# taz.de -- Sieger des Deutschen Lichtdesign-Preises: Diepholz auf dem Weg ins Licht
> Das Beleuchtungskonzept für die kleine Kreisstadt zwischen Osnabrück und
> Bremen hat den Deutschen Lichtdesign-Preis erhalten. Eine Begehung.
(IMG) Bild: Gut beleuchtet
Jetzt, wenn es früh dunkel wird, kommt es besonders gut zur Geltung: In
seiner Mitte leuchtet Diepholz. Und es leuchtet schön. Das ist quasi
amtlich festgestellt, von der Jury des deutschen Lichtdesignpreises, wobei
im Himmel über der Fußgängerzonenkreuzung wie in vorweihnachtlicher
Rufbereitschaft bereits die Lichterketten hängen; noch sind sie aus, können
aber bestimmt jederzeit angeknipst werden und damit das ganze
ausgezeichnete Konzept [1][schon bald wieder beeinträchtigen].
Für Purist*innen ist also jetzt der Moment, nach Diepholz zu reisen und
in der Dämmerung den knappen Kilometer vom Bahnhof Richtung Zentrum zu
marschieren. Am besten ohne Routenplaner, den braucht hier niemand, es geht
ohnehin nur geradeaus, und dann fällt der Kontrast stärker ins Auge. Der
ist eindrucksvoll. Denn düster wirkt die Bahnhofstraße und nach links rüber
scheinen die alten Straßenlaternen einen Grauschleier auf den Weg zu legen,
den sie erhellen.
Rechts hingegen öffnet sich die Lange Straße wie eine freundschaftliche
Umarmung. Und das muss ein Effekt der Beleuchtung sein, der warmweiß
strahlenden LED-Stelen und des in den Boden eingelassenen Funktionsbandes,
mit denen die Kreisstadt am Dümmer beim Lichtdesign-Preis 2026 in der
Rubrik „Außenbeleuchtung/Öffentliche Bereiche“ gewonnen hat.
## Im Windschatten der Geschichte
Das ist keine Trostpreiskategorie für Landgemeinden: Diepholz ist im Laufe
von zehn Jahren erst die zweite Stadt unter 20.000 Einwohner*innen, die sie
für sich hat entscheiden können. Zu ihren Vorgängerinnen gehörten Hamburg,
Hannover, München und Berlin. Und auch diesmal waren mit Luxemburg eine
europäische Hauptstadt und mit Düsseldorf eine Wirtschaftsmetropole
nominiert. Und trotzdem hat der etwas im Windschatten der Geschichte
zwischen Osnabrück und Bremen gelegene Ort sie alle überstrahlt.
Der „neugestalteten Beleuchtung der Diepholzer Innenstadt“ gelinge es, „den
urbanen Raum durch atmosphärische Komponenten und gezielte Akzentuierungen
nachhaltig und effizient mit Leben zu erfüllen“, begründet die Jury ihre
Entscheidung etwas schief. Einerseits führt in die Irre, die zwei
Straßenabschnitte in Diepholz’ Mitte, die lichtgestalterisch bereits
ausgearbeitet sind, als „Innenstadt“ zu bezeichnen: Es soll ja noch
wachsen, rüber zum Schloss hin, sowohl stadt- als auch
beleuchtungsplanerisch, auch das Bahnhofstraßenproblem ist erkannt.
Und andererseits, wer Diepholz „urban“ nennt, weiß offenbar nicht, was das
Adjektiv bedeutet. So verdeckt das Lob die gestalterische kommunale
Leistung, deren Element die Beleuchtung ist: Sie ist ein wahrnehmbarer
Schritt auf dem Weg, den auch schon vor Corona abends nicht besonders
frequentierten Ortskern zu einem Raum zu machen, an dem sich Menschen
aufhalten. Und zwar, weil sie es wollen.
## Alle Geschäfte dicht
Das ist kein Nahziel. Gegenwärtig sind hier um 19 Uhr alle Geschäfte dicht,
die Spielinseln verwaist; es gibt, immerhin, zwei Restaurants und eine
Kneipe, der Springbrunnen plätschert. Am Ende der Straße sitzt ein Mann auf
einem Poller und singt leise, allerdings weder melodie- noch textsicher,
Leonard Cohen’s Hallelujah; vermutlich hat er einen im Tee.
Also: Da geht noch was in Richtung lebendig. Und das allein dem
Lichtkonzept aufbürden zu wollen, wäre ebenso Quatsch, wie sich von ihm
eine Belebung des Tourismus zu erhoffen. „Keiner kommt nach Diepholz, um
sich die Straßenbeleuchtung anzuschauen“, bestätigt Kristin Christen vom
verantwortlichen Designbüro OC-Lichtplanung. „Das wäre zu viel verlangt.“
Stattdessen solle das Lichtkonzept „dazu beitragen, dass sich die Menschen
hier wohlfühlen“. Groß in Erscheinung treten müsse es dafür nicht.
Aber ein paar spielerische Elemente hat es dann doch. Dazu gehört, dass ab
und an die in den Boden eingelassenen Lichtfliesen die Farben Blau und Grün
annehmen, „das sind die Stadtfarben“, so Christen. Ihr zufolge können sie
auch mit anderen bunten Tönen bei Stadtfesten zur Atmosphäre beisteuern.
Und kommenden Monat, am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, der
auch „Orange Day“ heißt, sollen sie ein Zeichen der Solidarität setzen.
Ein anderes Detail findet sich im Durchlass zur Hinteren Straße: Gut
verborgene Projektoren malen Gänsesilhouetten aus Licht an die Wände der
beiden Häuser, zwischen denen dieser Gang verläuft, denn die Diepholzer
Gans ist das, wofür man Diepholz kennt, wenn man Diepholz kennt. Sie hat
laut Slowfood besonders zartes Fleisch und ist stark gefährdet.
Fast zum Verschwinden gebracht wird sie jedenfalls vom Weißlicht, mit dem
der Juwelier seine Konfektionsuhren im Schaufenster beschießt: Über
[2][Lichtkonkurrenzen] wird noch zu reden sein, in Diepholz, nicht nur zur
Weihnachtszeit. Aber das wird schon. Denn die City-Entödung ist sicher ein
Ziel, auf das man sich verständigen kann. Und bei dem ist die Stadt auf
einem guten Weg.
24 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Benno Schirrmeister
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