# taz.de -- Nach Tod des Kriegsverbrechers Mladić: Zwischen Mythos, Heldentum und Erleichterung
       
       > Der Tod des Kriegsverbrechers Mladić sorgt für heftige Reaktionen. Von
       > einer Entspannung der Lage in Bosnien und Herzegowina kann keine Rede
       > sein.
       
 (IMG) Bild: Starb im Gefängnis: der ehemalige bosnisch-serbische Militärchef Ratko Mladić
       
       Der Tod des zu lebenslanger Haft verurteilten Generals Ratko Mladić hat in
       Serbien und in der bosnischen Republika Srpska heftige Reaktionen
       ausgelöst. Regierungsnahe Medien in Belgrad feierten ihn als „ewigen
       Befehlshaber“ und unerschrockenen Verteidiger des serbischen Volkes.
       [1][Mladić war am Donnerstag im UN-Haftkrankenhaus in Den Haag gestorben.]
       
       In Banja Luka und anderen Städten der Republika Srpska kam es nach Mladić’
       Tod zu Solidaritätsbekundungen. So lautet eine der Forderungen, Straßen
       nach ihm zu benennen. Der „Held des serbischen Volkes“ wird als
       historischer Feldherr beschrieben und ist das Symbol der Republika Srpska
       und ihres Selbstverständnisses. Mit seinem gewaltvollen Agieren hat er
       tatsächlich diesen Teilstaat erst möglich gemacht. Doch dass in diesem Teil
       Bosnien und Herzegowinas die Mehrheit der Bevölkerung vor dem Krieg
       keineswegs aus Serben bestand, wird von vielen Serben ausgeblendet.
       
       Es war das Werk von Ratko Mladić und seinen Unterstützern, andere
       Volksgruppen wie Kroaten und Bosniaken (bosnische Muslime) dort zu
       vertreiben. Nur Serben sollten dort leben. Mladić hatte mit seinen
       Verbrechen [2][die Republika Srpska] geschaffen. Und diese wurde [3][1995
       in Dayton] sogar von der Staatengemeinschaft anerkannt.
       
       Damit wurde Mladić zum Sieger des Krieges. Die Tatsache, dass der
       internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien ihn später
       wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und
       Kriegsverbrechen während des Bosnien-Kriegs von 1992 bis 1995 zu
       lebenslanger Haft verurteilt hat, wird in diesen Reihen nicht als
       historische Wahrheit akzeptiert.
       
       Mladić soll jetzt mit einem pompösen Staatsakt in Belgrad begraben werden.
       Er wird nach dem Wunsch der Familie im Topčider Friedhof neben seiner
       Tochter Ana liegen. Sie soll 1994 auf dem Höhepunkt seiner Verbrechen
       Selbstmord begangen haben. Auch diese Geschichte wird bisher verschwiegen.
       
       ## Radikale stilisieren Mladić zum Mythos
       
       Serbische Medien und Politiker werfen den Ärzten in Den Haag vor, Mladić
       bewusst vernachlässigt zu haben. Zuvor hatte bereits der serbische
       Präsident Aleksandar Vučić vergeblich eine Entlassung Mladićs zur
       medizinischen Behandlung in einem Militärkrankenhaus gefordert. Seit Jahren
       hatte der Ex-General gesundheitliche Probleme und zuletzt mehrere
       Schlaganfälle erlitten. Die Bitte um Überführung nach Belgrad wurde
       abgelehnt. Mladić’ Sohn Darko hatte deshalb wenige Tage vor dem Tod seines
       Vaters von einem „stillen Mord“ gesprochen.
       
       In Sarajevo und bei Opferverbänden wie den „Müttern von Srebrenica“ steht
       nach seinem Tod die Erleichterung im Vordergrund. Mladić habe seine Strafe
       bis zum letzten Tag im Gefängnis verbüßt. Er sei im Gefängnis gestorben und
       habe ein Leben in Schande beendet, heißt es dort. Aber Hass führe zu
       nichts, Hass zerstöre nur die eigene Seele. Sein Tod bringe die Ermordeten
       nicht zurück, öffne keine Massengräber und heile keine Familien.
       
       Mladic’ Name ist untrennbar mit dem Genozid [4][von Srebrenica] im Juli
       1995 verbunden. Bosnisch-serbische Truppen unter seinem Kommando stürmten
       die UN-Schutzzone und ermordeten rund 8.000 muslimische Männer und Jungen.
       Ihre Leichen wurden in Massengräbern verscharrt, viele später umgebettet,
       um die Verbrechen zu vertuschen. Srebrenica gilt als eines der schlimmsten
       Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
       
       Emir Suljagić, Direktor der Srebrenica Memorial Organisation, befürchtet,
       dass mit dem Tod des Täters auch die Erinnerung an seine Verantwortung
       verdrängt wird. Andere Beobachter äußern die Sorge, serbische Nationalisten
       könnten mit ihrer Mobilisierung ihren anhaltenden Hass weiter ausleben.
       
       So auch in Srebrenica. Jugendbanden fahren mit Drohgebärden an dem Friedhof
       der Opfer von Srebrenica vorbei. Bei Fußballspielen rufen serbische Fans
       gegenüber Nichtserben: „Messer, Draht, Srebrenica.“ Eindeutiger können die
       Anfeindungen nicht sein. Ratko Mladić’ Erbe ist auch mit seinem Tod noch
       lange nicht begraben.
       
       28 Aug 2026
       
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