# taz.de -- Wahlen in Bosnien und Herzegowina: Was geopolitisch in Bosnien auf dem Spiel steht
> Unter Trump wenden sich die USA der Republika Srpska zu. Den
> multiethnischen Gesamtstaat müsste jetzt Europa alleine vor der
> Zerstörung schützen.
(IMG) Bild: Der Hohe Vertreter von Bosnien und Herzegowina, Christian Schmidt, im Februar 2025 in Sarajevo
Manche glaubten vor einigen Monaten noch an eine positive Zeitenwende in
Bosnien und Herzegowina bei den [1][Wahlen im Oktober 2026]. Denn das
Wahlsystem sollte mit neuen Technologien verändert und abgesichert werden.
Der vor allem im serbisch dominierten Landesteil Republika Srpska bisher
verbreiteten Stimmenfälschung sollte ein Riegel vorgeschoben werden.
Doch die damit verknüpften Hoffnungen sind schon wieder verflogen. Denn
Mitte des Jahres musste der Hohe Repräsentant der internationalen
Gemeinschaft, der Deutsche Christian Schmidt, der im März die Änderungen im
Auszählungsprozess durchgesetzt hatte, [2][zurücktreten].
[3][Der Hohe Repräsentant] wacht mit weitreichenden Kompetenzen über die
Existenz des Gesamtstaates Bosnien und Herzegowina, bestehend aus der
muslimisch-kroatischen Föderation Bosnien-Herzegowina und der serbischen
Republika Srpska. Die USA, Europa und mehr als 50 weitere Staaten –
darunter Kanada, die Türkei, Japan und Australien – standen bisher hinter
diesem Konstrukt, entstanden im [4][Vertrag von Dayton 1995], der die
Jugoslawienkriege beenden sollte. Doch die Neuausrichtung der USA schafft
Unsicherheit.
Die Kehrtwende der US-Außenpolitik geht auf massive Lobbyarbeit des
bosnisch-serbischen Politikers Milorad Dodik zurück, Präsident der
Republika Srpska bis 2025 und enger Verbündeter Russlands. Dodik
mobilisierte schätzungsweise 9 bis 28 Millionen Euro für Lobbyfirmen und
einflussreiche politische Akteure in Washington, laut Berichten des
US-Justizministeriums etwa der ehemalige nationale Sicherheitsberater
Michael Flynn, für den zeitweise rund 100.000 US-Dollar pro Monat
aufgebracht worden sein sollen.
## Lobbyarbeit für eine Gaspipeline
Der größte Erfolg dieser Lobbykampagne war die Aufhebung aller
US-Sanktionen gegen Dodik, seine Familie und 47 verbundene Unternehmen und
Personen im Oktober 2025. Dies begründete das US-Außenministerium damit,
dass Dodik [5][von seinen Regierungsämtern zurückgetreten] sei und seine
Partei SNSD verfassungswidrige Abspaltungsgesetze zurückgezogen habe. In
Wirklichkeit ging es um handfeste Geschäftsinteressen: Parallel zur
Aufhebung der Sanktionen vermittelte die US-Regierung den Bau der
Erdgaspipeline [6][[Link auf
https://bisi.org.uk/reports/the-southern-interconnection-gas-pipeline-a-pol
itically-critical-node-for-bosnia-and-herzegovina]][7][Southern
Interconnection Gas Pipeline (SIC)], die Flüssiggas aus den USA von der
kroatischen Adriaküste nach Bosnien führen soll. Dieses Unternehmen
betreiben Michael Flynns Bruder Joseph Flynn und Donald Trumps Anwalt Jesse
Binnall.
Dodik gab im Gegenzug seinen jahrelangen Widerstand gegen das
Pipelineprojekt auf. Dafür geriet Christian Schmidt unter massiven Druck
der USA: Er hatte den Pipelinedeal blockiert und war juristisch gegen Dodik
vorgegangen. Nun musste er gehen. Die USA versuchten danach, den als
Trump-nah geltenden italienischen Diplomaten Antonio Zanardi Landi als
Nachfolger durchzusetzen,
Die USA wenden sich im Einklang mit der Republika Srpska also offen gegen
die bisherige internationale Politik und verändern so ganz nebenbei die
Sicherheitsstruktur in Südosteuropa. Dazu kommt, dass die Integration des
Landes in die EU durch kroatische und serbische Nationalisten blockiert
wird. Stehen die USA auf dem Balkan jetzt gegen die EU?
Das Verfassungsgericht von Bosnien und Herzegowina stoppte im September
2026 Teile der RS-Lobbygelder, indem es die Finanzierung von
Auslandsvertretungen für verfassungswidrige Zwecke wie die Bewerbung einer
Abspaltung für illegal erklärte. Aber Dodik stören solche Urteile nicht.
Wer hält sich schon an Gesetze und Urteile, sein Vorbild in Washington
nicht, auch nicht der „gute Freund“ in Moskau, warum sollte er also?
## „Ein Krieg der Werte“
Der in Sarajevo ansässige US-Sozialwissenschaftler Kurt Bassuener sieht
„ein bisschen“ schwarz. „Wenn zwei hochrangige US-Beamte auf der Münchner
Sicherheitskonferenz über die Gefahr eines zivilisatorischen
Zusammenbruchs, einer zivilisatorischen Auslöschung Europas sprechen, dann
hat man ein reales Problem“, sagt er. „Wir befinden uns in einem weltweiten
Krieg der Werte.“ Der kulminiere in Bosnien und Herzegowina, wie bereits
1914, 1941 und 1992.
Die europäische Bevölkerung und die Europäische Union seien sich darüber
nicht im Klaren, meint er. „Zwar sind seit Ende 2004 die Kräfte, die die
territoriale Integrität des Staates und den Frieden im Land verteidigen,
europäisch, die Eufor. Aber Europa zeigt derzeit keine Klarheit, kein
Selbstbewusstsein und keinen Willen.“
Europa sei in sich gespalten, die deutsche Politik vorneweg, sagt auch die
Balkankennerin und Publizistin Marion Kraske. Sie wirft Berlin vor, zu sehr
auf die Erzvorkommen in Serbien zu blicken, statt Demokratisierung zu
fördern. Mit Bassuener ist sie sich einig, dass Deutschland und Europa in
der Verantwortung stehen, Bosnien nicht ins Chaos abdriften zu lassen.
Ob das gelingen kann, werden die Wahlen zeigen. Wahlbetrug zu verhindern,
wäre vor allem in der serbischen Entität wichtig, war doch Dodik bei den
letzten Wahlen anfänglich schon abgewählt bevor kurze Zeit später
wundersame Stimmengewinne für ihn vermeldet wurden.
In den Kroatengebieten sitzt die nationalistische HDZ zwar fest im Sattel,
doch Bosniaken und Minderheiten könnten für die Präsidentschaft den
Gegenkandidaten aus Sarajevo unterstützen. Nur in den Gebieten der
bosniakischen und nichtnationalistischen Mehrheitsbevölkerung wie Sarajevo
und Tuzla gibt es einen demokratischen Wettbewerb zwischen linken und
konservativen Parteien.
4 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/2026_Bosnian_general_election
(DIR) [2] /Ruecktritt-von-Christian-Schmidt/!6178132
(DIR) [3] https://en.wikipedia.org/wiki/High_Representative_for_Bosnia_and_Herzegovina
(DIR) [4] https://en.wikipedia.org/wiki/Dayton_Agreement
(DIR) [5] /Ruecktritt-in-Bosnien-Herzegowina/!6178139
(DIR) [6] https://bisi.org.uk/reports/the-southern-interconnection-gas-pipeline-a-politically-critical-node-for-bosnia-and-herzegovina
(DIR) [7] https://bisi.org.uk/reports/the-southern-interconnection-gas-pipeline-a-politically-critical-node-for-bosnia-and-herzegovina
## AUTOREN
(DIR) Erich Rathfelder
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