# taz.de -- Deutsche Kooperation mit der Ukraine: Mehrfacher Luftalarm bei Merz-Besuch in Kyjiw
> Merz verspricht, dass Deutschland bei Unterstützung der Ukraine nicht
> nachlassen werde. Milliarden für Rüstungshilfe und Reparatur von
> Kraftwerken.
(IMG) Bild: Pressestatement von Merz und Selenskyj vor dem von Russland zerstörten Gebäude der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Kyjiw
Lange konnte sich die Bevölkerung von Kyjiw sicher sein, dass man an Tagen
und Nächten, in denen sich hochrangige westliche Politiker in der
ukrainischen Hauptstadt aufhalten, Ruhe hatte vor russischen Luftangriffen.
Halb im Scherz hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj vor wenigen Wochen noch
dem ehemaligen US-Unterhändler Keith Kellogg eine kostenlose Wohnung in der
Stadt angeboten. Denn während sich Kellogg in Kyjiw aufhalte, so Selenskyj,
gebe es keine russischen Angriffe auf Kyjiw. Kellogg funktioniere besser
als die Luftabwehr.
Heute ist das anders. Als Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz und
Wirtschaftsministerin Katherine Reiche (beide CDU) in Begleitung einer
Wirtschaftsdelegation am Sonntag [1][Kyjiw besuchten], wurden sie von
Russland mit einem Luftangriff auf die wichtigste Brücke der Stadt begrüßt.
Am Vortag hatte das russische Außenministerium Europäer explizit vor Reisen
und Aufenthalten in der Ukraine gewarnt.
Während des gesamten Vormittags stand die Warnapp „Kyjiw Zifrovijj“, die
vor Luftangriffen warnt, nicht still. Über ein Dutzend Mal wechselten sich
Warnung und Entwarnung allein am Vormittag ab, dem Höhepunkt des
Besuchsprogrammes. Von Ende September bis zum vergangenen Wochenende wurden
in der Ukraine mindestens 20 Zivilisten durch russische Luftangriffe
getötet und viele weitere verletzt.
Merz und Reiche waren am frühen Morgen per Sonderzug in Kyjiw eingetroffen
und wurden am Bahnhof von Außenminister Andrij Sybiha empfangen.
Anschließend gedachte der Kanzler gemeinsam mit Selenskyj der Menschen, die
im Krieg ihr Leben verloren haben. Selenskyj dankte Deutschland für die
Unterstützung und Solidarität mit der ukrainischen Bevölkerung.
## Merz fordert Putin zur Beendigung des Krieges auf
Merz besuchte zusammen mit Selenskyj die beschädigte Ruine der Nationalen
Akademie der Wissenschaften, die zuvor von einer russischen Drohne
getroffen worden war. Dabei forderte er Russlands Präsidenten Wladimir
Putin auf, den Krieg zu beenden.
Bei den Gesprächen mit Selenskyj ging es um die bilateralen Beziehungen,
europäische Sicherheit und internationale Fragen. Neben der Freigabe von
Militärhilfe in Höhe von einer Milliarde Euro kündigte Merz weitere 350
Millionen Euro für die Reparatur und den Wiederaufbau beschädigter
Kraftwerke an. Das ist gerade vor dem bevorstehenden Winter für die
ukrainische Seite von besonderer Wichtigkeit.
Der Gesamtwert der fünfzehn am Sonntag mit Deutschland getroffenen
Vereinbarungen betrage 8,5 Milliarden Euro, [2][erklärte Selenskyj im
Anschluss]. Das deutsche Unterstützungspaket für die ukrainische Regierung
umfasst gemeinsame Rüstungsproduktion, Drohnenabwehr, weitreichende
Waffensysteme und die Widerstandsfähigkeit der Energieversorgung.
Bemerkenswert ist die geplante neuartige Zusammenarbeit bei Waffen mit
einer Reichweite von mehr als 1.000 Kilometern.
„Wenn Russland nicht gestoppt wird, richtet sich seine Kriegsmaschinerie
früher oder später gegen uns“, erklärte Merz. Die Partnerschaft sei keine
Einbahnstraße. „Deutsche und ukrainische Unternehmen [3][entwickeln
gemeinsam Technologien], von denen beide Länder profitieren. Das macht uns
sicherer und stärker.“
## Selenskyj will verstärkt russische Ölraffinerien angreifen
Selenskyj kündigte auch eine Ausweitung ukrainischer Angriffe auf russische
Ölraffinerien an. Dies sei die ukrainische Reaktion auf eine neue russische
Strategie, die versuche, durch Angriffe auf Infrastruktur und Städte die
Bevölkerung zum Verlassen Kyjiws und anderer ukrainischer Städte zu
bewegen.
Gegenüber Reuters erklärte Selenskyj, Ukraines Geheimdienste hätten
Dokumente, die auf eine neue russische „Doktrin“ für Luftangriffe
hindeuteten. Russland habe demnach die Liste möglicher Ziele deutlich
ausgeweitet. Dazu gehörten Infrastruktur, Logistik, Straßen, Schulen und
Krankenhäuser. In einer ersten Reaktion dazu teilte das russische
Verteidigungsministerium mit, dass Russland seine Angriffe auf die Ukraine
ausweiten werde.
Auf diplomatischer Ebene erklärte Selenskyj am Sonntag, die USA hätten ein
neues trilaterales Treffen auf technischer Ebene zwischen Vertretern der
USA, der Ukraine und Russlands vor Ende Oktober vorgeschlagen. Er selbst
stehe „jederzeit“ auch zu einem direkten Treffen mit Russlands Präsident
Wladimir Putin bereit. Putin lehnt dies bislang ab.
## 26.000 Leichen in die Ukraine repatriiert
Unterdessen teilt Kyrillo Budanov, Chef der ukrainischen
Präsidialadministration, mit, dass über 26.000 Leichen im Rahmen von
Repatriierungsmaßnahmen in die Ukraine zurückgebracht worden sind. Die
bislang letzte Repatriierung erfolgte am 17. September, als 252 Leichen in
der Ukraine eintrafen.
Bei russischen Luftangriffen wurden am Sonntag in der ukrainischen Stadt
Sumy nach ukrainischen Berichten 19 Menschen verletzt. Bei einem
ukrainischen Drohnenangriff auf die russische Stadt Belgorod starb am
Wochenende nach russischen Angaben ein Mensch, bei weiteren Angriffen auf
russisch besetzte ukrainische Orte sollen drei Menschen ums Leben gekommen
sein.
4 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.bundeskanzler.de/bk-de/aktuelles/bundeskanzler-merz-in-kyjiw-2455606
(DIR) [2] https://x.com/ZelenskyyUa/status/2106716833000587358
(DIR) [3] /Drohnen-KI-und-Militaer/!6210140
## AUTOREN
(DIR) Bernhard Clasen
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