtag bekommt dies aber schon seit Jahren nicht hin,
weil er sich so lange mit der Prüfung der gemeldeten Nebeneinkünfte
beschäftigt, bis die Angaben überholt sind oder die Legislaturperiode
beendet ist.
7 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ermittlungen-gegen-Steffen-Krach/!6212226
(DIR) [2] /Durchsuchungen-bei-SPD-Kandidat-Krach/!6212431
(DIR) [3] /Mutmasslicher-Subventionsbetrug/!6183624
(DIR) [4] https://rundblick-niedersachsen.de/ueber-den-rundblick
## AUTOREN
(DIR) Nadine Conti
## TAGS
(DIR) Landtag Niedersachsen
(DIR) SPD Niedersachsen
(DIR) Steffen Krach
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