# taz.de -- Wahlen in Bosnien und Herzegowina: Zwischen Erschöpfung und dem Kampf gegen Wahlbetrug
> In Bosnien und Herzegowina wird am Sonntag gewählt. Die Stimmung in der
> Bevölkerung ist getrübt. Nur wenige glauben an einen politischen Wechsel.
(IMG) Bild: Wahlkampf in Sarajevo
Sie hängen überall in den Straßen von Sarajevo, Hauptstadt von Bosnien und
Herzegowina: riesige Werbetafeln mit den Gesichtern vertrauter Politiker,
die den Bürgern entgegenblicken. Während das Land am kommenden Sonntag auf
seine zehnten Parlamentswahlen seit dem Friedensabkommen von Dayton 1995
zusteuert, versprechen Slogans wie „Bürgerstaat“, „Aufbau der Heimat“ und
„Frei leben“ einen tiefgreifenden Wandel.
Doch die Passanten haben ganz andere Sorgen. Sie wollen schnell nach Hause,
bevor der Wasserhahn versiegt. Ständige Abschaltungen – verursacht durch
einen trockenen Sommer sowie ein veraltetes, undichtes Leitungsnetz –
gehören zum Alltag. Unlängst haben die Behörden in aller Eile eine neue
Straßenbahnstrecke eröffnet – die erste seit Jahrzehnten –, um greifbare
Fortschritte zu demonstrieren. Seit 2022 ist das Land EU-Beitrittskandidat.
„Ich weiß zum ersten Mal nicht, wen ich wählen soll. Die Kandidaten sind
doch alle gleich. Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt zur Wahl gehen
werde“, sagt der 38-jährige Kenan, ein Einwohner Sarajevos. Seine
Gleichgültigkeit spiegelt die vorherrschende Stimmung in der Hauptstadt
wider, denn eine echte politische Auswahl bleibt so eingeschränkt wie eh
und je.
In den Kantonen der Föderation Bosnien und Herzegowina (FbiH) – eine der
beiden Entitäten des Staates – sowie auf nationaler Ebene brachte in der
vergangenen Legislaturperiode eine Koalition namens „Troika“ aus
Sozialliberalen, Zentristen und Konservativen die dominierende,
Mitte-rechts ausgerichtete bosniakische Partei der Demokratischen Aktion
(SDA) zu Fall.
## Erschöpfung der Bevölkerung
Mit dem Versprechen von Justizreformen, der Entpolitisierung öffentlicher
Unternehmen und Wirtschaftswachstum machte sich das Bündnis die Erschöpfung
der Bevölkerung zunutze. Die Troika konnte jedoch die hohen Erwartungen der
Menschen nicht erfüllen – ein Umstand, den die SDA nun im Wahlkampf für
sich nutzt. Die Machtteilung auf gesamtstaatlicher Ebene erfordert, dass
die Wahlsieger in der Föderation mit ihren Pendants aus der Republika
Srpska (RS) regieren.
Zwecks Regierungsbildung ging die Troika ein Bündnis mit der
nationalistischen SNSD des Ex-Präsidenten der RS, Milorad Dodik, ein – ein
Schritt, vor dem Kritiker gewarnt hatten – zu Recht. Die Amtszeit war von
anhaltender politischer Lähmung geprägt, die 2025 in einer Verfassungskrise
gipfelte. Dodik wurde wegen der Missachtung von [1][Entscheidungen des
Hohen Repräsentanten der internationalen Gemeinschaft] rechtskräftig
verurteilt und seines Amtes erhoben.
Auf Kritik an der Troika während der Krise baute die SDA ihre Kampagne für
eine Rückkehr an die Macht auf. Jetzt präsentiert sie sich als einzige
Kraft, die in der Lage ist, die gesamtstaatliche Souveränität zu
verteidigen. Es wird erwartet, dass die SDA in den meisten Kantonen, der
Föderation sowie auf nationaler Ebene mit der Kroatischen Demokratischen
Union (HDZ) und einem Partner aus der Republika Srpska (RS) eine Regierung
bilden wird.
Für das dreiköpfige Staatspräsidium haben sowohl die Troika als auch die
SDA bosniakische Kandidaten nominiert – Denis Bećirović und Bakir
Izetbegović. Hier wird ein knappes Rennen erwartet. Die Wahl lässt zudem
jahrzehntelange Streitigkeiten um den kroatischen Sitz im Staatspräsidium
wieder aufleben. Seit Jahren fordert die HDZ eine Änderung des Wahlrechts
mit dem Argument, dass das kroatische Mitglied des Präsidiums durch eine
Stimmenmehrheit der Bosniaken und nicht durch „legitime“ kroatische Wähler
bestimmt werde.
## Weitere ethnische Teilung
Die von der HDZ vorgeschlagene Lösung läuft jedoch auf eine weitere
ethnische Teilung des Staates sowie die Einführung eines rein kroatischen
Wahlkreises hinaus. Das ist für probosnische Parteien inakzeptabel. Da der
scheidende Amtsinhaber Željko Komšić nicht für eine dritte Amtszeit
kandidieren darf, nominierte seine Partei – die linke Demokratische Front –
einen anderen Kroaten: Slaven Kovačević.
Doch Kovačević fehlt es an der Ausstrahlung von Komšić, der sich bei
linksorientierten, probosnischen Wählern großer Beliebtheit erfreut. Dies
eröffnet der HDZ-Kandidatin Darijana Filipović Chancen und macht das Rennen
um den kroatischen Sitz unvorhersehbar.
[2][In der RS hat die von Dodik ausgelöste Krise die SNSD offenbar nicht
erschüttert. Zwar darf Dodik keine politischen Ämter bekleiden, dennoch
bleibt er dort die dominierende politische Figur]. Die ebenfalls
nationalistische Opposition wahlkämpfte gegen Korruption und Kriminalität
in der Regierung.
Der Ausgang des Rennens um das Parlament der RS, das Amt des Präsidenten
der Republika Srpska und den serbischen Sitz im Staatspräsidium ist
ungewiss, wenngleich die SNSD nach wie vor als Favorit gilt. Da die
probosnischen Blöcke in der Föderation darum wetteifern, zu beweisen, dass
sie ein Bündnis mit der SNSD vermeiden werden, bleibt abzuwarten, ob die
serbische Opposition genügend Stimmen für eine Koalitionsbeteiligung auf
nationaler Ebene erringen kann.
Erstmals kommen bei diesen Wahlen neue Technologien zum Einsatz, die
Wahlbetrug verhindern sollen. Alle Wähler müssen sich im Wahllokal mit
Personalausweis und Fingerabdruck anmelden und ihre Stimmzettel selbst
einscannen. Die Wahlbeteiligung lag bislang stets zwischen 50 und 55
Prozent. Da jedoch viele Wähler derzeit das Gefühl haben, dass jede
Machtkonstellation sie bereits enttäuscht hat, dürften die Wahllokale am
kommenden Sonntag noch leerer sein.
3 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tarik Moćević
## TAGS
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(DIR) Wahlen
(DIR) Milorad Dodik
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