# taz.de -- Senioren in Südkorea: Rüstig für die KI-Zukunft
> Südkoreas rapide alternde Bevölkerung lernt den Umgang mit künstlicher
> Intelligenz. Der technologische Wandel hinterlässt nicht nur positive
> Spuren im Land.
(IMG) Bild: Digitale Altersvorsorge: Lehrerin Lee Eun-hwa macht ihre Klasse fit für die digitale Welt
Wenn Lee Eun-hwa mit dem Unterricht beginnt, ist ihre gute Laune regelrecht
ansteckend. „Man kann die Adresse kopieren. Klappt das bei Ihnen?“, sagt
die Lehrerin langsam, während sie auf einen riesigen Bildschirm hinter sich
zeigt. Darauf ist die App von Youtube geöffnet. „Das Kopiersymbol schaut so
aus, als würden zwei Blätter übereinanderliegen, nicht wahr?“, fragt Lee
betont laut in die Runde.
Auf den Rängen sitzen ihre Schülerinnen und Schüler, vor sich jeweils einen
Computer. Die Teilnehmenden im digitalen Lernzentrum am östlichen Stadtrand
von Seoul sind in ihrer Neugierde und Motivation vorbildlicher als so
manche Oberstufenklasse. Nur hören die meisten nicht mehr so gut, und
einige tragen Brillen mit dicken Gläsern. Genau das ist allerdings der Sinn
der Sache: Lehrerin Lee bringt älteren Menschen bei, wie sie mit digitalen
Plattformen und [1][künstlicher Intelligenz] umgehen können.
„Es gibt eine zunehmende digitale Kluft und die möchte ich durchbrechen“,
sagt Lee nach Unterrichtsschluss: „Vor allem möchte ich meinen Teilnehmern
lehren, wie sie die Technologie nutzen können, um ihr Leben unterhaltsamer
zu machen.“ Lernen solle man schließlich zuerst das, was einem auch Spaß
macht.
Schülerin Yoon Bok-soon, 72 Jahre alt, pflichtet bei. Zweimal pro Woche
kommt die Koreanerin ins digitale Lernzentrum. Ihre Fortschritte können
sich sehen lassen. „Früher habe ich immer meine Kinder fragen müssen, wie
man Dinge macht – etwa Onlineshopping. Jetzt kann ich das selbst machen“,
sagt Yoon.
Doch ihre Leidenschaft fürs Digitale geht weit darüber hinaus. „Ich mochte
schon immer Musik und Malen – nun habe ich mit meinem Smartphone ein neues
Hobby erlernt“, sagt die Seniorin mit strahlendem Lächeln. Stolz zeigt sie
ihr Handydisplay und scrollt durch ihren eigenen Youtube-Kanal.
Angefangen hat sie damit, eigene Bilder hochzuladen, Blumenbestecke und
Landschaftsmalereien, und sie mithilfe von KI-Programmen in kleine
Videosequenzen zu verwandeln. Inzwischen spricht sie auf ihrem Kanal auch
über japanische Anime-Serien, analysiert Bücher wie „Der kleine Prinz“ und
den Sisyphus-Mythos oder veröffentlicht selbst verfasste Gedichte. Dazu
laufen KI-generierte Videosequenzen.
## Enkeltrick mit KI
Landesweit gibt es inzwischen 69 solcher staatlich finanzierten digitalen
Lernzentren. Bis 2029 will das Ministerium für Wissenschaft und
Informationstechnologie, kurz MSIT, die Zahl dieser Einrichtungen in den
nächsten drei Jahren auf knapp 230 erhöhen. „KI sollte nicht ausschließlich
Experten vorbehalten sein, sondern ein Werkzeug sein, von dem alle
profitieren – auch marginalisierte Gruppen wie ältere Menschen. Sie sollte
ihre [2][Lebensqualität im Alltag] spürbar verbessern“, sagt Lee Do-gyu,
Generaldirektor beim MSIT.
Dem Regierungsbeamten zufolge geht es aber auch darum, Senioren gegen die
technologischen Gefahren der KI zu wappnen. Tatsächlich sind Betrugsanrufe
organisierter Verbrecherbanden, die oft aus Südostasien operieren, in
Südkorea ein großes Problem. Beim sogenannten [3][Voice-Phishing nutzen
Täter] zunehmend künstliche Intelligenz, um beispielsweise Stimmen von
Angehörigen zu imitieren und ihre Opfer zu Geldüberweisungen zu bewegen.
Allein bei den fünf größten südkoreanischen Banken wurden im Vorjahr knapp
8.800 Transaktionen infolge solcher Betrugsmaschen registriert. Das waren
mehr als doppelt so viele wie im Jahr davor. Unter den Opfern sind
zunehmend auch ältere Menschen.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: KI-generierte Falschinformationen
verschärfen in der hochvernetzten Gesellschaft Südkoreas die extreme
Polarisierung. Vor allem dem politisch rechten Rand gelingt es mit
Verschwörungstheorien über eine angebliche kommunistische Unterwanderung
durch Nordkorea oder China vorwiegend ältere Menschen für Demonstrationen
zu ködern. Wer auf rechtskonservativen Straßenprotesten im Zentrum von
Seoul mit den meist älteren Teilnehmern spricht, hört nicht selten krude
Thesen. Nach Belegen gefragt, verweisen sie auf dubiose Kurzvideos in
sozialen Medien.
Wer durch das digitale Lernzentrum am Stadtrand von Seoul geht, trifft auf
eine geradezu surreale Erlebniswelt. Eine alte Frau mit Dauerwellenfrisur
hat gerade eine Virtual-Reality-Brille aufgesetzt. In der nächsten Ecke
kann man mit einem Roboter-Hund spielen. Daneben steht ein digitales
Selbstbedienungsterminal, an dem man probeweise Burger bestellen kann.
## Alltag nur mit Digitalkompetenz
Was spaßig anmutet, hat einen ernsten Hintergrund. Südkorea ist die am
schnellsten alternde Gesellschaft der Welt. Inzwischen ist ein Fünftel der
Bevölkerung älter als 65 Jahre, Tendenz steigend. Zugleich gehört das Land
am Fluss Han mit seiner weltweit führenden Chipindustrie zur digitalen
Avantgarde.
Für manche Bevölkerungsgruppen führt das zu Problemen. Der Alltag in
Südkorea ist [4][ohne grundlegende Digitalkompetenz] kaum noch zu
bewältigen. Für Arzttermine braucht man oft eine Smartphone-App, für den
Kauf von Zugtickets ohnehin. Und wer im Restaurant oder Café bestellen
will, muss das meist an einer digitalen Maschine tun.
„Ich bin 83 Jahre alt. Aber das Alter spielt beim Lernen keine Rolle“, sagt
Seo Jong-hyun, ein stattlicher Senior mit Macherattitüde. Auch er ist
Schüler im digitalen Lernzentrum. „Zunächst kam ich hierher, weil ich Excel
lernen wollte. Aber das hat keinen Spaß gemacht“, sagt Seo. Doch beim
KI-Kurs habe ihn die Leidenschaft gepackt. „Mein Leben wurde dadurch
wirklich besser. Das Smartphone ist mittlerweile mein persönlicher
Assistent: Die KI gibt mir Informationen über medizinische Dinge, oder sie
hilft mir bei meinen Reiseplänen“, sagt Seo. Auch er hat nun einen eigenen
Youtube-Kanal, auf dem er seinen Altersgenossen Ratschläge für ein gesundes
Leben gibt. Hin und wieder bekommt er auch mal ein Like.
## Onlineshopping führt zu Leerstand
Der digitale Wandel hat in Südkorea allerdings auch negative Spuren
hinterlassen. Wo noch vor 15 Jahren lebhafte Marktgassen waren, herrscht
heute Leerstand. Eingekauft wird nur noch online. Auch spontane Gespräche
in der Nachbarschaft, beim Warten auf den Bus oder in Bürofahrstühlen sind
selten geworden. Die meisten Koreaner gehen mit erhobenem Smartphonedisplay
durch ihren Alltag.
Inwieweit die Digitalisierung auch die Einsamkeitskrise verschärft, lässt
sich empirisch schwer belegen. Doch Fakt ist: Südkorea hat eine der
höchsten Suizidraten der Welt, und die Zahlen steigen mit zunehmenden Alter
überproportional an. Am stärksten betroffen sind Männer über 80 Jahren.
[5][Eine im Vorjahr erschienene Studie] im Journal of the Korean Medical
Association nennt soziale Isolation als einen der entscheidenden Faktoren.
2025 registrierten die Behörden fast 4.000 „godoksa“ – zu Deutsch: einsame
Tote. Meist handelt es sich um ältere Männer, die ohne Verwandte oder enge
Bekannte sterben. Oft übernimmt dann der Staat jenes Beerdigungsritual, das
es nach koreanischer Tradition braucht, damit die Seele ihren Frieden
finden kann.
## In der KI-Ära angekommen
Einen nostalgischen Blick nach dem Motto „Früher war alles besser“ findet
man in Südkorea jedoch kaum. „Nach dem Koreakrieg waren wir ein Agrarland
und jetzt leben wir in der KI-Ära“, sagt Herr Seo pragmatisch: „Natürlich
bin auch ich besorgt, welche Zukunft wir sehen werden. Doch deswegen sollen
wir nicht aufhören, weiterzulernen.“
Seine Klassenkameradin Yoon Bok-soon sieht das ähnlich: „Sobald man im
Leben etwas gewinnt, verliert man auch etwas. Aber die Veränderungen
stimmen mich im Großen und Ganzen positiv.“ Natürlich kommuniziere man ab
einem gewissen Alter nicht mehr so viel mit seinen Kindern, sagt Yoon. Doch
nun teile sie ihren Lebensalltag eben über das Internet.
21 Oct 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Fabian Kretschmer
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