# taz.de -- Schulen gegen Wehrdienststreiks: Engagement unerwünscht
       
       > Schüler*innen berichten in Hamburg von Repressionen gegen ihr
       > Engagement gegen die drohende Wehrpflicht. Dahinter steht falsch
       > verstandene Neutralität.
       
 (IMG) Bild: Schüler*innen-Demo in der Hamburger Innenstadt gegen Wehrpflicht
       
       Dass Schüler*innen sich gegen eine drohende Wehrpflicht engagieren,
       schmeckt einigen Hamburger Schulen gar nicht. Klar, die Kinder und
       Jugendlichen sollen schließlich rechnen und Fremdsprachen lernen und nicht
       in der Schulzeit Flyer verteilen und Proteste organisieren. Oder?
       
       „Für uns Schüler*innen ist das extrem frustrierend“, berichtet eine
       Abiturientin vom Hamburger Kaifu Gymnasium. Die gesellschaftliche
       Diskussion über eine drohende Wehrpflicht sei allgegenwärtig – logisch,
       dass die Menschen, die es betrifft, dazu eine starke Meinung hätten. „Warum
       sollten wir uns nicht dagegen engagieren dürfen, wenn wir die betroffene
       Generation sind?“
       
       Zwar fördere die Schulleitung das Gespräch über das Thema – aber immer nur
       einseitig, sagt die Schülerin. Im vergangenen Schuljahr seien zweimal
       [1][Offiziere eingeladen worden], einmal in den Unterricht, einmal zu einer
       Podiumsdiskussion. Letztere sei leider überhaupt nicht kontrovers gewesen.
       Dem Offizier sei ein Sicherheitsforscher gegenübergestellt worden, der
       ebenfalls für Aufrüstung und Wehrdienst plädiert habe. „Wir fühlen uns mit
       Kriegspropaganda vollgespammt und in unserer politischen Meinungsbildung
       behindert“, kritisiert die Schülerin. Von Mitschüler*innen aus anderen
       Schulen habe sie ähnliche Klagen gehört.
       
       Einmal ist der Schulleiter des Kaifu Gymnasiums sogar handgreiflich
       geworden. Schüler*innen hatten den Tag der Veteranen am 15. Juni zum
       Anlass genommen, gegen Aufrüstung und Wehrdienst zu protestieren. Auf einem
       von den Schüler*innen selbst aufgenommenen Video sieht man, wie einige
       Jugendliche mit einem Megafon und einem Transparent auf den Schulhof
       laufen, wo der Schulleiter sie schon erwartet.
       
       ## „Politisch neutrale Überkorrektheit“
       
       Er versucht, die Mini-Kundgebung zu verhindern, indem er die
       Teilnehmer*innen bedrängt, auf sie einredet und sogar versucht, der
       Rednerin ihre Zettel aus der Hand zu ziehen und das Megafon runter zu
       drücken. Die Rednerin hält beides fest und führt ihre Rede fort; der
       Schulleiter lässt nicht locker, stellt sich vor das Transparent und redet
       auf die Schüler*innen ein, die es festhalten. „[2][Merz leck Eier] –
       Eimsbüttel gegen Wehrpflicht“ steht in großen Buchstaben darauf gepinselt.
       Am Schultor treffen zwei Polizist*innen ein, bleiben aber draußen.
       
       Auf taz-Anfrage sagt der Schulleiter Arne Wolter über die Situation:
       „Einseitige politische Proteste und Kundgebungen sind auf Schulgelände
       nicht zulässig.“ Vor allem jüngere Schüler*innen seien vor politischer
       Beeinflussung zu schützen. Da vor der Aktion nur Flyer ohne klare
       Kenntlichkeit möglicher Akteur*innen vor der Schule verteilt worden
       seien, habe er vorsorglich die Polizei verständigt.
       
       Gerüchte, dass Klausuren extra auf den Tag des bundesweiten
       Wehrdienststreiks verlegt worden waren, um die Schüler*innen vom Protest
       abzuhalten, wies er weit von sich. Die Klausuren seien verlegt worden, weil
       eine Kollegin erkrankt wäre. Auch aus dem Lehrer*innen-Kollegium heißt es,
       die Gerüchte seien falsch. Das Datum des Streiktags spiele bei der
       Klausurenplanung keine Rolle.
       
       Also alles ganz korrekt? „Überaus korrekt“, heißt es aus dem Kollegium. Der
       Schulleiter dulde grundsätzlich keine Flyer oder Ähnliches auf dem
       Schulgelände, er knibbele jeden Sticker selbst ab, egal, ob darauf Werbung
       für den HSV oder Fridays for Future sei. Das, was die Schüler*innen als
       Repression empfänden, sei aber nur Ergebnis einer politisch neutralen
       Überkorrektheit.
       
       Aber was heißt „politisch neutral“ in Zeiten von Krieg und Aufrüstung,
       Klimakatastrophe und Rechtsruck? Bedeutet es, dass Schulen und
       Lehrer*innen keine eindeutige Position in diesen Fragen beziehen dürfen?
       
       „Das wäre absurd“, sagt der Juraprofessor und Experte für Schulrecht an der
       Bucerius Law School, Felix Wirth Hanschmann. Das Neutralitätsgebot richte
       sich nicht an die Schüler*innen, sondern an das Schulpersonal. Für
       Schüler*innen gelten natürlich die Meinungsfreiheit, die
       Versammlungsfreiheit und alle anderen Grundrechte, auch wenn die in der
       Schule eine gewisse Beschneidung allein schon in der Anwesenheitspflicht
       fänden.
       
       Aber es sei ein großer Irrtum, anzunehmen, dass Schulen sich nicht zu
       bestimmten Werten und Prinzipien bekennen dürften. Das Gegenteil sei der
       Fall: Bildung und Erziehung basierten immer auf einem normativen Fundament,
       das sei anders überhaupt nicht möglich. Das Grundgesetz, völkerrechtliche
       Vorgaben und Landesverfassungen bildeten dafür den Rahmen.
       
       Beim Kleben von Aufklebern in der Schule stelle sich höchstens die Frage
       von Sachbeschädigung, sagt Wirth Hanschmann. Beim Verbieten der Kundgebung
       auf dem Schulhof könne der Schulleiter vom Hausrecht Gebrauch machen. „Aber
       mit Neutralität oder dem [3][Beutelsbacher Konsens] hat das nichts zu tun.“
       
       Oder auch doch, aber eben mit falsch verstandener Neutralität: „Die AfD hat
       mit ihrer [4][Verzerrung des Neutralitätsbegriffs] so viel Panik gemacht,
       dass Lehrer und Schulleiter verunsichert sind, was überhaupt noch sagbar
       ist“, sagt Wirth Hanschmann.
       
       ## Bundeszentrale widerspricht Neutralitätsgebot
       
       Auch die Bundeszentrale für politische Bildung hat dieses Problem erkannt
       und in dieser Woche eine Kampagne anlässlich des 50. Geburtstags des
       Beutelsbacher Konsens gestartet. Der Beutelsbacher Konsens ist der
       Leitfaden für politische Bildung und muss oft als Argument für ein
       vermeintliches Neutralitätsgebot an Schulen herhalten, wenn es etwa darum
       geht, ob Vertreter*innen der AfD auch [5][zu Podiumsdiskussionen
       eingeladen werden] sollen oder Lehrer*innen politische Botschaften
       [6][auf dem T-Shirt tragen] dürfen.
       
       Unter dem Motto #NichtNeutral will die Bundeszentrale zusammen mit allen 16
       Landeszentralen darauf hinweisen, dass politische Bildung nicht neutral
       ist. „Sie steht für Demokratie, Menschenrechte und politische Teilhabe“,
       schreibt die Bundeszentrale in einer Mitteilung. Die Kampagne widerspreche
       damit Missdeutungen wie einem fälschlicherweise aus dem Beutelsbacher
       Konsens abgeleiteten Neutralitätsgebot.
       
       Für viele Schüler*innen, die sich im Wehrdienststreikkomittee des Kaifu
       Gymnsiums und an anderen Schulen engagiert haben, stellen sich diese Fragen
       jetzt erst mal nicht mehr, seit sie das Abi in der Tasche haben. Für die
       jüngeren Jahrgänge schon – am 25. September soll der nächste Streik gegen
       Aufrüstung und Wehrpflicht stattfinden.
       
       13 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Schipkowski
       
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