# taz.de -- Antisemitismus bei Protesten: Demos verschärfen Bedrohungslage für jüdische Menschen
> Eine neue Studie zeigt: In Teilen der propalästinensischen Protestszene
> verschärfen sich antisemitische Narrative und die Akzeptanz politischer
> Gewalt.
(IMG) Bild: Auch ein Protest mit legitimen politischen Forderungen, wie israelkritischen Positionen, kann Leute ermutigen antisemitische Straftaten zu begehen
Der Ton auf Demonstrationen verschärft sich. Und politische Gewalt gilt
zunehmend als gerechtfertigt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie über
antisemitische Protestmobilisierung seit dem 7. Oktober 2023.
[1][Die Organisation Democ e. V. untersuchte dafür Kundgebungen, bei denen
es zu antisemitischen Vorfällen kam]. Sie analysierte außerdem Akteure und
Netzwerke, die in den vergangenen anderthalb Jahren zu solchen Demos
mobilisiert haben, und die Erzählungen hinter diesen Protesten. Die
Studienmacher*innen sehen einen Zusammenhang zwischen der
Protestdynamik und einer verschärften Bedrohungslage für jüdische Menschen
und Einrichtungen, auf der Straße und auch im Internet.
Die Studie zeigt, wie die Demos die Grenzen des Sagbaren verschieben. In
den untersuchten Protestmilieus hätten sich antisemitische Narrative und
Deutungen inzwischen etabliert. Gewalt werde in legitimen Widerstand
umgedeutet, der israelische Staat delegitimiert und dämonisiert, Zionismus
zunehmend als negativ besetzter Begriff genutzt. Auch Diskurse gegen die
historische Verantwortung Deutschlands nach der Shoah und
verschwörungsideologische Narrative listet die Studie. Die
Studienmacher*innen betonen, dass es ausdrücklich nicht um
palästinasolidarische Demonstrationen als solche geht, sondern um
Demonstrationen mit antisemitischen Äußerungen.
„Trotz sinkender Teilnehmer*innenzahlen verfestigen sich die
Netzwerke“, schreibt Democ. Diesen Netzwerken sei es gelungen,
„Aktionsformen und Narrative über längere Zeiträume hinweg zu prägen“. Als
Beispiel nennt die Studie etwa die PFLP, die Volksfront zu Befreiung
Palästinas, die am Massaker vom 7. Oktober beteiligt war. Über
Unterstützerstrukturen und nahestehende Aktivist*innen mobilisiere die
PFLP zu Protesten – etwa über das [2][Vereinigte Palästinensische
Nationalkomitee (VPNK), in dem PFLP- und Hamas-nahe Akteur*innen]
zusammenwirkten. Die EU hat die PFLP als terroristische Vereinigung
eingestuft.
So sei in Berlin Ibrahim Ibrahim, ein Vertreter des VPNK und PFLP-naher
Aktivist, als Redner bei einer Veranstaltung von Amnesty International und
bei einem Fest von Die Linke Neukölln aufgetreten. Solche Auftritte
„erhöhten die Anschlussfähigkeit“ und den „Zugang zu jüngeren
aktivistischen Milieus“. Auf diese Weise würden antisemitische und
israelfeindliche Narrative auch in Teile der Klimaproteste und der
feministischen Bewegung getragen.
Die Organisation hat für ihre Studie Kundgebungen, Redebeiträge auf
Kundgebungen und Demonstrationen, Parolen und Transparente seit dem 7.
Oktober 2023 dokumentiert und ausgewertet. Sie beruft sich außerdem auf
[3][Erkenntnisse zu rund 3.000 Veranstaltungen, die die die Recherche- und
Informationsstelle Antisemitismus (Rias)] erfasst hat.
Eine Erkenntnis: „Es gab kaum Demonstrationen, bei denen nicht sehr
problematische Akteure oder Organisationen dazu aufgerufen haben oder
maßgeblich an der Organisation und Struktur beteiligt waren“, sagt Linus
Kebba Pook, Geschäftsführer von Democ. Menschen, die sich [4][einer
Demonstration anschließen wollten, um etwa ihre Anteilnahme an der
Situation in Gaza zu zeigen, ihre Kritik an der israelischen Kriegsführung]
zu äußern oder gegen das Vorgehen der Bundesregierung zu protestieren,
seien in den allermeisten Fällen auf Veranstaltungen von „problematischen
Akteuren“ gelandet.
## Die Eskalation vorantreiben
„Diese Akteure wie etwa Young Struggle. Zora, die inzwischen verbotenen
[5][Samidoun oder Masar Badil] sind problematisch, weil es Gruppierungen
sind, die explizit für eine Eskalation des Konflikts stehen“, sagt Pook.
„Sie stehen eben nicht für Koexistenz und Frieden. Im Gegenteil: Es geht
ihnen darum, die Eskalation voranzutreiben, da das der einzige Weg zur
Befreiung sei“, sagt er.
Pook berichtet von [6][einer Großdemonstration am Brandenburger Tor im
vergangenen Sommer], bei der sich parallel eine kleine Gruppe am
Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg versammelt hatte. „Dort hieß es explizit,
die Teilnehmer*innen der großen Demo würden die eigene Sache verraten,
weil sie für Frieden eintreten“, sagt Kebba Pook. Ähnlich brandmarke auch
die Gruppe Masar Badil ein Verurteilen von Gewalt als „Verrat an der
palästinensischen Sache“.
„Eine gewisse Radikalität hat für einige, die zu den Demos gehen auch eine
große Anziehungskraft“, erklärt Pook. Gleichzeitig würden [7][Veranstalter
oder Bündnisse nach seiner Beobachtung nicht entschieden gegen
Akteur*innen mit Nähe zu problematischen Gruppen] vorgehen, weil sie
diese als Repräsentanten etwa der palästinensischen Bewegung sehen, und
ihnen die Legitimation nicht absprechen wollen.
„Wichtig ist: Auch ein Protest mit legitimen politischen Forderungen – etwa
israelkritischen Positionen – kann dazu beitragen, ein Klima zu schaffen,
in dem Leute sich ermutigt fühlen, antisemitische Straftaten zu begehen“,
sagt Pook. „Antisemitische Akteure treten entschlossener auf, wenn sie eine
gesellschaftliche Mehrheit hinter sich wähnen“, heißt es dazu in der
Studie. „Bei rechten Demos ist vielen dieser Zusammenhang sehr klar, dass
es in der Folge etwa zu rassistischen Straftaten kommen kann“, sagt Pook.
„Beim Antisemitismus scheint so ein Zusammenhang für viele schwerer
nachvollziehbar“, sagt er.
Die Studie empfiehlt, extremistische Akteur*innen ganz klar
auszuschließen und mit harten Repressionen gegen diejenigen vorzugehen, die
Gewalt legitimieren. „Die Linkspartei sollte sich ebenfalls klar abgrenzen,
wenn solche Akteur*innen ihre Nähe suchen“, sagt Pook. Mit jungen
Menschen, die sich vielfach seit 2023 über die Themen Israel/Palästina
politisiert haben, gelte es, den Dialog zu suchen. „Hier würden wir zu
Bildungsarbeit raten, mit dem Ziel Verständnis für den Konflikt und für den
Kampf gegen Antisemitismus zu vermitteln“, sagt der Democ-Geschäftsführer.
6 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://democ.de/entwicklungen-antisemitischer-protestdynamiken/
(DIR) [2] /Debatte-nach-Wahlsieg/!6211074
(DIR) [3] https://report-antisemitism.de/monitoring/
(DIR) [4] /Propalaestinensische-Szene-/!6112173
(DIR) [5] /Antisemitismus-an-Universitaeten/!6106525
(DIR) [6] /Gaza-Demo-in-Berlin/!6116107
(DIR) [7] /Aufruf-zur-Demonstration-am-7-Oktober/!6218094
## AUTOREN
(DIR) Uta Schleiermacher
## TAGS
(DIR) Antisemitismus
(DIR) PFLP
(DIR) Gewalt
(DIR) Palästina
(DIR) Israel
(DIR) Palästina-Proteste
(DIR) 7. Oktober 2023
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Jahrestag 7. Oktober in Berlin: „Das jüdisch-arabische Gespräch ist verloren gegangen“
Der Schriftsteller Mati Shemoelof hat arabische, israelische,
palästinensische und deutsche Positionen zusammengebracht. Heute, so sagt
er, sei das schwerer als je zuvor.
(DIR) Aufruf zur Demonstration am 7. Oktober: Hemmungslose Hamas-Huldigung
Unter dem Motto „Until total liberation“ wollen propalästinensische Gruppen
zum Jahrestag des Massakers durch Berlin ziehen. Die Polizei ermittelt
bereits aufgrund des Aufrufs.
(DIR) Propalästinensische Szene: Solidarität sucht Anschluss
Eine Mehrheit der Deutschen sieht Israels Kriegsführung in Gaza kritisch.
Doch eine breite Demo-Bewegung gibt es nicht. Warum ist das so?
(DIR) Demos mit Nahost-Bezug in Berlin: Videos von rennenden Polizisten
Bei einer Demo setzt die Polizei ein Kind fest. Der Senat sollte solche
Vorkommnisse mehr auswerten um Eskalationen zu verhindern, fordern die
Grünen.