# taz.de -- Jugendzentrum im Visier: Das Feindbild eines roten Göttingen
> Das Finanzamt Göttingen will das linke Jugendzentrum Juzi auf Antifa-Nähe
> überprüfen. Das reiht sich ein in weitere Attacken auf linke
> Institutionen.
(IMG) Bild: Unbequem und trotzdem da, die JUZI Antifa
Wohlwollend könnte man ja einfach zu dem Punkt kommen: Na, die machen da im
Göttinger Finanzamt nur ihre Arbeit. So ist halt die Rechtslage. Und die
wollen vom selbstverwalteten Jugendzentrum Innenstadt (Juzi) einfach ein
paar Unterlagen, dass das mit der Gemeinnützigkeit schon so seine Ordnung
hat. Erklärt uns Finanzbeamt:innen doch nur, wie es zusammenpasst,
dass ihr als Verein zwar keine „einzelnen politischen oder religiösen
Gruppen“ unterstützt – aber auf eurer Homepage „diverse Verweise auf
Veranstaltungen mit Bezug zur ‚Antifa‘“ zu finden sind.
Doch Wohlwollen ist hier ganz offensichtlich nicht angebracht. Schließlich
ist es ein ziemlich dreister Schritt, dass das Göttinger Finanzamt gerade
jetzt zur Entscheidung gekommen ist, [1][den gemeinnützigen Trägerverein
des Juzi daraufhin zu überprüfen], ob der es mit politischem Engagement bei
seiner Jugendarbeit auch vorschriftsmäßig hält. Zurecht spricht das Juzi
nun von einem „politischen Angriff auf unabhängige Jugendarbeit und Kultur,
auf Antifaschismus und Selbstorganisation und auf unser Haus“.
Seit bald 45 Jahren gibt es am Hang des Göttinger Stadtwalls das Juzi. Im
schrammeligen, von außen mit zig Graffiti besprühten Gründerzeithaus
treffen sich – oh Gott – feministische Antifagruppen, da wird kollektiv
gekocht, es gibt Proberäume und Holzwerkstätten, es werden Partys und
Konzerte organisiert. Dass das Juzi in der linksgeprägten Unistadt ein
Zentrum antifaschistischer Bewegungen ist, ist wirklich keine neue
Erkenntnis.
Dass es nun ein ernsthaftes Interesse des Finanzamts an einer Überprüfung
gibt, erscheint darum nicht nur dem Juzi als kein Zufall. Tatsächlich
zeichnet sich in Göttingen in diesen Monaten ein ziemlich konsistentes Bild
des bundesweiten Rechtsrucks in seinen vielfältigen Schattierungen ab. Denn
nicht nur das Juzi ist unter Beschuss, die ganze Breite linker Bewegungen
wird attackiert.
So wurden Ende vergangenen Jahres dem linken Solidaritätsverein Rote Hilfe,
der seinen Sitz seit der Neugründung vor 51 Jahren in Göttingen hat, von
der GLS-Bank und der Sparkasse Göttingen aus heiterem Himmel die Konten
gekündigt. Die Sparkasse verwies auf einen Spendenaufruf des Vereins zur
Unterstützung von Angeklagten in „Antifa-Ost-Verfahren“ sowie von in Ungarn
inhaftierten Antifaschist:innen. Vor Gericht konnte sich die Rote Hilfe –
vorerst – erfolgreich dagegen wehren.
## Und die nächste Attacke
Im März erfolgte die nächste Attacke: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer
schloss mit der „Roten Straße“ einen der ältesten linken Buchläden im Land
vom Buchhandlungspreis aus. [2][Gegen den Buchladen hätten
„verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ vorgelegen] – Steuergelder
dürften nicht für politische Extremisten eingesetzt werden, fand Weimer.
Im Juni dann wäre beinahe ein 23-jährige Antifaaktivist ums Leben gekommen,
[3][nachdem ein noch minderjähriger Rechtsextremer mit einem Messer auf ihn
einstach.] Der 17-Jährige war Teil einer „jungen rechten Crew“, wie es ein
Szenekenner formulierte, die zuvor monatelang versucht hatte, die linke
Hegemonie in Göttingen ins Wanken zu bringen: Sie beschmierte Gedenktafeln,
besprühte Hauswände mit rechten Graffiti oder – und hier schließt sich der
Kreis – beschoss das Juzi mit Silvesterraketen.
Nun ist bisher nicht bekannt, was sich die Verantwortlichen im Göttinger
Finanzamt bei der Entscheidung zur Überprüfung des Juzi gedacht haben. Dass
sie sich damit im Ergebnis Seit' an Seit‘ mit Jungnazis in einen Kampf
einreihen, der sich gegen das Feindbild eines roten Göttingen richtet,
müsste aber doch zu denken geben.
24 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Goettinger-Jugendzentrum-unter-Druck/!6222228
(DIR) [2] /Deutscher-Buchhandlungspreis/!6159761
(DIR) [3] /Linke-Hochburg-Goettingen/!6191085
## AUTOREN
(DIR) André Zuschlag
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) wochentaz
(DIR) Jugendzentrum
(DIR) Göttingen
(DIR) Gemeinnützigkeit
(DIR) Schwerpunkt Antifa
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Gesucht wegen Angriffen in Budapest: Antifaschist Gino Abazaj stellt sich der Polizei in Hannover
Seit Jahren fordert Ungarn die Auslieferung des albanischen Antifaschisten
Gino Abazaj. Nun stellte er sich selbst auf einer Polizeiwache in Hannover.
(DIR) Neue Vorwürfe gegen Elif Eralp: Die Rote Hilfe ist wichtiger denn je
Eine linke Juristin war Mitglied einer linken juristischen Organisation, wo
ist der Skandal? Elif Eralp muss sich für nichts schämen – im Gegenteil.
(DIR) Antifa-Prozess in Budapest: „Lass dich nicht einschüchtern!“
Antifaschist*in Maja T. wird vor dem Berufungsgericht in Ungarn zu
sieben Jahren Haft verurteilt. Anwälte fordern die Überstellung nach
Deutschland.