# taz.de -- Die Wahrheit: Jetzt übernimmt Spahn den Laden
       
       > Als Reaktion auf bürgerliche Ängste nach der Berlin-Wahl kommt es zu
       > einer Privatisierung der Linkspartei.
       
 (IMG) Bild: Da ahnte der linke Schalträger noch nichts
       
       „Enteignet die Verbrecher!“, skandieren die Protestierenden lautstark vor
       der Zentrale der Linken in Berlin. Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches,
       immerhin hat die Partei im vergangenen Wahlkampf höchst erfolgreich auf
       dieses Thema gesetzt, nachdem zuvor schon ein Volksentscheid mehrheitlich
       die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände in der Hauptstadt gefordert
       hatte.
       
       Doch die vielen Anzug tragenden Herren und die wenigen Damen im
       Businesskostüm, die sich heute vor der Bundesgeschäftsstelle der Linken in
       Berlin-Mitte versammelt haben, gehören eher nicht zur Kernwählerschaft der
       Partei. Außerdem wollen diese gut betuchten Protestler keinen Wohnraum
       vergesellschaften, sondern das denkmalgeschützte Karl-Liebknecht-Haus der
       Partei.
       
       Die derzeitigen Besitzer verletzten eklatant das Gemeinwohl, empört sich
       ein Herr im nachtblauen Zweireiher und weist auf das Dach des Hauses. Dort
       hatte die PDS in den turbulenten Nachwendejahren ein Kippfenster aus
       Kunststoff einsetzen lassen, das nicht den Denkmalvorschriften entspricht.
       Die Linke habe deswegen ihr Grundrecht auf Eigentum an dem Haus verwirkt,
       argumentiert der Aktivist Dr. Rainer Bönnemann. Tatsächlich lässt das
       Grundgesetz unter bestimmten Umständen Beschränkungen der
       Besitzverhältnisse zu, auch wenn Kippfenster in unserer Verfassung nicht
       explizit erwähnt werden.
       
       „Wir sehen dringenden Handlungsbedarf nach Art. 14“, lässt uns der
       juristisch versierte Demonstrant dennoch wissen. Hauptberuflich berät Dr.
       Bönnemann Immobilienunternehmen in Inkassofragen, aber auch
       Inkassounternehmen in Immobilienfragen. Bis Ende des Monats habe die Partei
       ihre Zentrale besenrein der Allgemeinheit zu übergeben, fordert er.
       Treuhänderisch soll die Allgemeinheit dann von einer Anwaltskanzlei –
       vorzugsweise seiner eigenen – vertreten werden, bis ein privater Investor
       für das Karl-Liebknecht-Haus gefunden ist.
       
       „Wir wollen die Linke natürlich nur enteignen, um sie anschließend zu
       privatisieren. Wir sind ja keine ideologisch verblendeten Spinner!“,
       erklärt der Immobilienexperte, der inbrünstig an die unsichtbare Hand des
       Marktes glaubt.
       
       „Sie hat mir über den Kopf gestreichelt, als ich meine erste Million mit
       Schrott-Immobilien gemacht habe“, schwärmt der Privatisierungs-Ultra, der
       eigentlich jede Art von Dirigismus für Häresie, marxistischen
       Schadenszauber und Lästerung der Heiligen Hausse hält.
       
       ## Gespenst des Kommunismus
       
       Mit dieser beinahe religiös anmutenden Ablehnung der linken
       Vergesellschaftungspläne steht Bönnemann nicht allein da. In der alten
       Frontstadt geht nach jahrzehntelanger Funkstille wieder das Gespenst des
       Kommunismus um. Schon werden erste Townhouses aus Angst vor roten
       Polit-Kommissaren von ihren Besitzern mit Brettern vernagelt oder
       abgefackelt, im wohlhabenden Dahlem hat sich ein Freicorps von
       Villenbesitzern gebildet, die sich bis an die privatversicherten
       Dentalverblendungen mit Golfschlägern und Sektkühlern bewaffnet haben.
       
       An den Protesten vor dem Liebknecht-Haus beteiligen sich auch
       Wirtschaftsverbände wie die Initiative Brachiale Marktwirtschaft, die
       Mittelstandsvereinigung der Camorra und die in Berlin kaum noch verdeckt
       agierende schwäbische Mafia.
       
       „Heidabimbam! Grasdaggl!“, schimpfen zwei Südländer, deren Spätzle-Clans
       bei der Prenzlberger Immobilienbonanza unermesslich reich geworden sind.
       Die Familienoberhäupter fürchten seit dem Wahlabend die Errichtung einer
       Räterepublik und dienen ihre leibeigenen Mieter der Konterrevolution als
       Söldnertruppen an. Einem linken Funktionsträger auf dem Weg in sein Büro
       bieten sie unsanft Maultaschen an.
       
       Der von Berlin ohnehin schwer genervte Bundeskanzler Merz lässt seinen
       Verteidigungsminister Pistorius inzwischen prüfen, ob es in Deutschland
       eigentlich auch eine Nationalgarde gibt, die man in die aufrührerische
       Hauptstadt schicken könnte.
       
       ## Angst des Bürgertums
       
       Die Zerschlagung der Linkspartei und ihre anschließende Privatisierung
       erscheint dem verängstigten bürgerlichen Wähler dagegen als vergleichsweise
       moderate Reaktion auf den Wahlausgang. Solche Töne ist man längst gewohnt.
       Immerhin schlägt auch Kulturstaatsminister Weimer die Privatisierung
       öffentlich-rechtlicher Medien vor, ohne dass es in den Fernsehsesseln der
       Republik zu Tumulten kommt oder ein „J’accuse …!“ in der Fernsehzeitschrift
       Prisma erscheint.
       
       Inzwischen hat sich Jens Spahn den Vorschlag zu eigen gemacht. Unter dem
       Vorsitz des Maskendealers soll eine Kommission Käufer für eine bald
       enteignete Linke finden. Der CDU-Politiker gilt als idealer Kandidat für
       den Deal, immerhin hat Spahn schon größere Vermögen als das der SED-Erben
       von der öffentlichen in die private, womöglich gar in die eigene Hand
       überführt.
       
       Für die im Haustürwahlkampf geschulten Parteikader der Linken interessieren
       sich Direktvermarkter wie Strom- und Telekommunikationsversorger,
       Polit-Celebritys wie Heidi Reichinnek können auf eine Zweitverwertung im
       Reality-TV hoffen, während biedere Auslaufmodelle wie Bodo Ramelow
       zweifellos stillgelegt werden müssten.
       
       Das Karl-Liebknecht-Haus und andere Parteibüros soll der schwerkriminelle,
       mutmaßliche Geldwäscher René Benko übernehmen, der neben insolventen
       Karstadt-Kaufhäusern noch weitere pittoreske Investitionsruinen in
       deutschen Innenstädten schaffen will. Der ebenfalls schwerkriminelle,
       mutmaßliche Geldwäscher und Clanchef Issa Remmo hat sich offenbar bereits
       einen Mehrheitsanteil am Bezirksverband Neukölln gesichert, den er noch
       konsequenter als Showroom für Antisemiten vermarkten möchte als bisher.
       
       Die sechs Direktmandate der Partei will sich der Vorsitzende Spahn
       persönlich unter den Nagel reißen, um sie nacheinander bis ins Jahr 2042
       auszuüben. Damit wäre Spahn endlich unabhängig vom lästigen Wählerwillen,
       der seine Karriere bislang immer wieder behindert hat.
       
       Mit der Privatisierung der Linkspartei erreicht eine Entwicklung das
       progressive Spektrum, die im rechten Lager längst erfolgreich abgeschlossen
       ist. Die CDU ist unter ihrem CEO Merz ein börsennotiertes
       Tochterunternehmen des Vermögensverwalters Blackrock geworden, auch wenn
       konservative Aktien mittlerweile bloß noch als Pennystocks gehandelt
       werden. Die AfD gehört zu großen Teilen den Shareholdern Musk und Putin.
       Den stinkenden Rest verwest bekanntlich die Erbengemeinschaft eines
       österreichischen Anstreichers.
       
       28 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Bartel
       
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