# taz.de -- Die Wahrheit: Baden mit Nazis
       
       > Wird die Idylle am See zwischen Mecklenburg-Vorpommern und
       > Schleswig-Holstein von unappetitlichen Körperbildern gestört, heißt es
       > Bestzeit schwimmen.
       
       Neulich war ich an meinem Lieblingssee. Der lag bis zur Wende versteckt im
       Zonenrandgebiet zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein.
       Messerscharf war die innerdeutsche Grenze durch das Gewässer gezogen
       worden. Gebadet werden durfte nur im ideologischen Sumpf am jeweiligen
       Systemufer. Republikflüchtige Fischlein wurden von DDR-Grenzern sofort aus
       dem Wasser gezogen, während der Klassenfeind vom Westufer die Ost-Döbel mit
       besonders fetten Würmern für den Kapitalismus zu ködern versuchte.
       
       Heute geht es im gesamtdeutschen See zu wie überall auf der Welt. Die
       Raubfische frönen demonstrativ ihrem vulgären Sozialdarwinismus, während
       sich die Friedfische in biologische Nischen oder ins Privatleben
       zurückgezogen haben.
       
       Am Ostufer muss sich der Besucher die öffentlichen Badestellen mit
       Rechtsradikalen teilen. Das legen jedenfalls die AfD-Wahlergebnisse nahe.
       Am Westufer gibt es zwar auch Wahlen, aber weit weniger öffentliche
       Badestellen.
       
       Zum Glück sieht man Badenden ihre Gesinnung nicht an, sodass der Anschein
       der Sommeridylle gewahrt bleibt. Als ich mich im Strandbad auf
       Mecklenburger Seite zu Wasser lasse, muss ich diese Einschätzung
       revidieren: Neben mir taucht ein echter Bilderbuch-Nazi auf.
       
       ## Gotische Tattoos
       
       Er ist übersät mit Tätowierungen, die jeden Verfassungsschützer zur
       Verzweiflung bringen dürften. Die Motive sind zwar klar rechtsradikal, aber
       so stümperhaft ausgeführt, dass die Volksverhetzung kaum nachzuweisen ist.
       Auf der Plauze des Mannes steht in gotischen Krakeln eine verbotene
       SS-Losung, aber typografisches Unvermögen, fleischlicher Aufwuchs und
       Bauchbehaarung haben das Schriftbild irreversibel zerstört.
       
       Genauso plausibel ließe sich von der gewölbten Leinwand „Meine Ehre heißt
       Bratwurst“ ablesen. Auf der rechten Brust des Mannes prangt ein
       deformierter Teletubbie in Eichenlaub. Der Tintenstich soll vermutlich
       Rudolf Heß darstellen, aber genauso könnten auch John Lennon oder Ricarda
       Lang porträtiert sein.
       
       An einem Ostseestrand bin ich vor Jahren einem jungen Mann begegnet, der
       großformatige Pflaster am bebilderten Leib trug. Weil ich darunter
       Schürfwunden vermutete, hatte ich rasche Genesung gewünscht, was den
       Tätowierten total verunsichert hat. Von Szenekundigen wurde ich damals
       verspottet: Mit solchen Pflastern decken Nazis verbotenes Bildwerk ab,
       belehrte man mich, trotzdem war ich mit meiner Reaktion nicht unzufrieden
       gewesen.
       
       Vielleicht sollte ich dem Schrödinger-Nazi auch „Gute Besserung“ wünschen,
       doch dann entscheide ich mich, die Ambivalenz der Körperkunst gegen ihren
       Träger zu verwenden. Ich zeige auf seine Brust und beglückwünsche den
       Bilderbuch-Nazi zum gelungenen Ricarda-Lang-Tattoo. Allerdings traue ich
       mich nicht, seiner Gesichtsentgleisung beizuwohnen. Stattdessen schwimme
       ich eine neue Bestzeit.
       
       15 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Bartel
       
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