# taz.de -- KI-generierte Kultur: Der Mensch, das vernünftige Fehlerwesen
       
       > Wenn KI-generierte Produkte menschlichen immer mehr ähneln, wie
       > unterscheidet man sie dann voreinander? Beim menschlichen Makel. Und mit
       > Vernunft?
       
 (IMG) Bild: Unperfekter Auftritt eines Regisseurs auf dem roten Teppich in Venedig
       
       Neben Faszination begleitet die rasante Entwicklung der KI auch ein
       zunehmendes Unbehagen. Da mussten nicht erst die KI-Giganten kommen, um
       [1][mit dramatischen Appellen] vor dieser – und damit auch vor sich selbst
       – zu warnen. Das Unbehagen war schon da.
       
       Noch vor der Maximalmöglichkeit einer Auslöschung der Menschheit gibt es
       Entwicklungen, die uns unangenehm berühren. Etwa das rasante Eindringen der
       KI in die Kunst, in den gesamten sogenannten „Kreativbereich“. Das ist doch
       erstaunlich. Und erschreckend. Denn genau diesen Bereich hatte man sich
       doch davor gefeit gedacht.
       
       Nun aber gibt es eine regelrechte Flut an KI-Videofilmen, an KI-Büchern,
       [2][an KI-Musik]. Es gibt Roboter-Orchester. KI-Bands. KI-Kompositionen.
       Noch mögen sie ungelenk sein, aber bald werden sie greifen, ergreifen.
       
       Bevor man jetzt allzu schnell apokalyptische Gefühle entwickelt, muss man
       auf etwas verweisen – nämlich auf das, was solches überhaupt möglich macht:
       Lange vor der KI gab es schon eine Massenproduktion von sogenannten
       Kulturgütern, die nach Schema F funktionieren, von Daily Soaps bis zum
       sogenannten Popcorn-Kino, von der völlig reduzierten Genreliteratur bis zur
       gänzlich beliebigen Popmusik. Ein Einheitsbrei, der seine mechanische
       Reproduzierbarkeit selbst vorweggenommen hat. Schon 1947 haben die
       Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer eine solche
       Massenproduktion von Filmen, Musik und Büchern nach starren Mustern als
       „Kulturindustrie“ denunziert.
       
       ## Die KI-generierten werden den kreativen Produkten ähnlich
       
       Insofern wundert es nicht, dass die KI-generierten den sogenannten
       kreativen Produkten immer ähnlicher werden. Diese zunehmende
       Ununterscheidbarkeit macht es nötig, erstere zu kennzeichnen: durch
       digitale Wasserzeichen.
       
       Aber solche digitalen Signaturen reichen nicht. Denn die narzisstische
       Kränkung der Menschen sitzt weitaus tiefer. Wenn die Kreativität schon
       künstlich herstellbar ist, wie kann das genuin Menschliche noch gerettet
       werden? Gerade weil man die Künstlichkeit immer weniger erkennt, gerade
       weil die Unterschiede zum menschlichen Produkt immer kleiner werden, sucht
       man allerorts nach dem „eigentlichen“ Unterschied. Worin aber besteht der?
       
       Die Antworten lauten ziemlich einvernehmlich: im Unperfekten. In den
       Abweichungen. Im Zögern. In den Schwächen. Im Triebhaften.
       
       Beim Schauspieler wird schon das Schwitzen zum Ausweis der Humanität. In
       der Literatur sollen die Nebenhandlungen, die Abweichungen, die moralisch
       zwiespältigen Figuren das Menschliche garantieren.
       
       Eine ganze Latte des Mangels, des Scheiterns wird zur letzten Bastion des
       Menschlichen. Der Irrtum wird zu dessen Gütesiegel. Ihre Mankos werden zur
       Verteidigungsstrategie der Menschheit. Das Authentische, Echte, die
       menschliche Eigentümlichkeit liegt nunmehr im Fehler: der Mensch – das
       Fehlerwesen. Darin soll sein, soll unser Unterschied zur KI liegen. Der
       Fehler soll die Räume einer genuin menschlichen Kreativität sichern – weit
       über die rein äußerlichen Wasserzeichen hinaus.
       
       Aber bevor wir unser Versagen adeln und im Mangelwesen unsere letzte
       Rettung sehen, sollte man sich vielleicht noch einmal erinnern: Wenn die KI
       „Kreativität“ maschinell reproduziert, dann reproduziert sie nur
       Standardisierungen. Auch wenn diese sich fortwährend verfeinern, so bleibt
       es doch das, was man Verstandestätigkeit nennt: die Produktion des
       Berechenbaren. Dies bleibt immer bloße Reproduktion. Das kann die KI in der
       Tat besser.
       
       Davor rettet uns das Unperfekte aber nicht. Denn auch die fehlerhafte
       Verstandestätigkeit bleibt auf diese beschränkt. Reduziert den Menschen
       darauf. Bleibt diesem Rahmen verhaftet.
       
       Das Andere der KI, das Gegenbild ist vielmehr das, was darüber hinausgeht:
       die Vernunft. Dass wir Vernunftwesen sind, macht den Unterschied. Dass wir
       Prinzipien setzen, nach Ideen handeln können – über das Gegebene hinaus.
       
       Die Bedrohung liegt nicht darin, dass die KI an unsere Stelle tritt,
       sondern dass wir vergessen, unsere Vernunft zu gebrauchen. Ohne ihren
       Gebrauch aber wird der Mensch zurecht obsolet. Dann wird er zu dem, was
       jetzt droht: ein antiquiertes Wesen.
       
       24 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Welle-der-KI-Furcht/!6208375
 (DIR) [2] /Kunst-und-Technologie/!6187390
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Isolde Charim
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kulturkolumnen
 (DIR) Knapp überm Boulevard
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
 (DIR) Kunst
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Debatte um Thélyson Orélien: Um Integrität geht es nur am Rande
       
       Die Rechte mischt mit: In der französischen Debatte um KI-Vorwürfe gegen
       den Schriftsteller Thélyson Orélien wird auch um die kulturelle Hegemonie
       gekämpft.
       
 (DIR) Alte Bücher als KI-Futter: Der Pontifex gegen Silicon Valley
       
       KI-Konzerne kaufen in großem Stil antiquarische Bücher, um die Inhalte
       scannen zu lassen. Gegen diese Instrumentalisierung von Wissen interveniert
       jetzt der Papst.
       
 (DIR) Marine Le Pens Kampagne für Klimaanlagen: Autoritär heißt heute, keine Regulierung zu akzeptieren
       
       Marine Le Pen stellt ihren „Großen Klimatisierungsplan“ vor. Die Initiative
       geht einher mit einem symptomatischen Vorwurf gegen die französischen
       Grünen.
       
 (DIR) Wie über Migration gesprochen wird: Revue der Fremd-Wörter
       
       Das aktuelle Vokabular für den Umgang mit Migration zeigt vor allem eines:
       Sie richtet sich allgemein gegen ein „zu viel an Anderen“.