# taz.de -- Die Wahrheit: Hollywood im Hühnergebirge
       
       > Die Tschechische Woche der Wahrheit: Die Produktion böhmischer
       > Märchenfilme in der realsozialistischen Studiowelt war extrem hart.
       
 (IMG) Bild: Sogar ihre Kulissen mussten die Märchenfiguren selber tragen
       
       Die tschechische Traumfabrik liegt gut versteckt im südböhmischen
       Hühnergebirge. Deswegen fragen wir den sprechenden Esel, der am Ortseingang
       des Weilers Popelku grast, nach dem Weg. Als wir dem Tier das goldene Ei
       der Drachenglucke vom Gipfel Kohout bringen, händigt er uns sogar einen
       laminierten Besucherausweis aus, der uns zum Eintritt in die berühmten
       Moravia-Filmstudios berechtigt. Hier hat der Siegeszug des
       tschechoslowakischen Märchenfilms seinen Ausgang genommen, der Bildschirme
       auf der ganzen Welt eroberte, das slawische Bindestrichland aber spaltete.
       
       Kennt man aus dem West-TV vor allem den Weihnachtsblockbuster „Drei Nüsse
       für Aschenbrödel“, in dem die Hungerlöhne kapitalistischer Märchenparks
       angeprangert werden, sendeten die Flimmerkisten im Ostblock rund um die Uhr
       Sagenhaftes von Moravia. Unterbrochen wurde das Märchenprogramm im
       Sendebereich des Warschauer Pakts nur von gelegentlichen
       „Schwanensee“-Aufführungen.
       
       „Wir haben gar nicht gewusst, dass es andere Filme gibt“, erklärt uns
       Fremdenführerin Franta Mangova. „Exakt 3005 Zelluloidmärchen liefen hier
       monatlich vom Band. Damit war das böhmische Fairywood produktiver als
       Holly- und Bollywood zusammen.“
       
       Verantwortlich für die gewaltige Produktionsmenge war ein fehlendes Komma
       in den Plänen der tschechoslowakischen Kulturkommission – die Behörde hatte
       1953 ein Soll von 3,005 Märchenfilmen festlegen wollen. Als Stalin von dem
       peinlichen Fehler der Prager Genossen erfuhr, riss es ihn vor Wut in der
       Mitte entzwei. Nachfolger Chruschtschow fürchtete, vom bildgewaltigen
       US-Imperialismus überflügelt zu werden, und schickte die böhmische
       Märchenfilmindustrie in einen selbstmörderischen Wettlauf mit Walt Disney.
       
       ## Kunstgarn im Akkord
       
       „Schon in den Sechzigern waren unsere traditionellen Erzählquellen
       versiegt“, erzählt Franta. „Deswegen mussten wir unsere Märchen mit
       synthetischen Ersatzstoffen strecken.“
       
       Trotzdem gelten jene Jahre als goldene Ära des ČSSR-Filmkunstmärchens: Vom
       phonetisch anspruchsvollen „Koťátko – das Kätzchen mit den diakritischen
       Pfötchen“ (1963) über den Akademiker-Alb „Der Riese Polynom und die
       Bunjakowski-Vermutung“ (1965) bis zum tschechisch-tschuktschischen Epos
       „Tschubais und Tschuntschula“ (1967) wurde im Moravia- Märchenwald immer
       extravanganteres Kunstgarn gesponnen, doch lastete der Akkord-Druck schwer
       auf den Werktätigen.
       
       1968 versuchte Alexander Dubček ein Märchen-Moratorium durchzusetzen,
       nachdem sich die überarbeitete Hexendarstellerin Edita Brzková selbst in
       einen Ofen geschoben hatte. Doch die Russen walzten den Protest mit ihren
       Kürbiskutschen nieder, und im TV wurde wieder einmal „Schwanensee“ gezeigt.
       
       ## Versteckte Systemkritik
       
       Unter schwierigsten Bedingungen arbeiteten die Moravia-Studios weiter. Um
       die Versorgung mit Märchenstoff zu gewährleisten, wurde in den 1970ern
       immerhin die Zensur gelockert.
       
       „Neben versteckter Systemkritik konnten jetzt auch fragwürdige Obsessionen
       artikuliert werden“, erzählt die Führerin und spielt damit auf die
       Erfolgsserie „Pan Tau“ an, in der sich ein erwachsener Mann in Gegenwart
       von Kindern zwanghaft an der Melone reibt.
       
       Doch trotz solcher Fehlgriffe galt der böhmische Märchenfilm im Westen bis
       zum Fall des eisernen Vorhangs als pädagogisch ebenso wertvoll wie
       Waldorfschulen oder Holzspielzeug.
       
       „Wir mussten weiter produzieren, um an Devisen zu kommen“, erinnert sich
       Franta Mangova. Als der Realsozialismus kollabierte, waren Moravia längst
       die Happy Ends ausgegangen. Als letzter Film wurde der tieftraurige
       Streifen „Bettelmann und Bettelmann“ abgedreht, dann gingen in den Studios
       die Lichter aus.
       
       ## Gnom auf dem Regiestuhl
       
       Eigentlich hatten die Vertreter der Samtenen Revolution einen Übergang in
       eine pluralistische Genrevielfalt von Bohemian Noir bis zur Karpatenkomödie
       geplant, doch Bruderzwist und Weltmarktkonkurrenz verhinderten die
       Transformation. „Den slowakischen Neorealismus verstanden nicht einmal
       Tschechen ohne Untertitel, und der böhmische Superheldenfilm konnte sich
       einfach nicht durchsetzen“, seufzt Mangova. Nach einem unrühmlichen
       Zwischenspiel als Drehort für billige Porno-Remakes („Sechs Bären und ein
       Clown“) wurden die Moravia-Studios Mitte der Neunzigerjahre endgültig
       geschlossen.
       
       Mittlerweile hat sich die Mythologie das Studiogelände zurückgeholt. „Die
       Quellen unter dem Hühnergebirge sprudeln wieder“, sagt Franta Mangova. In
       den verlassenen Sets fuhrwerken wilde Schrate und divenhafte Nixen, auf
       einem Regiestuhl sitzt ein Gnom mit Hornbrille. Doch dann verdunkelt sich
       der Himmel, und wir müssen überstürzt die Flucht zurück nach Prag antreten.
       Die Drachenglucke vom Gipfel Kohout fordert ihr goldenes Ei zurück.
       
       6 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Bartel
       
       ## TAGS
       
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