# taz.de -- Volksbad-Debatte: Rassistische Ausgrenzung mit Tradition
> Beim Schwimmen sind weiße Menschen lieber unter sich – bis heute. Der
> Volksbad-Konflikt wurzelt in der Kolonialgeschichte rund ums Wasser.
(IMG) Bild: Volksbad: Der Streit um „Apartheid gegen Weiße“ steht in einer langen Reihe von Diskriminierung im öffentlichen Raum Schwimmbad
Verstummt ist der Hass immer noch nicht. „Umgekehrter Rassismus“ und
„Apartheid gegen Weiße“ wird gesagt, und immer, immer noch gibt es
Menschen, die solch irritierende Vorwürfe für plausibel halten. Es geht um
die Aktion der Berliner Volksbühne, für einige Sommermonate einen
öffentlichen Pool, das Volksbad, anzubieten, der [1][einmal gesondert für
Schwarze Jugendliche geöffnet] werden sollte.
Ich vermute, die Empörung fiele schwächer aus, wenn der Verein EOTO, der
sich für Menschen afrikanischer Herkunft einsetzt, von der Volksbühne eine
eigene Theatervorstellung bekommen hätte. Aber gerade in der Körperlichkeit
des öffentlichen Schwimmens, so meine These, zeigt sich Rassismus besonders
deutlich.
Ein Schwimmbad müsse für alle Menschen da sein, sagen die Gegner der Aktion
der Volksbühne, doch sie haben dabei nicht im Blick, dass dieses Volksbad
keinen Eintritt kostet. Hingegen ist das Tagesticket in Berliner Bädern bis
zu 11,50 Euro teuer. Gerade gegen solchen sozialen Ausschluss argumentiert
die Volksbühne: Es sei eine Aktion für eine Stadt, „in der in den letzten
Jahrzehnten systematisch Infrastruktur abgebaut wurde und öffentliche Orte
zunehmend kommerzialisiert und kontrolliert werden“.
Schon den ersten großen Bädern in Deutschland – in Berlin etwa das Stadtbad
Neukölln – war sozialer Ausschluss eingeschrieben: Sie bestanden aus einem
prunkvollen Herrenbad und einem kleineren Damenbad, alles gebaut für die
gesellschaftlichen Eliten. Die Volksbäder hingegen waren meist nicht zum
Schwimmen da, sondern nur für die Körperhygiene der Proleten: Wannenbäder
und Duschen.
## Schutz von Frauen als Vorwand für Rassismus
Nach der Novemberrevolution 1918 änderte sich vieles: Schwimmbäder waren
für alle offen, wenngleich Geschlechtertrennung in weiten Teilen
fortexistierte. Es ist bemerkenswert, dass sie gerade nach 1933, also nach
der Machtergreifung der Nazis, an etlichen Orten aufgehoben oder zumindest
durchlässiger wurde. Das überrascht nur auf den ersten Blick, denn die
Abschaffung der einen Diskriminierung kann ja mit der Etablierung einer
anderen einhergehen. Nicht nur in Deutschland.
In den USA beispielsweise waren seit den 1880er/1890er Jahren die Bäder
zunächst für die männliche Arbeiterklasse offen. Ausgeschlossen waren
Frauen und Mädchen. Die rassistische Segregation setzte erst ein, als
Frauen hineindurften. Der Historiker Jeff Wiltse schreibt: „In vielen
Fällen vertrieben Weiße Schwarze buchstäblich mit Gewalt aus dem Wasser,
wenn es sich um gemischtgeschlechtliche Bäder handelte, da sie nicht dulden
wollten, dass schwarze Männer an solch intimen öffentlichen Orten mit
weißen Frauen in Kontakt kamen.“
Mit den Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung endete das Ressentiment nicht.
„In den 1970er und 1980er Jahren schwammen zig Millionen überwiegend weiße
Amerikaner der Mittelschicht in ihren eigenen Gärten oder in Schwimmklubs
der Vororte, während vor allem Afroamerikaner und Latinos die städtischen
Bäder in den Innenstädten nutzten“, so Wiltse. Über 90 Prozent der Weißen
verließen einen Pool, sobald Schwarze hineinsprangen. Sie folgten der
rassistischen Überzeugung, dunkle Hautfarbe verdrecke ein Schwimmbecken.
## Kaum Schwimmkurse für Schwarze Kinder
Ausschluss von sozialen Gruppen aus dem öffentlichen Raum Schwimmbad ist
auch in Deutschland bekannt. Die Stadt Leipzig teilte 1935 mit, dass „das
Auftreten der Juden in den Schwimmbädern von weiten Teilen als äußerst
unangenehm empfunden“ werde. Eine Lokalzeitung notierte dazu: „Insbesondere
wurden blonde deutsche Frauen und Mädchen derart belästigt, daß der
Schwimm-Meister mehrmals eingreifen mußte.“
Bei allen großen Unterschieden fällt hier auch das Gemeinsame auf: Die neue
Diskriminierung wurde leichter durchgesetzt, weil sie mit einer Gefahr für
die vermeintlich schutzbedürftigen Frauen und Mädchen begründet wurde. Was
in den USA folgte, war die systematische Verdrängung: kaum Schwimmkurse für
Schwarze Kids, kaum Bäder in deren Wohnvierteln. Aufgehört hat der
Ausschluss nie, trotz gezielter Programme, das Schwimmen in der
afroamerikanischen Community zu fördern.
Auch in Deutschland gibt es aktuelle Beispiele der Diskriminierung. Jüngst
wurde in Halle (Saale) verfügt, dass [2][Badegäste die deutsche Sprache
beherrschen müssen]. In Freiburg wurden Sintize hinausgeworfen, weil sie
traditionelle Baderöcke trugen. 2023 erwuchs aus Schlägereien im
[3][Neuköllner Columbiabad eine bundesweite Debatte, in der junge Männer
mit Migrationshintergrund pauschal als Gefahr] für den öffentlichen Raum
Schwimmbad gebrandmarkt wurden.
## Schwarze Menschen im Schwimmsport kaum zu finden
In Paderborn und Köln wurden vor wenigen Jahren Plakate aufgehängt, um für
das Thema sexualisierter Übergriffe zu sensibilisieren; sie zeigten in
einem Fall eine weiße Frau, im anderen Fall einen weißen Mann, die
beziehungsweise der grabscht. Von der Deutschen Polizeigewerkschaft war zu
hören, das habe „kaum etwas mit der Wirklichkeit zu tun.“ Denn: „Nennen wir
das Kind beim Namen – es sind vor allem Männer aus den
Asylhauptherkunftsländern.“
Die rassistische Stigmatisierung geht einher mit der Überzeugung, Schwarze
gehörten ohnehin nicht in öffentliche Bäder, ja, das Wasser sei ihnen
fremd, es sei für Weiße geschaffen. In der sportwissenschaftlichen
Fachliteratur wurde bis in die 1980er Jahre das Fehlen von Schwarzen in der
Weltspitze des Schwimmsports mit „anderer Muskelstruktur“, „ungünstigem
Körperschwerpunkt“ und ähnlichem Unfug erklärt.
Dabei galt noch bis ins 18. Jahrhundert hinein das subsaharische Afrika als
der Kontinent, auf dem die weltbesten Schwimmer lebten. Die besondere
Fähigkeit, sich schnell im Wasser bewegen zu können, galt europäischen
Kolonisatoren als gefährlich. Versklavte Menschen konnten ja
hinausschwimmen und sich auf dem Wasser unbeaufsichtigt besprechen oder
sogar fliehen.
Hier schließt sich der Kreis zur Empörung gegen das Volksbad in Berlin.
Kurz gesagt lautet die Botschaft: Öffentliche Plätze müssen prinzipiell
immer für Weiße offen sein, und ob andere soziale Gruppen auch
hineindürfen, entscheidet dann die weiße Mehrheitsgesellschaft. Im Wasser
eines Pools sieht man manches ein bisschen klarer.
21 Sep 2026
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## AUTOREN
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