# taz.de -- US-Seniorin blockiert Lieferroboter: „Selbstverständlich mache ich weiter“
       
       > Seit Monaten stellt sich die emeritierte Professorin Carolyn Marvin
       > Lieferrobotern in den Weg. Nun wurde sie deswegen festgenommen. Ein Anruf
       > in Philadelphia.
       
 (IMG) Bild: Lieferroboter gehören in den Großstädten der USA inzwischen zum Stadtbild – wie hier in Los Angeles
       
       taz: Frau Marvin, erinnern Sie sich noch, wie Sie zum ersten Mal einem
       Roboter den Weg versperrt haben? 
       
       Carolyn Marvin: Oh ja, das war vor ein paar Monaten. Die Teile haben mich
       einfach geärgert und ich wollte sie zurückärgern. Es war dann irgendwie
       witzig, mal hier und da, für ein paar Minuten – ich habe ja auch noch ein
       Leben. Meine Technik ist, dass ich mich vor die Roboter stelle und wenn sie
       sich bewegen, bewege ich mich mit ihnen. Sie sind allerdings flinker
       geworden. Vielleicht denken sie in den Unternehmen, ich sei als alte Frau
       nicht schnell genug. Bin ich aber!
       
       taz: Warum machen Sie das? 
       
       Marvin: Mein Hauptgrund ist, dass die Roboter den Lieferfahrern die Jobs
       wegnehmen. Zudem betrachte ich es als mein Recht gemäß dem Ersten
       Verfassungszusatz, gegen missbräuchliche Geschäftspraktiken zu
       protestieren. Ich will darauf aufmerksam machen, dass die Unternehmen ihren
       Lieferfahrern nichts zahlen wollen – obwohl die sowieso schon ganz unten
       auf der Lohnskala stehen und kaum Möglichkeiten haben, sich gegen die
       Roboter zu wehren. Sie sind nicht gewerkschaftlich organisiert. Deshalb
       versuche ich, das Thema, wann immer ich kann, in den Fokus der
       Öffentlichkeit zu rücken. Daraus entstehen interessante Gespräche, die wir
       meiner Meinung nach auch im öffentlichen Raum führen sollten.
       
       taz: Was kriegen Sie denn da am häufigsten zu hören? 
       
       Marvin: Dass ich verhindere, dass jemand sein Essen bekommt, für das er
       bezahlt hat. Darauf sage ich dann: „Wenn es euch ums Geld geht, dann
       solltet ihr euch eher Sorgen um das Einkommen machen, das den Lieferkräften
       vorenthalten wird“. Außerdem verzögere ich die Auslieferung maximal für
       eine Viertelstunde. Das ist wirklich keine große Sache.
       
       taz: Nun könnte man sagen, dass es sogar sinnvoll ist, gerade solche
       prekären, körperlich fordernden Jobs von Robotern ausführen zu lassen… 
       
       Marvin: Es sind oft Einwanderer, die die Arbeit verrichten, die andere
       nicht machen wollen. Und wenn es Menschen gibt, die einen Job als
       Lieferfahrer machen wollen, dann sollten Firmen ihnen den nicht wegnehmen
       dürfen, um den eigenen Gewinn zu steigern. Dazu kommt, dass die Roboter
       nicht besonders effizient sind, sie stoßen im überfüllten städtischen Raum
       ständig auf Hindernisse. Ich achte bei meinen Blockaden übrigens darauf,
       dass ich nie Fußgängern den Weg versperre.
       
       taz: Vor gut einer Woche wurden Sie vorübergehend festgenommen. Was ist da
       passiert? 
       
       Marvin: Ich kam gerade von meiner Grippeimpfung, als ich wieder einen
       Roboter sah, gleich in der Nähe eines großen Markts. Die Polizisten waren
       recht schnell da. Ihren wiederholten Aufforderungen, den Roboter in Ruhe zu
       lassen, bin ich nicht nachgekommen, habe mich auf die Rede- und
       Versammlungsfreiheit berufen. Ehrlich gesagt, habe ich sie sogar
       herausgefordert, mich zu verhaften. Ich dachte nicht, dass sie dafür eine
       Grundlage hatten. Doch es gibt in Pennsylvania tatsächlich ein Gesetz, das
       Robotern die Rechte von Fußgängern einräumt – was ich entsetzlich finde.
       Ich wurde wegen Störung der öffentlichen Ordnung festgenommen. Aber ich
       lege auf jeden Fall Widerspruch ein.
       
       taz: Sie beschäftigen sich auch wissenschaftlich mit dem öffentlichen Raum.
       Was interessiert Sie daran? 
       
       Marvin: Als Professorin habe ich mehrere Jahre lang einen Kurs über den
       öffentlichen Raum unterrichtet. Ein Grund dafür war, dass ich bei den
       jungen Studierenden beobachtet habe, dass sie den Campus selten verlassen
       und immer auf ihre Bildschirme starren. Manchmal glaube ich, die Menschen
       haben Angst, miteinander zu reden. Dabei ist Interaktion so wichtig.
       
       taz: Machen Sie weiter? 
       
       Marvin: Selbstverständlich. Das habe ich bei der Festnahme schon
       angekündigt.
       
       23 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Leonie Gubela
       
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