# taz.de -- Die Wahrheit: So geht Hinterbank, nein, Volkspartei!
> Nicht nur die siechende deutsche Sozialdemokratie hat es jetzt raus:
> Nostalgie-Polit-Events ziehen Massen an.
Für intelligente Zwischenrufe bin ich besonders dankbar, da entfaltet sich
mein rhetorisches Talent“, schnarrt der Hanseat mit dem
rasiermesserscharfen Seitenscheitel und dem Habitus des intellektuellen
Überfliegers. Natürlich glimmt im Aschenbecher auf dem Rednerpult die
obligatorische Menthol-Zigarette. Die Kopie ist perfekt, jedes Detail
stimmt.
Auf der großen Bühne eines Kongresszentrums in Dinslaken scheint Helmut
Schmidt von den Toten auferstanden. Das überwiegend ältere Publikum klebt
an den Lippen des Sozialdemokraten. Manche können sämtliche seiner Reden
auswendig mitsprechen, andere fallen nur beim Refrain „Zieh mit: Wähl
Schmidt“ ein. Bei der Bundestagswahl 1976 fuhr die SPD mit diesem Slogan
42,6 Prozent ein, landete damit aber noch hinter der CDU/CSU.
„So geht Volkspartei“, raunt ein ergrauter Gesamtschulrektor, der für das
Tribute-Event „The Very Best of Deutsche Sozialdemokratie“ eigens aus
Ostwestfalen angereist ist.
Dabei gibt „Schmidt-Schnauze“ an diesem Abend nur die Vor-Band. Danach
interpretieren originalgetreue Kopien von Stars wie Herbert Wehner und
Johannes Rau die beliebtesten Wahlkampfschlager von „Frieden, Freiheit,
Sozialismus“ bis „Bildung für alle“ vor 800 begeisterten Zuschauern. „So
was habe ich in meiner Jugend immer gern in der Dorfdisco gewählt“,
schwelgt Bürokauffrau Doro Sievers aus Wesel in Erinnerungen.
Mit der real existierenden sozialdemokratischen Partei hat der
Tribute-Abend allerdings nichts zu tun. Denn gleichzeitig spricht der
aktuelle Vorsitzende Lars Klingbeil im kleinen Saal des Kongresszentrums
vor einem guten Dutzend mäßig Interessierter über die Mühen der
Koalitionsarbeit.
## Leere Ränge für Volksparteien
„Kein Kommentar“, zeigt sich der ausrichtende Kreisverband schmallippig,
als wir die Organisatoren auf den wesentlich erfolgreicheren
Nostalgie-Event ansprechen. Dabei betrifft das Problem nicht nur
Sozialdemokraten. Beide Volksparteien spielen ihr neues Material vor
weitgehend leeren Rängen, während Tribute-Parteien wie „AC/DC/DU“ oder „The
Björn Engholm Experience“ mit Coverversionen der alten Hits die Stadthallen
vor allem in der alten Bundesrepublik füllen. Mit der A-cappella-Truppe
„Being Green“ oder dem Duo „Trampert & Ebermann“ beschwören sogar erste
grüne Tribute-Acts basisdemokratische Gefühle aus den Achtzigern herauf.
Solche Feelgood-Vibes zu verbreiten, gelingt zeitgenössischen Polit-Artists
immer weniger, auch wenn sie sperrige Inhalte wie Klimakrise oder den
aufziehenden Faschismus längst konsequent meiden. „Ich werde überhaupt
nicht mehr gebucht“, beschwert sich der rheinland-pfälzische
CDU-Ministerpräsident Gordon Schnieder. Tatsächlich sind sämtliche Venues
in dem Bundesland von dem Helmut-Kohl-Tribute-Act „The Great Oggersheimer“
belegt, der mit einem drolligen Sidekick („Die Rente ist sischä!“) ein
„authentisch konservatives Erlebnis ohne böses Erwachen“ verspricht.
Bekannt ist das Phänomen der Tribute-Doubletten aus dem Musikbusiness.
Gerade das alternde Publikum der musikalischen Mitte goutiert fast nur noch
bewährte Inhalte, die von austauschbaren Dienstleistern möglichst
überraschungsfrei dargeboten werden: Newcomer finden kaum noch Zuhörer,
künstlerische Weiterentwicklungen werden gnadenlos abgestraft. Auch einst
erfolgreiche Top-Acts müssen mittlerweile unter demütigenden
Verballhornungen wie „Fink Ployd“ oder „Müllermarius Hesternwagen“ als
Imitationen ihrer selbst auftreten.
Sogar bei den Abba-Hologrammen handelt es sich in Wahrheit um die
leibhaftigen Schweden, die sich ihre Rente aufbessern müssen, nachdem die
Band ihre Tantiemen mit übergeschnappten Konzeptalben über
Poststrukturalismus, Thermodynamik und Kohlmeisen verpulvert hat.
Allerdings ist der Unterschied zwischen Original und Kopie im digitalen
Spätkapitalismus kaum noch relevant. Entscheidend ist nicht, wer auf der
Bühne steht, sondern wer die Markenrechte an den Artists besitzt. Bislang
gehörten die Toten Hosen etwa der Brauerei Diebels und dem Bonbonhersteller
Storck („Campino“), jetzt wurde die abgewrackte Band für einen eisgekühlten
Bommerlunder und zwei belegte Brote an den Sensenmann verkauft.
## Knallcharge als Kanzlerdarsteller
Auch Friedrich Merz hat sämtliche Rechte an Person und Werk schon vor
Jahren der Investmentgesellschaft Blackrock übertragen. Der scheue
Ex-Politiker züchtigt heute Shetlandponys auf seinem Gestüt im Sauerland,
während eine gemietete Knallcharge als Kanzlerdarsteller durch die Republik
tourt, um eine alte Partyplaylist mit dem „Neoliberalsten aus den
Neunzigern und von heute“ vor immer leereren Tanzflächen aufzulegen. Das
Merz-Fiasko ist Ergebnis einer kapitalen Fehleinschätzung seiner A&R- und
Hedgefonds-Manager: Nichts ist so passé wie der heiße Scheiß von gestern.
Nostalgie setzt erst ein, wenn der Verwesungsgeruch verflogen ist. Die
neoliberale Kanzler-Show „CDU pur“ ist 2026 deswegen so aussichtslos wie
die Comebackversuche von VIVA-Moderatoren.
„Stefan Raab ist sooo Neunziger“, meint auch 80er-Girl Doro aus Dinslaken,
als wir ihr ein Foto vom Artist formally known as Friedrich Merz vorlegen.
In der Pause haben wir sie und ihren Mann Dieter am Merch-Stand wieder
getroffen. „Wir mögen handgemachte, ehrliche Politik und glaubwürdige
Persönlichkeiten“, sagt das Paar aus Wesel und deckt sich mit billigen
Bandshirts aus Bangladesch ein. Doro kauft eines mit dem Konterfei von
Heidemarie Wieczorek-Zeul und dem Schriftzug „Who’s that Girl?“, während
sich Dieter für sein Idol „Kurt Cobain Schumacher“ entscheidet.
Den Headliner des Abends gibt natürlich der Jesus-Christ-Boomerstar der
deutschen Nachkriegsdemokratie. Als das Willy-Brandt-Double in der typisch
kehligen Intonation „Mehr Demokratie wagen“ anstimmt, werden Feuerzeuge
geschwenkt und gegen jede biologische Wahrscheinlichkeit Kinder gezeugt.
Ein Hauch von Optimismus liegt in der Luft, womöglich sogar Hoffnung.
Doch pünktlich um 22.30 Uhr ist der Spuk vorbei. Eine Putzkolonne fegt
Flugblätter und offene Briefe aus der Halle, morgen wird der große Saal im
Dinslakener Kongresszentrum wieder gebraucht. Dann spielt die Sturmtruppe
„Alice & The Boys (from Brazil)“ vor restlos ausverkauftem Haus. Denn
nichts trendet derzeit so auf dem deutschen Nostalgiemarkt wie der
verflucht authentische Tribut, den die AfD dem Nationalsozialismus zollt.
24 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Christian Bartel
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